Hej Leute, dies ist eine meiner ersten Stories, die ich beendet habe.

 

Früher hieß sie "The Show must go on", nun aber "Wake me up, when my nightmare ends

 Die Story gehört mir, ich habe daran geschrieben und mir gehören somit auch alle Personen, die genannt werden, die keinem Charakter der Wirklichkeit entsprechen(wie z.B. Bands, Bandmembers oder ähnliches). Mir gehört auch keiner der Songs in dieser Story. Ich hoffe ihr habt Spaß beim Lesen LG Maike

Die Story wurde in 2006(meine ich) fertiggestellt und beruht teilweise auf wahren Begebenheiten MEINES Lebens

Kapitel 1

Wie so oft in den letzten Tagen saß sie am Fenster und blickte hinaus. Noch immer regnete es, als ob sie, seitdem ES geschehen war, das Wetter dazu bestellt hätte. Mel liefen Tränen über ihr früher so hübsches Gesicht. Früher hatte sie Grübchen und hatte noch Etwas anderes als bloß Haut auf ihren Knochen, doch in den letzten Wochen war sie wie eingefallen.

Es klopfte an der Tür: „Kann ich reinkommen?“ Ihr Bruder steckte den Kopf rein. „Wenn es sein muss.“ Er schloss die Tür hinter sich, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr. „Mama sagt, du solltest essen kommen.“ Mel schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Mein Magen fühlt sich an, als wäre in ihm ein Loch, das verhindert, dass ich was esse.“ Tobi, ihr Bruder nahm sie in den Arm. „Ich versteh dich, ich weiß doch wie du dich fühlst!“ „Ach ja weißt du das?“ Sie richtete sich abrupt auf. „Mel, versteh mich nicht falsch, er war ein toller Kerl.“ „Ja und wieso starb er bei dem Unfall und nicht der Fahrer? Oder gar keiner, oder ich?“ „Ich weiß es nicht.“

Mels Freund Moritz war drei Wochen vorher bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Der Fahrer hatte wohl in einer Kurve einen Fahrstil Marke Bleifuß gehabt und war dann in der Kurve ins Schleudern gekommen. Er prallte gegen einen Baum und Moritz wurde eingequetscht. Auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb er. Er und der Fahrer waren auf dem Weg zu ihr gewesen, um sie abzuholen. Hätte sie nicht am Telefon darauf bestanden pünktlich um acht abgeholt zu werden, würde Moritz vielleicht noch leben. Sie machte sich Vorwürfe. Immer wenn es klingelte sprang sie erst auf, um in der zweiten Sekunde zu erkennen, dass er sie nie wieder abholen würde, nie wieder mit ihr eine Fahrt unternehmen würde, sondern, dass er sie für immer und ewig allein gelassen hatte.

Auf seiner Trauerfeier und der eine halbe Woche später stattfindenden Beerdigung war sie beide Male zusammen gebrochen und man musste sie kurze Zeit vom Friedhof fern bringen. Moritz war gerade siebzehn geworden und hatte große Pläne von seinem Leben. Er wollte Psychologe oder Arzt werden und hatte hart dafür gearbeitet. In der Schule hatte er nur die schwersten Fächer gewählt, die er alle geschafft hatte, die Lehrer sicherten ihm zu, dass er die zwölfte und dreizehnte Klasse ganz locker packen würde.

Mel konnte alles immer noch nicht fassen.

„Mel, hör zu. Moritz ist tot, aber das Leben geht weiter, so komisch es sich auch anfühlen mag und so komisch es klingen mag. Bloß weil Moritz nicht mehr ist, darfst du nicht aufgeben.“ Tobi nahm ‚seine Kleine’ wieder in den Arm. „Für mich war Moritz ein toller Kollege. Der Fußball mit ihm machte viel mehr Spaß, aber sein wir ehrlich. Sitzt er da oben und sagt: ‚Mel, Tobi, jetzt wo ich nicht mehr lebe möchte ich nicht, dass ihr glücklich seid und die Sachen macht, die euch gefallen’. So war er nie und so würde er auch nie reden. Er hat dich geliebt, er würde nur das Beste von dir wollen.“ Es war nicht das erste Mal, dass er dies Mel erzählte, aber langsam musste es was bewirken.

Seine Schwester schniefte, schnäuzte sich und stand auf. „Wohin willst du?“ „Ich glaube ich muss was essen.“ Sollte dies ein erster Schritt werden?

Doch Tobias überlegte und freute sich zu früh. Seine Schwester aß weder viel, noch sagte sie bei Tisch ein Wort. Nach dem Essen räumte sie den Teller weg, sagte bloß „Nacht!“, und war wieder in ihrem Zimmer. Dieses Mal drehte sie aber den Schlüssel im Schloss um. Sie wollte keine ungebetenen Gäste.

Eine ihrer Schubladen war halboffen und vor jener stand sie nun. Ein Foto lag oben drauf. Ein Wuschelkopf und jemand mit langen Haaren waren abgebildet. Moritz und sie, kurz vor dem Unfall. Im Hintergrund der Unfallwagen. Moritz küsste sie auf dem Bild und sie spürte wieder auf ihren Lippen die Berührungen von ihm. Sie schrie auf. Es tat zu weh. Umgedreht legte sie das Foto wieder in die Schublade zurück und schloss diese. Doch aus der Schublade daneben holte sie das, was sie eigentlich Moritz versprochen hatte nie wieder zu benutzen, ihre Herhausgebrochenen Rasierklingen. Eine lange Zeit hatte sie sich geritzt, ihre Fußknöchel und ihre Schultern waren vollkommen entstellt gewesen, bis Moritz ihr dann eine runterschlug. Nicht feste, aber so, dass sie es sich merkte. Er hatte geweint und sie gebeten sie solle es lassen mit dem Ritzen, er hätte Angst um sie.

Mel zog sich ihr Shirt über den Kopf und strich nochmal über ihre wieder verheilten Schultern. „Verzeih mir Schatz“, flüsterte sie, als sie die Klinge ansetzte und über ihre Haut zog. Das Blut tropfte herunter, obwohl sie nicht einmal sehr tief geschnitten hatte. Ihr Handy vibrierte. Eine SMS war eingegangen, von ihrer eigentlich besten Freundin, doch auch mit der wollte sie einfach nicht reden, dennoch klickte sie auf lesen.

„Hi Süße,

morgen ist wieder Schule, kommst du?

Ich hoffe es, denn ich vermiss dich

und es ist unser erster "gemeinsamer"

Schultag.

Ich werde dir helfen. Kizz

Knuddel Miri.“

Auf Miris Versprechen konnte sie zählen. Die Herbstferien waren zu schnell umgegangen, sie hätte eigentlich mehr Abstand gebraucht.

Sie schrieb noch eine Antwort an Miri mit den letzten Worten ‚Danke Darling, du hast mich vor etwas bewahrt.’

 Und damit legte sie die Klingen wieder in die Schublade, zog sich den Stuhl ans Fenster und schaute wieder hinaus. Aus ihrer CD-Anlage dröhnte Janus. Sie fühlte sich zu schlecht um wieder Reggae zu hören wie früher. ‚Natürlich hat er das nie gewollt…’ Sie riss das Fenster auf. „Du Mistkerl, wieso hast du mich verlassen? Wusstest du nicht wie sehr ich dich liebe? Immer noch? Obwohl du tot bist? Und du Gott, findest du das gerecht? Das jemand sterben muss, der unschuldig ist? Ist das bitte fair?“ Und dann schepperte es. Mel hatte das Fenster zugeknallt und sich erschöpft durchs Zimmer gekämpft, aufs Bett fallen lassen und war eingeschlafen.

2.Kapitel

„So da wären wir, soll ich mit reinkommen?“ Tobi schaute Mel besorgt an. „Geht schon, da drüben wartet schon Miri auf mich. Es ist zwar eine neue Schule, aber es gibt ja auch Miri. Und ach… egal… ciao du.“ Sie umarmte ihn nochmal und stieg aus dem Auto aus.

Mel hatte nach dem Unfall den Antrag gestellt die Schule zu wechseln um weniger mit allem Bekannten konfrontiert zu werden. Miris Schule hatte das ‚Okay’ gegeben auch mitten im Schuljahr zu wechseln.

„Hi Mel. Wie…“ Sie stoppte mitten in der Frage, denn sie wusste ja theoretisch die Antwort und Mels Kopfschütteln war Antwort, auf diese angebrochene Frage, schon genug. Miri war zwei Stufen unter Mel und damit nicht in ihrer Klasse.

Zusammen machten sie sich auf den Weg zum Sekretariat. Mel holte sich ihre Informationen und ließ sich von Miri den Raum zeigen.

„Wir sehen uns in der Pause im Foyer. Dann zeig ich dir mal ein wenig hier von der Schule, okay?“ „Ja.“ Mels Herz klopfte lauter, als das Pochen ihrer Knöchel an der Klassenraumtür. „Herein“, erklang ein tiefer Bass. Sie atmete tief ein und wusste jetzt war Moritz, ihr Moritz, ganz nah bei ihr.

„Willst du nicht reingehen?“, fragte hinter ihr eine freundliche männliche Stimme. „Doch, wieso?“ „Ach ich weiß nicht, die sollen beißen hab ich mir sagen lassen.“ Mel hatte für Witze keine Achtung, so verzog sie nur die Mundwinkel und machte die Tür auf.

„War die Tür so verschlossen, dass du dreißig Sekunden brauchst sie zu öffnen?“ Die Klasse lachte, aber freundlich.

Mel nicht, mit versteinerter Miene stand sie da und war im Begriff raus zu rennen, doch der Kerl von grade verhinderte ihr diese Option.

Endlich kam Ernst in den Lehrer und die Schüler.

„Leute, das sind Mel und…“ Er blickte den andren ziemlich fragend und entschuldigend an. „Peter Moritz von Kleinhagen. Ich werde aber immer Petzi oder Pedder genannt, könnt ihr euch aussuchen.“ Er machte einen plausiblen, guten Eindruck musste Mel zugeben, doch bei dem Namen Moritz zog sich alles zusammen, sie wurde leichenblass und musste sich abstützen.

„Alles in Ordnung?“ Ein Mädchen stand neben ihr, welches ihr freundlich zulächelte. „Geht schon danke.“

„Mel, Peter, ihr habt doch nichts dagegen nebeneinander zu sitzen? Zumindest momentan.“

Und schon fing der Unterricht an.

„Woher kommst du, dass du mitten im Schuljahr die Schule wechselst, seid ihr umgezogen?“, fragte Peter Mel. „Nein.“ „Was ist denn dann der Grund?“ „Geht dich nichts an.“ „Ahja.“ Er gab sich jedoch mit dieser Antwort keinesfalls zufrieden. „Ich möchte nicht darüber reden, okay?“ Sie wurde ruppig und ungerecht, doch in diesem Falle war ihr das total egal. Sie hatte keine Lust auf Konversation.

Peter machte zwar noch einige Anstalten mit ihr wieder ins Reine zu kommen, doch sie lehnte immer ab.

Es war erlösend, als plötzlich die Schulglocke läutete. Sie schnappte ihre Mappe und ihre Tasche und verließ den Raum. Sie rannte ins Foyer und stolperte Miri fast in die Arme. „Hey was ist los?“ Mel war kreidebleich. „Ach, die Klasse ist viel weiter als an der alten Schule und ich habe nen Kerl neben mir sitzen, der Peter MORITZ heißt. Ist das fair?“ Sie wurde von Miri in den Arm genommen. „Nein, ich glaube nicht. Aber du schaffst das schon. Wenn es jemand schafft dann du.“ Dankend versuchte Mel zu lächeln, doch ganz wollte es nicht glücken. „Komm ich zeig dir das Gebäude.“ Miri war eine angenehme Freundin. Sie redete nicht viel und wenn, dann nur in dem Maße, dass es Mel nicht zuviel wurde.

Als es wieder schellte prallte sie mit Peter zusammen. „Sag mal, rennst du gerne gegen andere Leute?“, fragte er sie. „Lass mich.“ „Nee sag. Du bist vorhin erst gegen eine Schülerin gelaufen.“ „Das war meine beste Freundin.“ „Ahja.“ Damit war das Gespräch beendet.

Im Unterricht versuchte sich Mel auf die Ganzen Sachen zu konzentrieren. Englisch war eigentlich ihre Stärke.

Doch kurze Zeit später merkte Mel die Seitenblicke aller die auf ihr ruhten. „Du weinst“, informierte ihr Banknachbar sie. Und dann bemerkte auch sie es. Stumme Tränen rannen ihr Gesicht runter. Der Lehrer, Herr Abend, schaute sie besorgt an. „Geht es, ist alles okay?“ Sie schüttelte den Kopf und lief aus dem Raum raus. In den letzten Tagen und Wochen hatte sie sich so an die Tränen gewöhnt, dass sie gar nicht mehr merkte, wann sie weinte. Erschöpft ließ sie sich an der Wand des Gebäudes herunter gleiten. Sie hörte schnelle Schritte, Schritte auf Absätzen. Eines der Mädchen war ihr gefolgt.

„Hey Mel, kann ich etwas für dich tun?“ Sie schüttelte nur den Kopf. „Ich bin Sarah, englisch ausgesprochen.“ Sie setzte sich ohne Scheu neben Mel. Sarah war das Mädchen von vorhin, das sich sofort nach ihrem Befinden erkundigte. Mel erkannte sie. „Wieso hast du geweint, oder willst du nicht darüber reden?“ Mel schüttelte wieder den Kopf. „Es ist zuviel.“ „Ach weißt du, wir beide sind bis zum Ende der Stunde freigestellt. Herr Abend ist sehr einsichtig. Das bedeutet wir haben noch eine halbe Stunde. Wenn du willst können wir reden. Vielleicht tut es dir ja gut.“ „Die, die es wissen sollen, wissen es schon. Es hat doch keinen Zweck.“ Sarah schwieg, dann plötzlich lächelte sie Mel an. „Dann eben nicht über dieses Thema.“ Sie reichte dem Mädchen ein Taschentuch. „Reitest du?“ Mel schaute sie perplex an. „Na ja, ich reite nicht mehr, aber ich bin mal geritten.“ „Dann kennen wir uns.“ „Ja?“ Mel konnte sich nicht mehr an das schwarzhaarige Mädchen mit den strahlendblauen Augen erinnern. „Wirklich?“ Sarah nickte. „Ja, ich bin bei dir in der Freitagsstunde zusammen geritten. Ich kam mit meinem Wallach Odin immer mit dem Hänger von Mai zu Deuteberg.“ Plötzlich machte es klick bei Mel. Der Name Odin sagte ihr etwas, sie hatte sich immer mehr für die Pferde, als für die Reiter interessiert. „Ja doch, in dunkler Erinnerung. Ein Hammer Tier.“ „Ja das ist er. Ist ja auch wahnsinnig groß und schwarz.“ Mel musste etwas lächeln. Sarah war nett. Bis es schellte saßen beide auf dem großen Flur und redeten. Durch das Geplauder wurde Mel etwas abgelenkt. Die beiden verabredeten sich für den nächsten Nachmittag beim Reitstall Mai, doch nach dem Gespräch wurde ihr erst bewusst, auf was sie sich eingelassen hatte. Sie musste alleine ihr Zimmer verlassen und wieder unter die Leute gehen. Was wäre, wenn sie plötzlich Ängste bekam und Hals über Kopf wieder alles hinschmeißen würde?

Sie erzählte es Miri, die sie verstand, doch ermutigte wieder am Leben teilzunehmen. „Was bringt es dir denn, wenn du nur noch im abgeschlossenen Zimmer oder auf dem Friedhof anzutreffen bist? Besser ist es doch, wenn du mal wieder was tust. Du gefällst mir momentan gar nicht. Du siehst aus wie eine Leiche auf Urlaub.“ Miri sagte ihrer besten Freundin unverfälscht ihre Meinung. „Alle machen sich schon Sorgen um dich. Manche haben sogar Angst, dass du dich selber umbringst!“ „Ach quatsch.“ „Das ist kein Quatsch.“ Schnell wechselte Mel das Thema, denn eigentlich hatte Miri Recht. Über Suizid hatte sie nachgedacht, ihr Leben hatte doch nach dem Tod Moritz’ keinen Sinn mehr.

„Sollen wir dich mit heim nehmen?“  Sie hatte ihren Bruder entdeckt, der ihr vom Auto her zuwinkte. „Gern.“ Energisch steuerte Miri vor Mel auf das Auto zu. „Hey Tobias.“ „Hey Miri, na wie geht es dir?“ „Gut.“ „Und dir Schwesterherz?“ „Wie soll’s mir schon gehen.“ Tobi und Miri seufzten gleichzeitig. Mel setzte sich nach vorne und schwieg, während Tobi und Miri sich angeregt unterhielten. Mel versetzte es einen kleinen Stich, sie bemerkte das Band, dass zwischen ihrer besten Freundin und ihrem älteren Bruder war. „So Schweigsam Sister. Ist die neue Schule nicht schön genug?“ Mel nickte langsam. „Doch, aber mir ist nicht nach reden.“ Er hielt an um Miri raus zulassen. „Wir sehen uns dann morgen?“ Beide nickten. „Ciao.“ Sie winkte nochmal und der Junge fuhr los.

„Dir ist nicht nach reden, dir ist nicht nach essen. Ist dir überhaupt irgendwo nach?“ Er schaute sie eindringlich an. Mel war für ihn immer etwas Besonderes gewesen. Beide hatten noch eine ältere Schwester, die in den Vereinigten Staaten studierte, doch zu ihr hatte er nicht diese Bindung.

„Nein, eigentlich möchte ich nur schlafen und vielleicht noch trinken, damit ich etwas lebe, aber sonst nichts.“ „Da werden Mama und Papa dir einen schönen Strich durch die Rechnung machen heute“, meinte er etwas sarkastisch. „Wieso?“ „Ach Papa hat Geschäftsfreunde zum Essen eingeladen. Es wäre besser für die Firma, wenn sie heute kommen. Wir müssen dabei sein, BEIDE. Und sie dulden keine Ausnahme.“ Mel wollte trotzdem bei ihren Eltern protestieren, doch ihr Bruder hatte Recht, es brachte nichts, sie blieben hart. Als es an der Tür schellte stand sie vor ihrem Kleiderschrank. Ein schwarzer Rock und ein schwarzes Shirt schienen einiger Maßen angemessen.

Als sie die Treppe runter ging hörte sie schon Stimmen, grade als sie im Begriff war sich umzudrehen, trat ihr Bruder hinter sie, nahm sie bei der Hand und führte sie ins Erdgeschoss. Ein Mann und eine Frau redeten mit ihren Eltern und neben ihr standen noch zwei Jungen.

Tobias ließ ihre Hand nicht los.

„Ah, da kommen ja auch unsere beiden Kinder.“ Und ihr Vater sofort: „Peter, Max, Susanne, Markus, das ist unser Sohn Tobias und unsere Tochter Mel.“ Die beiden Jungen traten aus dem Schatten ihrer Eltern hervor und Mel erschrak sich. Peter war ihr Banknachbar, die seelische Nervensäge.

„Wir kennen uns“, meinte daraufhin Peter und zwinkerte Mel zu. „Und wir kennen uns auch, gell Tobi?“, wandte sich der andere Junge an Tobias. „Ja.“ „Seht einmal an, so kann es kommen, woher kennt ihr euch denn?“, wollte Frau von Kleinhagen wissen. „Aus der Schule“, klärte Peter seine Mutter auf. „Mel, das Mädchen mit den traurigen Augen?“, hakte schon Peters Vater nach. „Ja.“

Hatte Peter soviel erzählt? Sie drehte sich auf ihren Absätzen um und rannte hoch in ihr eigenes Badezimmer, verriegelte die Tür und setzte sich auf den Rand ihrer Badewanne. Von unten hörte sie ihren Vater: „Ich muss sie entschuldigen, ihr geht es momentan psychisch nicht gut. Sie hat einiges durchgemacht in den letzten Wochen, man sollte sie darauf nicht ansprechen.“ Die Mutter von Peter, Susanne schien nachzufragen, was Mel denn so schreckliches mitgemacht hatte, doch ihre Stimme war so leise, dass sie nur Bruchstücke mitbekam. „Ich glaube, dass Mel nicht möchte, wenn wir darüber sprechen, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt.“

Mel packte ihre Bürste, fuhr sich durchs aufgelöste Haar und ging wieder runter.

„Entschuldigen Sie bitte meinen Ausbruch.“ Alle schauten sie an, sieben Augenpaare ruhten auf ihr. „Mir geht es, wie mein Vater gesagt hatte, wirklich nicht besonders gut. Aber ich möchte Ihnen ihren Abend nicht verderben. Tut mir wirklich aufrichtig Leid.“

Sie spürte Gewicht auf ihren Schultern. Tobias hatte in einer beschützenden Geste ihr seinen Arm um die Schultern gelegt. „Es ist alles gut, alle verstehen dich. Du musst nichts erklären.“ Er führte sie zu einem Stuhl und drückte sie darauf. „Was wollt ihr trinken?“ Ihr Vater nahm das Gespräch wieder auf und schenkte Rotwein, Weißwein, Orangensaft und Wasser aus.

Peter schaute Mel an. Wieso war sie so komisch? Was hatte sie durchmachen müssen, dass sie jetzt so verschlossen und so traurig war? Auf all das konnte er keine Antwort finden. Sie war ein Recht hübsches Mädchen, braune Haare, blaue Augen, schlank und drahtig.

„Was machst du denn in deiner Freizeit, Peter?“ Peter schrak aus seinen Überlegungen auf und sah der Mutter seiner Klassenkameradin ins Gesicht. „Ich…“ Er stockte, doch schnell hatte er sich wieder unter Kontrolle: „Ich schwimme, gehe bouldern, zweimal in der Woche joggen und na ja ich reite ab und an auf dem Pferd meiner Mutter ins Gelände. Ansonsten spiel ich noch drei Instrumente.“ Mel sah, dass ihre Mutter erstaunt war, dafür sie nicht im Geringsten.

„Was ist denn bouldern?“, fragte ihr Vater verwirrt, automatisch antwortete seine Tochter: „Das ist klettern ohne Seil und Gurt, kommt aus dem Englischen und ist sehr anstrengend.“ Erstaunt sah ihr Vater sie an: „Woher weißt du das denn?“ Sie winkte ab. Tobias beugte sich zu seinem Vater rüber und raunte: „Moritz und sie waren da mal, es gehörte zu seinen Hobbies.“ „Oh Schande.“

Peter hatte das komische Gespräch zwischen Vater und Sohn mitbekommen. „Wer ist Moritz.“ Gleich fing er sich einen Tritt unterm Tisch von Tobi ein. Das blieb nicht unbemerkt. „Tobi, lass das, es bringt ja doch nichts“, rügte Frau von Meerensburg ihren Sohn. Mel stand auf, nickte entschuldigend in die Runde und verschwand.

Am Tisch kam Gemurmel auf. „Wieso fragst du so was am Tisch?“ Peter schaute verwirrt. „Ich wollte nur wissen, wer dieser Moritz ist.“ „Ihr Exfreund.“ Na, Exfreund kannst du das nicht nennen“, korrigierte sie ihren Mann. Und dann wandte sie sich an Herrn und Frau Kronberg. „Mel hat ihren Freund verloren, ihre erste große Liebe. Er hatte einen Unfall. Mehr wollen wir aber nicht darüber sagen, ich vermute, sie möchte es auch nicht.“ Peter stand auf: „Ich schaue mal nach ihr, schließlich hab ich es auch verbockt!“ „Du weißt doch gar nicht wo sie ist“, warf Markus, sein Vater ein. „Dann such ich sie eben!“

Und damit ließ er sie sitzen.

Peter lief in die Richtung wo Mel verschwunden war. Er betrat einen großen Wintergarten, bei dem die Tür, welche nach draußen führte, nur angelehnt war. „Mel?“ „Lass mich.“ Peter suchte die Gegend der Stimme, als er Mel fand. Sie saß zusammen mit einem Mechelaar an einen Baum.

„Nein, ich lasse dich nicht, schließlich hab ich dich verärgert!“ „Ach das. Das passiert mir oft in letzter Zeit.“ Sie presste die Worte raus. Peter war mit drei großen Schritten bei ihr, der Hund bellte ihn an.

„Beißt der?“, erkundigte er sich. „Auf Befehl schon.“ Doch diesmal ließ er sich nicht verscheuchen. „Ich wollte kein Trampel sein, aber du wolltest ja nichts erzählen.“ „Ja und? Hatte ich doch auch jeden Grund zu.“

Mel konnte es nicht mehr verhindern, sie fing hemmungslos an zu weinen. „Hey, nicht weinen.“ Ein kurzes Klatschen und seine Wange brannte. „Weißt du eigentlich, wie es ist? Wie es ist jemanden zu verlieren? Und dann sagst du, dass ich nicht weinen solle. Du bist so was von Gefühlsarm.“ Der Belgische Schäferhund neben ihnen brummelte, als seine Besitzerin Peter anschrie. „Doch das weiß ich.“ Er stand auf und wand sich ab. „Das weiß ich genauso wie du.“ Mel schaute nicht hoch, sondern auf ihren Hund und kraulte ihn. Vivaldi entspannte sich und legte sich auf die Seite. „Ach ja?“ Sie ließ keine langen Sätze zu. „Ja, ganz genau. Meine beste Freundin hat Selbstmord begangen vor zwei Jahren.“ Da erst blickte sie auf. „Bitte?“ „Ja, sie hieß Melanie. Damals war sie fünfzehn Jahre alt. Sie hat alles nicht mehr gepackt. Am Abend hatten wir noch telefoniert und am nächsten morgen fand man sie tot.“ Er schluckte. Auch wenn er es bis jetzt ganz gut verarbeitet hatte, konnte er kaum darüber sprechen. Er vermisste ‚seine’ Melanie immer noch sehr. „Wieso… wieso hat sie es getan?“ „Sie war schwanger von ihrem Stiefbruder, hatte ein Glioblastom WHO IV und stand in drei Fächern sechs in der Schule.“ Er schaute Mel an. „Wie hast… wie hast du das verarbeitet?“ Peter dachte nach. Es war viel gewesen. „Ich habe eine Therapie begonnen, meine Freunde standen sehr zu mir und alles. Und vor allem habe ich immer und überall geweint.“ Er setzte sich wieder neben Mel. „Es war ein großer Schock für mich. Melanie war grade mal fünfzehn und hatte schon viel mitgemacht. Am Abend vor ihrem Selbstmord hatte sie erfahren, dass ihr Kind im Bauch tot sei. Das war dann zuviel für sie. Sie hat ihrer Mutter und mir noch einen Abschiedsbrief geschrieben und sich dann selber erhangen. Mit fünfzehn.“ Er streichelte Gedankenversunken über den Kopf von Vivaldi. „Willst du mir immer noch nicht von dir erzählen?“ Mel wollte eigentlich intuitiv den Kopf schütteln, doch dann atmete sie tief durch.

„Ich war verliebt in einen Jungen. Wir hatten uns vor dreieinhalb Jahren kennen gelernt. Er war damals vierzehn, ich dreizehn. Wir waren zusammen damals mit der Schule bei einem Kletterkurs und er sollte mich sichern. Er hatte damals so getan, als wäre ich eine Feder, doch kurz bevor ich auf dem Boden aufsetzte, kam ich ins straucheln und fiel gegen ihn und mit ihm um. Er nahm es gelassen, lachte und meinte, dass ich stürmisch sei.“ Ein kleines lächeln huschte über ihr Gesicht, doch Peter sah es nicht. „Wir waren oft aus und irgendwann nahm er mich in den Arm und meinte ‚Mel, ich habe mich in dich verliebt.’ Ich war so glücklich, das hatte nie gedacht.“ Wieder machte sie eine Pause, in der sie laut aufschluchzte. „Und wir waren dann drei Jahre zusammen. Fast auf den Tag genau. Und dann eines abends wollten ein sehr guter Freund von uns und wir beide das feiern gehen. Ich hatte gebeten, dass sie pünktlich sein sollten. Moritz hatte vorher nochmal mit mir telefoniert. Sie sollten um sieben kommen und dann, dann um halb Acht kam ein Anruf… Ein Anruf von seinen Eltern, ihr Sohn sei tot und ich brach zusammen. Drei Jahre haben wir alles durch gestanden, meine Magersucht, seine Drogen und dann, dann reißt mir jemand einfach meine Schatz aus dem Leben.“ Sie hatte sich auf den blanken Boden gelegt und weinte. Im ersten Moment wusste Peter nicht, was er tun sollte, doch dann hob er ihren Kopf hoch und legte ihn sich auf den Schoß. Mel krampfte ihre zartgliedrigen Hände in seinen Pullover. „He…“ Peter weinte auch. Irgendwie war es ansteckend. Drei Jahre Beziehung waren eine sehr lange Zeit und er war mit Melanie damals auch drei Jahre wirklich befreundet gewesen, sie war ein Jahr älter als er, aber weder ihn noch sie hatte es gestört.

Er vermisste Melanie und Mel vermisste ihren Moritz.

„Hast du eigentlich eine Therapie gemacht?“, fragte Peter Mel plötzlich. „N… n… nein.“ „Sollest du aber vielleicht, es ist nicht gesund, alles in sich hinein zu fressen.“ „Ich hab doch meine Familie.“ Er strich ihr übers Haar. „Ja die Familie, aber die sind keine Psychologen.“ Dem musste Mel zustimmen. So übel war Peter nicht, mit ihm konnte sie über den Tod sprechen, er hatte es auch schon mal miterleben müssen. Irgendwann schlief sie ein, einfach auf seinem Schoß. Als Peter das merkte hob er sie hoch und nahm sie wie ein kleines Mädchen auf die Arme. Er betrat das Haus und lief mit ihr auf dem Arm die Treppen hoch. Eine Tür stand offen, das musste ihr Zimmer sein. Er sah ihre Schultasche und fühlte sich bestätigt. Am Ende des Zimmers stand ein großes Bett, es sah neu aus, fast so, als wäre es für bestimmte Sachen angeschafft worden. Sanft legte er sie darauf und zog ihr die Schuhe aus. Als er ihr dann über die Wange streichelte und die Decke drüber zog seufzte sie. Sie war eine wirkliche Schönheit, selbst wenn sie schlief. Peter war unsicher, konnte er sie allein lassen?

Er musste und so suchte er einen Zettel und einen Stift und schrieb ihr einige Zeilen. Bevor er das Zimmer leise verließ, streichelte er nochmal ihre Stirn und löschte dann das Licht.

„Sie schläft“, informierte er die anderen und setzte sich wieder an den Tisch. „Wie geht es ihr?“ „Ich will mich nicht einmischen, aber sie braucht eine Therapie. Die Familie reicht nicht, sie hat es eingesehen.“ Alle nickten.

Kapitel 3                                                                                        

Am nächsten Tag wartete Peter vor dem Schulgebäude auf Mel. Und dann endlich sah er sie. Sie schaute zweifelnd auf das Schulgebäude und wusste nicht, ob sie nicht besser schwänzen solle. Peter ergriff die Initiative und lief auf sie zu und als ob er Gedanken lesen könnte, nahm er sie am Arm und zog sie mit sich. Ohne ein Wort zu verlieren betraten sie das Schulgebäude. „Du bist ein Idiot“, flüsterte sie ihm zu, als sie sich auf ihre Plätze begaben. Er schaute sie verblüfft an. „Wieso das?“ „Was sollte das gestern Abend?“ Peter erkannte Mel nicht wieder. Sie hatte ein wütendes Blitzen in den Augen, als wäre sie ausgewechselt. „Mel?“ „Ich will keinen neuen Freund haben, ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Ich will keine Therapie, die nichts bringen wird, ich will einfach nur meine Ruhe und einfach nur alleine sein, verstehst du das nicht?“ Peter verstand es nicht, was hatte er denn falsch gemacht? Sie legte ihm einen Zettel vor die Nase, den vom vorigen Abend. „Was ist denn damit?“ „Lies ihn dir nochmal durch.“ Sie schaute jetzt eher traurig als sauer. Peter blieb an einer Wortphrase hängen. „Hab dich gern? Ist es das was du meinst?“ „Ja. Ich möchte das nicht.“ Herr Abend stand schon in der Klasse, so dass sie das Gespräch verschieben mussten. Den ganzen Unterricht konzentrierten sich beide nicht, Peter nicht, weil er sie nie verletzen wollte und sie, weil Peter neben ihr saß.

Nach der Stunde versuchte Peter wieder das Gespräch aufzunehmen. „Mel… hör zu. Ich wollte dich niemals verärgern, ich hab dich wirklich gern, weil du verschlossen bist und weil du den Schmerz kennst und weil ich weiß, dass du ein tolles Mädchen bist.“ „Woher, du kennst mich grade mal vierundzwanzig Stunden!“ Er zuckte mit den Schultern. „Es gibt so etwas wie den ersten Blick!“ Sie fuhren sich gegenseitig an, während die anderen Klassenkameraden nicht wussten, wie sie eingreifen sollten. Plötzlich stand Sarah zwischen den beiden. „Hört auf, egal um was es geht, hört auf. Es scheint ja doch nichts zu bringen.“ Beide schauten sie entschuldigend an.

Peter legte seine Hand auf Mels Schulter. „Hör zu, ich will dir nichts Böses und auch keine Liebe, ich möchte dir helfen, ich mag dich.“ Mel schossen Tränen in die Augen und rannte wieder aus dem Klassenraum.

„Ist alles okay mit ihr?“ Er schüttelte den Kopf. „Nichts ist okay, aber solange sie nicht von sich aus redet, sollten wir auch nicht nachfragen.“ Alle nickten und setzten sich auf ihre Plätze. „

„Wo ist Mel?“, fragte ihr Klassenlehrer, als die Stunde anfing, doch dann ging auch schon die Tür und das Mädchen betrat den Raum. „Alles in Ordnung mit dir?“ „Geht schon.“ Mit gesenktem Kopf ließ sie sich auf ihrem Stuhl nieder. Herr Merten wusste, dass sie die Schule nur gewechselt hatte, weil sie den Anblick von all den Sachen, die mit ihrem verstorbenen Freund nicht ertragen konnte, er war also eingeweiht. „Mel, es tut mir wirklich Leid…“, flüsterte Peter und diesmal nickte sie. „Es ist schon okay, du kannst es ja nicht wissen.“ Wieder war sie wie ausgewechselt und auch Peter fiel es schwer mit diesem auf und ab umzugehen, doch er sollte es lernen. Er war nur schon mal froh, dass sie nicht mehr auf ihn losging, wie eine Löwin.

 

Kapitel 4

Am Nachmittag schellte es bei den von Meerensburgs. Sarah stand in Reitmontur vor der Tür und fragte nach Mel.

Frau v. Meerensburg wusste erst nicht, was dieses Mädchen wollte, doch als Mel auch in Reitsachen die Treppen runter lief verstand sie.

„Ihr geht reiten?“ „Ja, wir sind früher manchmal in einer Stunde zusammen geritten.“ „Schön.“ „Sorry Mam, ich glaube ich habe vergessen dir zu sagen, dass ich diesen Nachmittag nicht zuhause bin.“ Ihre Mutter lächelte. „Macht nichts. Hauptsache du hast Ablenkung.“ Ein zaghaftes Lächeln, das erste richtige seit Wochen erschien auf ihrem Gesicht. Frau von Meerensburg lächelte zurück. Beim Mittagstisch hatte sie ihrer Tochter erklärt, dass sie ihre Tochter einmal die Woche zu einer Psychologin gehen solle und sie hatte eingewilligt.

Mel stieg bei Sarahs Vater ins Auto und unterhielt sich angeregt mit der Schwarzhaarigen. Sie erfuhr, dass Sarah mit der Stallbesitzerin gesprochen hatte und dass sie deswegen eines der Pferde des Stalles reiten durfte. Frau Mai war eine sehr freundliche Frau und sie begrüßte Sarah und ihre Klassenkameradin sofort, als sie auf den Hof fuhren.

„Du musst Mel sein.“ Sie strahlte Mel an, wieder huschte ein Lächeln über das Gesicht des jungen Mädchens. „Na dann komm mal mit, ich hab da ein Pferd für dich.“ Mel folgte der Vierzigjährigen zu einer Box, in der ein großer Schimmel stand. „Das ist De Luxe, ein wirklich lieber Wallach. Sarah sagte ihr würdet ins Gelände wollen, dort ist er eine Lebensversicherung, er hat außerdem noch ganz tolle Gänge.“

Nach weiteren Einweisungen war Mel alleine mit dem Tier. De Luxe hatte ein Stockmaß von etwa ein Meter achtzig. Er gefiel dem Mädchen und er schnupperte schon an ihren Taschen, die gut nach Leckerchen dufteten. „Nein mein lieber, erst bei getaner Arbeit.“ Die Handgriffe gingen ihr nicht mehr ganz so leicht von der Hand wie früher, jedoch schaffte sie es ohne große Probleme.

„Bist du fertig?“ Sarah tauchte vor der Box auf. „Ja bin ich, wollen wir?“ „Gerne.“ Sie öffnete die Boxentür und führte den Schimmel raus. „Ui, da hat dir Frau Mai, oder auch Ulrike, wie wir sie nennen, ein tolles Pferd gegeben, hätte ich nicht gedacht. Das ist ihr Liebling!“ „Hast du ihr erzählt, dass ich komme?“ „Ja klar, ich hab ihr erzählt woher ich dich kenne und wie wir gestern uns richtig kennen gelernt haben.“

Mel fragte nicht nach, ob sie ihr auch erzählt hatte, dass sie geweint hatte, denn so wie sie Frau Mai einschätzte hatte sie ihr den Wallach gegeben, weil sie Ablenkung wirklich nötig hatte.

Die beiden Jugendlichen setzten ihre Helme auf, gurteten nach und ritten vom Hof.

„Ungewöhnlich wieder zu reiten, oder?“ „Ja, klar.“ Sarah lachte. „Ich kenn das. Ich hatte einen starken Knochenbruch, weil ich versucht hatte zu Springen mit einem ziemlich schwierigen Pferd. Wir haben eine Kurve nicht ganz bekommen und er hat dann verweigert, ich bin in die Trippelbarre gestürzt und bin wohl schnell in Ohnmacht gefallen. Zumindest kann ich mich an die folgenden Sachen nicht mehr erinnern. Habe über ein halbes Jahr nichts machen können und als ich dann wieder im Sattel saß, dachte ich nur: ‚Oh mein Gott’, ich kann ja nichts mehr! Aber das kommt wieder mit der Zeit.“ Sie trabten an und ihre Sorgen waren für kurze Zeit passé, doch nicht für immer, denn als sie zu einem Feld kamen gaben sie sich zum Verständnis ein Zeichen, dass sie galoppieren wollten. Beide gaben gleichzeitig die Hilfen und schon verfielen die beiden Wallache in eine angenehme und ruhige Dritte Gangart. Plötzlich parierte Mel durch. „Mel, alles in Ordnung?“ Sarah sah der Jugendlichen ins Gesicht. „Nein nichts ist in Ordnung.“ Sarah verstand den Ausbruch nicht, denn sie sah sofort das bleiche Gesicht und die Tränen auf dem Gesicht von Mel. „Mel, was ist denn? Was ist denn passiert?“ Sie rührte sich nicht, sondern schluchzte nur. „Mein… mein Freund ist da umgekommen.“ Damit hatte die Andere nicht gerechnet. „Wie dein Freund?“ „Ich hatte drei Jahre einen Freund und vor drei Wochen ist er da umgekommen. Da hinten, hinter diesem Feld, durch einen Autounfall.“ „Das war dein Freund?“ Sarah hatte die Artikel in der Zeitung gelesen. „Ja, mein Freund, mein Schatz, mein Verlobter, mein ein und alles.“ Entsetzt sah sie Mel in die Augen. „Ach du Schande, das… das ist fast unfassbar. Tut mir Leid.“ „Danke, ich hab es auch kaum ausgehalten.“ „Wollen wir uns kurz irgendwo hinsetzen?“ „Nein, das geht auch beim reiten.“ „Okay.“ Sollte es so sein. Beide nahmen die Zügel wieder auf und ritten in die Entgegengesetzte Richtung. „Also, willst du erzählen?“ Und dann fing Mel an, es tat schon wieder etwas gut. Sie fühlte sich etwas besser, als sie erzählen konnte, was sie bedrückte, und vor allem dies jemandem erzählen, dem sie vertrauen konnte. „Oh man… ich weiß nicht was ich sagen sollte“, meinte Sarah dann, als Mel fertig war. Beide hatten Tränen in den Augen. „Gar nichts, da kann man nichts mehr sagen.“ Hinter ihnen erklang das Geräusch von fließendem Galopp und ein Reiter war im Begriff sie zu überholen, doch plötzlich parierte das Pferd durch. Als der Reiter sich umdrehte erkannten die Mädchen Peter auf einem schönen Fuchs. „Hey ihr Beiden, na ein gemütlicher Ausritt?“ Er lächelte erst Mel und dann Sarah an. „Ja“, behaupteten beide im Chor, doch er sah die Tränen. Und trotz allem bleib er taktvoll. Taktvoll, weil er wusste, dass er jetzt Mel nur schaden würde und es das letzte war, was er wollte. „Na dann, viel Spaß noch, wir sehen uns in der Schule.“ Und damit trieb er seinen Wallach an und ritt wieder zum Stall. Er konnte Mel nicht ansehen, er wusste wie weh es ihr tat und was sie durchmachte und doch wollte er seine Geschichte kein zweites Mal erleben. Damals, nach dem Tod von Melanie war ihm ganz plötzlich klar geworden, dass er sich in sie verliebt hatte und es war zu spät es ihr zu sagen. An ihrem Grab hatte er es ihr noch einmal gesagt, aber was brachte ihm das, sie konnte ihn eh nicht mehr hören. Noch viel später hatte er erfahren, durch einige Briefe, die bei ihr gefunden wurden, dass ihre Gefühle dieselben waren, trotz des Altersunterschiedes. Er hasste sich damals dafür, dass er es nie gesagt hatte, vielleicht wäre dann einiges anders ausgegangen.

Er trieb Medoc schneller an und fegte über die Felder. Er hatte beschlossen den Fehler, sich zu verlieben nie mehr zu machen und jetzt trat Mel in sein Leben. Eine ähnliche Geschichte hatte beide geprägt und auch die gleichen Gefühle. Er überlegte, wie es wäre dieses Mädchen in den Arm zu nehmen und zu sagen, dass sie sich nie mehr fürchten bräuchte. Nie wieder vor irgendwas, da er für sie da sei, doch er traute sich nicht. Wieso auch, sie ließ bis auf einige Mädchen und ihren Bruder keinen an sich heran und sie hatte ihm morgens schon deutlich zu verstehen gegeben, dass sie auf ihn nicht angewiesen war.

Sarah munterte Mel etwas auf. Sie war gut darin durch ihre fröhliche und herzliche Art. Dankbar lächelte sie Sarah zu, als sie abstiegen. Der Ausritt hatte ihr gut getan, sie konnte nichts anderes sagen. Mel versorgte den Schimmel und traf dann auf Frau Mai. „Na, wie war er? Wirklich lieb oder?“ Das Mädchen nickte. „Danke, dass ich ihn reiten durfte.“ „Ach wenn du willst, dann kannst du ihn zweimal die Woche machen. Hier sind keine Reiter, die Zeit haben noch ein Pferd mitzubewegen und ich denke, dass Sarah und du, dass ihr euch gut versteht, oder?“ „Ja, ich denke das tun wir, sie ist ja auch ein sehr nettes Mädchen.“ „Ja gut, dann steht mein Angebot. Ich bin übrigens Ulrike.“ Ohne ihre Mutter oder ihren Vater gefragt zu haben willigte sie in das Angebot ein und nahm das ‚Du’ auch sehr gerne an.

„Na? Hat Ulrike dir ihr Pferd angedreht?“ „Ja und ich habe angenommen. Zweimal die Woche kommt ich mit hier her.“ „Klasse, das freut mich!“

Kapitel 5

Wenige Wochen später:

Seit Mel wöchentlich ritt und zur Psychologin ging wurde sie langsam wieder ins Leben zurückgeholt. Sie bekam wieder Grübchen und lächelte mehr. Mit Sarah hatte sie sich eng angefreundet und auch Miri verstand sich mit dem temperamentvollen Mädchen, welches ihr auch einen Teil der ‚Arbeit’ Mel wieder auf die Beine zu kriegen abnahm. Peter war auf Abstand gegangen, sie verstanden sich zwar immer besser, aber sie hatten nie wieder so miteinander geredet, wie damals am ersten Abend. Irgendwas war zwischen ihnen, was verhinderte Freunde zu werden, richtige Freunde.

Eines Abends, als Mel vom Reiten nach Hause kam saß Peter bei ihr auf dem Bett. „Was machst du denn hier?“ Ihr fiel der Reithelm aus der Hand und starrte ihn beinahe unverschämt an, mit seinem Besuch hatte sie nämlich zu letzt gerechnet. Es war Freitagabends und eigentlich war er immer mit seinen neuen Freunden unterwegs. „Ich hab was in Mathe nicht verstanden und ich habe gesehen, dass Mathe für dich kein Problem ist.“ Mel schaute auf ihren Schreibtisch, wo ihre Mathesachen fein säuberlich nebeneinander lagen. „Okay, um welches Thema geht es denn?“ „Sinus und Kosinus.“ „Okay, das ist echt easy. Wartest du eben auf mich? Ich geh eben duschen.“ Er nickte und schaute ihr zu, wie sie ihre Anziehsachen aus ihrem großen Kleiderschrank suchte und dann aus dem Zimmer lief. Er sah, jetzt wo sie Reitsachen bloß anhatte, dass sie sehr dünn war, nicht mehr schlank, sondern fast unnatürlich dünn. Er nahm seinen Rucksack mit seinen Mathesachen. Er verstand Mathe wirklich nicht, aber er hatte Mel bewusst gewählt. Die Distanz, die plötzlich zwischen ihnen entstanden war, tat ihm nicht gut und er hatte nicht gewusst, was er eigentlich tun sollte. Er hatte Angst vor zu viel Nähe, aber er wollte sie auch nicht ziehen lassen, nicht einfach aufgeben, also hatte er seine Sachen gepackt und war zu ihr gefahren. Zum Glück hatte Tobias aufgemacht, der ihn sofort rein gelassen hatte, sonst hätte er noch lange im Regen stehen müssen.

Es war November geworden und die Tage regnerischer und düsterer. Peter hatte sich wieder etwas zurückgezogen, seitdem die Tage dunkler wurden. Es war wirklich zum Depressionen kriegen.

„Da bin ich wieder.“ Sie hatte ihre dunklen Haare locker zu einem Zopf verknotet und war ungeschminkt. Sie steckte in einer viel zu großen Jogginghose, Peter vermutete, dass diese von Tobi war, und hatte ein großes Bandshirt an. „So.“ Sie zog noch einen Stuhl in den Raum und wies den Klassenkameraden an sich darauf zu setzen. „So und was verstehst du denn nicht wirklich?“ Er zeigte ihr die Aufgaben und beide konzentrierten sich darauf. Auch wenn Peter in Gegenwart von Mel sich wohl fühlte, war er in dieser auch etwas unsicher. Er machte Fehler bei Aufgaben, die er eigentlich verstand und fing manchmal an zu stottern.

„Kann ich mal… mal eure Toilette benutzen?“ „Natürlich, die Tür links neben meinem Zimmer.“

Sie atmete tief ein und aus, als sie bemerkte, wie unsicher ER sie machte. Sie drehte sich mit ihrem Stuhl rum und ihr Blick fiel auf zwei Fotos an der gegenüberliegenden Wand. Eins von ihr und Moritz alleine und eines mit seiner Cousine Verena, die momentan ein halbes Jahr in Amerika verbrachte, durch ein Stipendium der Universität. Sie hatte zusammen mit Moritz die junge Frau dort besucht. Und dort entstand auch dieses Foto.
Ihr standen wieder die Tränen in den Augen und Peter, der grade zur Tür reinkam, bemerkte es sofort. Er folgte ihrem Blick und sah die beiden Fotos. „War das Moritz?“ Mel stand auf und trat vor die Fotos. „Ja das war mein Moritz.“ Bei dem Wort ‚mein’ zuckte sie selber zusammen. Sie spürte die Hand Peters auf ihrer Schulter. „Nicht weinen jetzt, bitte.“ Erschöpft lehnte sich Mel gegen den Jungen, der beschützend seine Arme um sie legte. „Ich bin mir sicher, du wirst es schaffen.“ Der Unfall lag jetzt knapp zehn Wochen zurück. Mel erschütterten immer noch oft Weinkrämpfe, doch nicht mehr so häufig wie vorher und sie konnte auch mit De Luxe über das Feld bei der EINEN Straße reiten, ohne anhalten und umkehren zu müssen. Sie hatte die Fotos erst vor einer Woche aufgehängt. „Die Fotos hab ich erst aufgehängt, als es mir etwas besser ging. Und ich muss mich korrigieren…“ „Wieso?“ „Er war nicht ‚mein’ Moritz.“ „Doch, wenn er dich liebte, dann war es DEIN Moritz.“ „Nein, es war Gottes Moritz“, sagte Mel daraufhin. „Gottes Moritz?“ Peter verstand nicht, was sie damit meinte. „Ja, wenn es ‚mein’ Moritz gewesen wäre, dann hätte es niemals diesen Unfall gegeben, so hat Gott nur den wiedergeholt, der er brauchte und mir damit den genommen, den ich brauchte.“ Er schaute auf sie runter. Mel war nicht wirklich groß. „Du redest in der Vergangenheit, brauchst du ihn nicht immer noch?“ „Er ist tot, was soll ich noch tun?“ „Hey, es ist schwer… Das weiß ich doch. Aber wenn du ihn liebtest.“ „Er lebt nicht mehr Peter, ich muss es langsam begreifen, dass er nie wieder zurückkommt.“ Sie verschränkte ihre Arme und begann zu zittern. „Zitterst du bloß, weil es hier im Zimmer kalt ist, oder bekommst du soeben Schüttelfrost?“ „Ich glaub, ich werde krank…“ Er führte sie zum Bett. „Dann leg dich hin, ich mach dir einen Tee.“ „D… da… da… danke.“ Sie zog sich die Decke bis unter die Nase. Peter warf noch einen Blick auf sie, bevor er nach der Küche suchte. „Hi Peter.“ Tobias stand in der Küche und machte sich gerade eine Pizza warm „He Tobi, sag mal, wo habt ihr Tee?“ “Tee? Hier. Ungefähr zweitausend Sorten, was möchtest du denn?“ Peter schaute sich die Teesorten kurz an. „Mhm, irgendetwas, was bei Krankheiten hilft.“ Tobi schaute ihn etwas besorgt an. „Bist du krank?“ „Nein, deine Schwester wird krank. Ich habe ihr versprochen ihr einen Tee zu machen.“ Tobias fischte eine Packung Kräutertee heraus. „Hier bitte. Den liebt Mel, wenn sie krank ist.“

Der ältere Junge holte seine Pizza aus dem Ofen und verzog sich nach oben in seine kleine abgesonderte Wohnung.

Peter seufzte und setzte Wasser auf. Während er wartete, dass es endlich anfing zu kochen, studierte er den Familienjahreskalender.

Und da stand in großen Lettern, dass Mel immer im Mai Geburtstag hatte. Es waren noch einige Monate bis dahin hin, jedoch überlegte er sich schon, was zu dem Mädchen passen könnte, worüber sie sich freuen würde. Er wusste, die nächsten Monate würden im Flug vorbei gehen, wenn es ihr besser ginge.

Er schüttete den Tee auf und genoss den Duft. Er liebte Tees und bei dem konnte er sich vorstellen, dass er Mel schmeckte.

„Hey Mel.“ Peter knipste die kleine Lampe über dem Bett des Mädchens an. Sie schlief. „Hey Mel, ich hab dir den Tee mitgebracht“, versuchte er es noch einmal. „Mhm?“ Sie drehte sich zu ihm um. Ihr Gesicht war hochrot und hatte auf ihrem Hals rote Flecken. Peter fühlte ihre Stirn. „Du bist ja knallheiß.“ „Fieberthermometer… Schublade… links…“ Sie deutete auf ihren Schrank. Peter fand es schnell und reichte es ihr in ihre heißen Hände. Während sie es sich unter ihre Achsel klemmte, reichte er ihr vorsichtig den schon leicht abgekühlten Tee an. „Danke.“ Sie konnte die Tasse nicht halten sie war zu schwer.

Peter zog seine Schuhe aus und setzte sich neben sie. Einen Arm um sie herum gelegt, reichte er ihr die Tasse an den Mund. „Geht es so?“ Dankbar schaute sie ihn an. Er hielt die Tasse fest, aber nach zwei gescheiterten Versuchen daraus zu trinken, legte Mel ihre Hände auf seine. „Vielleicht geht es so.“ Sie führte seine Hände mit der Tasse und konnte so vernünftig trinken. Als sie wieder absetzte, wollte er aufstehen und sich auf seinen Stuhl setzen. „Nein…“ Sie hielt ihn fest, aber schob die Tasse weg. Peter stellte sie auf ihren Nachttisch. „Ich will nicht allein hier sein. Ich hab solche Angst.“ Sie klammerte sich wieder in seinen Pullover. „Wovor?“ „Vor dem alleine sein. Ich kann das nicht.“ Sie zitterte wieder, aber diesmal war es kein Schüttelfrost, sondern es war wirkliche Angst. „Du bist nie alleine. Tobi ist da, deine Eltern sind da, Miri ist auch da und Sarah auch. Du bist NIE allein. Niemals.“ „Doch, seit Moritz weg ist, war ich so oft alleine. Peter, lass mich bitte jetzt nicht allein.“ Er zog sie kurz an sich, doch dann besann er sich wieder. „Was sagt da Fieberthermometer?“ Das Display zeigte über 39°C Körpertemperatur an. Mel sagte nichts, doch Peter sagte besorgt: “So ein Mist. Von jetzt auf gleich?“ „Ich habe vorher nichts bemerkt.“ Der Junge stand doch auf. „Ich komm gleich wieder, ich muss nur eben ins Bad. Zieh dich bitte eben um, solange ich weg bin, ich mache dir gleich mal Wadenwickel, damit das Fieber etwas runter geht. Und dann sollten wir deine Mutter anrufen, oder deinen Vater.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die sind auf einer Geschäftsreise seit heute, da will ich die nicht wegholen. Das ist wichtig für sie.“ Mels Stimme krächzte nur noch. „Sei still.“ Sie spürte einen kühlen Finger auf ihrer Lippe. „Ich komme gleich wieder, sei unbesorgt. Ich komme wirklich wieder.“ Mel vertraute ihm und wartete geduldig.

Kurze Zeit später kam er mit zwei nassen Handtüchern und einem trockenen.

Mel hatte sich ein Nachthemd angezogen und wieder in ihre Decke eingekuschelt. „So, jetzt brauch ich aber deine Beine.“ Peter lächelte und schlug die Decke hoch. Sie hatte unglaublich schöne, schlanke Beine und vor allem zarte. Wenn er sie mit seinen kühlen Fingern berührte zuckte sie zusammen. Es war jedoch nicht die Kälte, aber was genau wusste Mel nicht.

Er nahm die Handtücher und legte sie vorsichtig um ihre Unterschenkel rum. „Ah.“ Sie schrie kurz auf, es war wie Eis auf ihren Beinen, obwohl Peter extra lauwarmes Wasser genommen hatte. „Pscht. Alles ist gut, ich bin ja bei dir.“ Nachdem er mit dieser kleinen Prozedur fertig war, wollte er schon wieder aufstehen. „Peter, tu mir das doch nicht an, ich will nicht alleine bleiben.“ Sie streckte ihre Hand zögerlich nach ihm aus, doch ließ sie diese wieder fallen, die Kraft reichte nicht aus.

„Du brauchst einen Arzt.“ „Nein, bitte… ich brauch nur jemanden bei mir.“ Er saß an ihrem Fußende und schaute in die flehenden Augen. „Aber du brauchst auch etwas zu trinken.“ Das musste sie zu geben. „Sonst trocknest du aus und das wollen wir doch beide nicht, stimmt’ s Kleines?“ Sie schaute ihn aus großen Augen an. Mel erinnerte Peter in diesem Moment an ein kleines Kind, das Angst vor der Dunkelheit hatte und auch, er musste schlucken, an Melanie. „Nein, das wollen wir nicht…“ Zum wiederholten Male, innerhalb einer Stunde, ging Peter in die Küche, suchte nach einer Wasserflasche und lief gegen Miri.

„Was machst du denn hier?“, fragten sie gleichzeitig und sahen sich fast entsetzt an. „Ich… ich war bei Mel.“ Peter fing sich als erster. „Und ich bei Tobi.“ „Läuft also doch was zwischen euch?“ „Nein, nicht so wie du denkst. Ich habe ihn bloß um Hilfe gebeten.“ Miri konnte Peters Grinsen entnehmen, dass er ihr gar nicht glaubte. „Ach und um welche Hilfe?“ Er grinste weiter. „Na ja, ich hab was nicht verstanden, was wir gemacht haben in der Schule und da er aber damit was an der Uni zu tun hat, bin ich kurz vorbeigekommen.“ Sie strich durch die Haare. „Na, vergessen, dass die total verwuschelt sind?“ Damit nahm er sich die Wasserflasche und zwinkerte ihr nochmal zu. Miri wusste, dass sie auf ihn zählen konnte. Er würde nicht tratschen.

„Da bin ich wieder.“ Doch Mel rührte sich nicht, redete nur, sie schlief, hatte aber heftige Fieberfantasien. Ihr Klassenkamerad verließ den Raum noch einmal kurz und kam mit einem feuchten Waschlappen wieder.

„Oh man, Kleine. Was machst du denn bitte für Sachen.“ Als Mel das Kalte auf ihrer Stirn fühlte, seufzte sie wieder und wachte auf. „Da bist du ja wieder. Wo warst du denn so lange?“ „Ich hatte noch eine kurze Unterhaltung. Und jetzt schweig und trink.“ Er streichelte ihr die Stirn, während sie trank. Sie war wie ausgedurstet, kein Wunder bei dem Fieber. Doch den Plastikbecher konnte sie alleine halten, das war schon mal gut.

„Du, Mel, ich hab ein Problem.“ Sie schaute zu ihm hoch. Der Junge war schon wieder aufgestanden. „Was denn genau?“ Er holte tief Luft. „Ich… ich muss gleich nach Hause.“ Langsam atmete Peter wieder aus. „NEIN!“ Mels ‚Nein’ klang erschrocken, verängstigt und doch bestimmend. „Bitte nicht.“ Sie beruhigte ihre Stimme wieder, das hatte ihren Stimmbändern nicht gut getan, sie waren doch gereizt genug. „Mel, du kannst doch auch allein bleiben.“ Zum wiederholten Male fing sie an zu schluchzen und zu weinen. „Moritz hat mich nie allein gelassen, wenn ich Fieber hatte. Ich bin es gewohnt, es geht einfach nicht. Ich habe immer Angst, dass es schlimmer wird. Bitte Peter, du bist so etwas Besonderes…“ Ihre Stimme versagte. „Möchtest du noch Tee?“ Er nahm die schwere Tasse und setzte sich wieder so hin wie kurz vorher. „Ich soll also da bleiben?“ Mel nickte. Und wieder klammerte sie sich an Peter. „Ich muss nur kurz meine Eltern anrufen. Aber sag, soll ich etwa über Nacht dableiben?“ Auch diesmal nickte sie.  „Das heißt aber, dass ich hier schlafen muss.“ „Ja schon.“ Peter war sich nicht sicher. Sein Arm brannte, auf dem sie lag und er wusste ganz genau, was das bedeutete.

„Mel, dann muss ich aber kurz telefonieren.“ Er zog den Arm unter ihr weg. Und holte sein Handy raus.

„Mam?“ Ein kurzer Dialog wechselte und schließlich steckte er das Handy zufrieden weg. „Du hast deiner Mutter erzählt, dass du bei Tobi schläfst.“ „Ja, tut mir Leid. Bei der Wahrheit wäre sie ausgeflippt, das kann sie morgen immer noch.“ „Mhm.“ Mel verstand. Seine Mutter würde ihn sofort nach Hause holen. „So und wie und wo schlafe ich jetzt?“ Mel schaute ihn an. „T-Shirt und Shorts?“ Etwas entsetzt schaute er sie an. „Schau nicht so, bitte. Mir fällt nur nichts anderes ein.“ Peter hätte am liebsten ein eigenes Bett gehabt, so aber zog er seine Jeans, Socken und seinen Pullover aus und legte sich neben Mel. „Es ist doch bloß für diese Nacht.“ Peter nickte, dann fiel sein Blick auf die Wadenwickel. „Oh man, die wechsel’ ich dir  noch schnell.“ „Abmachen.“ Er nahm die inzwischen arg warm gewordenen Handtücher ab und brachte sie wieder ins Bad. „Danke. Dich muss Gott geschickt haben.“ „Nein… nicht Gott. Meine Intuition.“ Er legte sich wieder neben sie, hatte aber jetzt eine eigene Decke. „Ist vielleicht besser so, wenn wir nicht unter einer schlafen.“ Sie hauchte nur. Während er im Bad war hatte sie bemerkt, dass ihr Herz schneller klopfte, obwohl Moritz noch nicht lange tot war. Und sie hatte Angst vor Fehlern. „Lass jetzt schlafen.“ Er löschte das Licht und drehte sich von ihr weg. Doch kurze Zeit später fühlte er auch schon eine glühende Hand auf seiner Schulter. Selbst durch den Stoff konnte er ihr Fieber fühlen.

Kapitel 6

„Geht es?“ Er drehte sich um. Er brauchte etwas um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, doch dann sah er sie deutlich.

Ihre Wangen waren feucht, ob vor Schweiß oder Tränen wusste er in dem Moment nicht.

„Wasser?“ Erneut drehte sich Peter um, diesmal zum Nachttisch und holte ihren Becher. Ziemlich gierig trank sie.

„Wart kurz.“ Peter sprang auf. Irgendwo hatte er doch Paracetamol in seiner Jackentasche. „Hier Mel.“ Er reichte der ‚Patientin’ die Tablette. „Das ist schmerzlindernd und fiebersenkend.“ Peter fand, dass es fast das gleiche sei, sich um Mel zu kümmern, wie um ein kleines Kind. Mel schluckte die Tablette und wollte gleich noch mehr trinken.

Jetzt erst bemerkte er, dass sie wieder geweint hatte, vorsichtig erkundigte er sich: „Ich kann Moritz nicht ersetzen.“ „Nein, das ist es nicht.“ Sie konnte nur noch hauchen, so dass Peter sich ganz nah zu Mel beugen musste. „Was ist es dann?“ Mit seinem Daumen wischte er die Tränen weg. „Du darfst dich einfach nicht so um mich kümmern.“ „Wieso nicht?“ „Weil ich dann der Gefahr ausgeliefert bin, dass ich mich in dich verliebe.“ Nach diesem Satz schlief sie. Genau da, als er nachhaken wollte. Er verschob es auf den nächsten Tag. Lange noch betrachtete er Mel. Ihre Tränen waren getrocknet und sie schlief entspannt. Peter grübelte nach, wieso sie gerade so umgeschlagen war. War es Reden im Fieber? Er verstand nicht. Hatte oder könnte sie sich in ihn verlieben? Hatte sie Angst davor, obwohl es schon etwas her war, seit Moritz tot war. Hatte sie Angst, dass die Leute über sie reden würden, wenn sie schnell einen anderen hätte? Und hatte ER selber Angst davor mehr Gefühle für sie zu haben. Irgendwann schaffte auch Peter es einzuschlafen, auch obwohl er keine Antworten auf all diese Fragen gefunden hatte. Am nächsten Morgen prasselte der Regen an das Fenster von Mels Zimmer. Peter wachte früher auf als Mel und schaute auf sie. Leichenblass lag sie neben ihm. Die Tablette hatte ihr Fieber gesenkt, jedoch hatte sie wohl zu stark gewirkt. Er stand auf und ging seit er dieses Haus betreten hatte zum vierten Mal ins Badezimmer.

Mel wachte auf. Zuerst wusste sie nicht, woher der ungewohnte Geruch kam und wieso ihr so kalt war, doch langsam kamen die Erinnerungen der letzten Nacht wieder zurück. Peter war da. Nicht Moritz, der eigentlich hier sein sollte, nein ihr Klassenkamerad und der Sohn von Geschäftsfreunden ihrer Eltern. Nicht Moritz, der immer für sie da war, wenn sie krank im Bett lag, sondern eigentlich ein für sie fremder Junge. Sie hatte zwar mal mit ihm über persönliche Sachen gesprochen, doch sie wollte ihn nicht neben sich liegen haben. Sie wusste jedoch nicht mehr, ob Peter irgendetwas gemacht hatte, was darauf hinauslaufen würde, dass er vermutete, dass mehr Gefühle da wären.

Als Peter mit seiner morgendlichen Dusche fertig war und das Schlafzimmer betrat, fuhr Mel wieder ihre Stacheln aus.

„Morgen Mel.“ „Hej.“ Ihr Klassenkamerad wollte sich auf die Bettkante setzen, doch Mel zuckte zusammen. „Was ist passiert?“ „Was ist letzte Nach geschehen?“ In ihren Augen blitzte pure Angst. „Gar nichts.“ Sie zitterte wieder, wie letzte Nacht, doch auch diesmal hatte es einen anderen Grund. „Mel, wirklich nichts. Du hattest mich angefleht, dass ich dableiben sollte und das habe ich getan.“ In Peters Blick lag Verzweiflung. Er hatte unter der Dusche beschlossen Mel auf den letzten Satz anzusprechen und ihr dann zu sagen, dass er gestern Gefühle für sie festgestellt hatte. „Mel, wirklich, du wolltest, dass ich dableibe und ich bin es. Es ist zu keinem Kuss und sonst nur flüchtigen Berührungen gekommen, wegen deiner Tasse Tee und ähnlichem. Aber ich habe nichts getan. Wir haben nur nebeneinander gesessen. Du brauchst keine Angst haben.“ Mel sah nicht ganz so aus, als ob sie das glaube sollte, doch sie sank wieder zusammen. „Tee?“ Mel nickte und Peter ging runter in die Küche. Mel war wieder allein, doch weder das eine, noch das andere passte ihr. Sie wusste nicht worauf sie hören sollte, auf ihr Herz oder ihren Kopf. Ihr Kopf sagte ihr ganz eindeutig, dass sie nicht einfach einen neuen Kerl haben könnte, denn Moritz war noch nicht sehr lange tot. Doch ihr Herz sehnte sich danach geliebt zu werden und flatterte immer, wenn  Peter ihr in die Augen schaute. Aber sie war einfach noch nicht bereit dafür, nicht bereit für eine neue Liebe. Sie wollte es nicht, nicht jetzt, wo es noch gar nicht lange her war. Es wäre doch so was wie Verrat.

Peter kam mit einem Tablett wieder zu ihr. „Hey, dein Bruder hat gesagt, du magst gern die Croissants.“ Er stellte das Tablett neben sie und stand unschlüssig im Raum. „Ich glaube, ich gehe gleich.“ Er schaute sie erwartungsvoll an, doch Mel schaute Peter nicht an, sie konnte nicht und sie konnte sich nicht entscheiden, was eher ein Fehler wäre. „Okay, iss du mal brav, wenn irgendwie was ist. Wenn ich irgendwie Musik vorbeibringen soll oder so, dann sag Bescheid.“ Sie nickte und ließ ihn gehen. Sehnsüchtig schaute sie dem großen Jungen hinterher. Kurze Zeit später, als die Haustür knallte merkte das Mädchen, dass dies der größere Fehler war. Ihr Handy lag neben dem Bett und entschlossen suchte sie seine Nummer.

Peter war traurig, er hatte gehofft, dass sie ihn zum Frühstück dabehalten wolle, aber dass sie sich wieder verschließen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Als er gerade zwei Straßen weiter war vibrierte sein Handy in seiner Jacke. Wie er „Nummer unterdrückt“ – Anrufe hasste. „Ja?“ Ein Schluchzen ertönte, ein sehr bekanntes Schluchzen. Sein Herz klopfte plötzlich bis zum Hals. „Mel bist du das?“ „J…jaha…“ „Hab ich irgendwas vergessen?“ „Du nicht, ich aber, bitte komm nochmal zurück.“ Und schon hatte sie aufgelegt. Er wusste plötzlich nicht mehr wo rechts und links war. Wenn er zurückginge, würde das ganze Theater von vorne anfangen. Erst holte sie ihn und dann ließ sie ihn wieder eiskalt abblitzen, als ob es ein Spiel für sie wäre. Automatisch bewegte er einen Fuß vor den anderen. Ohne nachzudenken in die Richtung zu den von Meerensburgs. Er wollte niemanden mehr lieb gewinnen, da er eine zu große Angst hatte, wieder zu verlieren gegen den Tod. Mel öffnete die Tür. Seine Augen suchten ihren Blick und hielten ihn fest. Schweigend standen sie voreinander, bis Peter den ersten Schritt machte und Mel vorsichtig an sich zog. Zu seiner Verwunderung zuckte sie weder zusammen, noch sträubte sie sich. Im Gegenteil, sie drückte ihn an sich. „Ich… ich wollte dich nie gehen lassen.“ Ihr Klassenkamerad rückte etwas von ihr ab und nahm ihr Kinn in die Hände. „Wirklich nicht?“ Mel sah ihm in die Augen und holte tief Luft: „Nein, ich war nur fertig. Ich wusste nicht mehr was ich wollte und mir tut es leid. Ich wollte dich nicht weggehen lassen, niemals. Bitte, komm mit hoch.“ Er zog die Tür hinter sich zu und legte ihr den Arm um die Schultern.

Mel zog ihn zum Bett. Sie hatte immer noch Fieber und ihr war schwindelig, doch sie brauchte jetzt wen zum Kuscheln und sie war froh ihn angerufen zu haben. „Wieso machst du das alles, Mel?“ Peter hatte sich neben sie gesetzt. „Ich weiß es nicht, wirklich nicht! Aber, bitte, lass nicht allzu viel reden, denn sonst könnte ich vielleicht auf andere Gedanken kommen und dich wieder rausschmeißen. Solange ich aber nicht so reagiere, bitte lass es uns genießen.“ Er nahm sie in den Arm und flüsterte nur: “Ich weiß nicht, ob es gut ist.“ „Doch. Sicherlich.“ Ihre Hand streichelte seinen Nacken. „Mel, was ist, wenn wir uns ineinander verlieben.“ Sie ließ etwas locker und ging auf einen geringen Abstand. „Dann soll es so sein.“ Ihre Augen fesselten Peters und langsam schlossen beide diese. Peters Lippen näherten sich Mels und ganz vorsichtig berührten sie sich. Der Kuss dauerte bloß einen Bruchteil von einer Sekunde und die beiden Jugendlichen fuhren auseinander. „Das tut mir Leid!“, riefen beide aus. „Tut mir Leid Peter. Das wollte ich nicht, wirklich nicht. Küssen…“ Peter legte ihr seinen Finger auf den Mund. „Sei leise. Wie war es: Dann soll es so sein.“ Wie verhungert näherte das Mädchen sich wieder Peter. „Dann soll es so sein.“ Der zweite Kuss war länger und zärtlicher. Peter hatte lange nicht mehr so gefühlt und Mel vergaß für wenige Minuten jegliche Selbstvorwürfe.

                                                     

Als Peter dann doch gegangen war lag Mel das erste Mal nach Wochen glücklich in ihrem Bett. Sie wusste nicht ob es richtig war, doch sie wusste, dass es ihr gut tat. Nein noch viel genauer, dass er ihr gut tat. Und sie gestand sich zum zweiten Mal an diesem Tag ein, dass sie ihn brauchte.

Beide hatten kaum geredet, sondern haben sich angeschaut ab und an geküsst und gekuschelt. Sie fühlte sich freier und fröhlicher, obwohl sie merkte, dass ihr Fieber wiederkam. Von unten drangen Stimmen zu ihr hoch. Tobi und… Ja und wer? Die Stimme ähnelte Miri, doch konnte das sein? Doch die Frage wurde schnell beantwortet, als die Tür mit Schwung aufging.

„Du bist ja wirklich krank, da hatte Peter ja Recht.“ Tobi spazierte mit Miri an der Seite in den Raum. „Dachtest du nicht? Er lügt nicht, er ist so freundlich.“ Ihr Bruder und ihre Freundin wechselten einen viel sagenden Blick und meinten daraufhin wie aus einem Mund. „Willkommen unter den Lebenden, Süße.“ Mel lächelte und schaute beide kritisch an. „Hat mein Gefühl mich doch nicht getäuscht?“ „Wo?“ „Wie?“ Ganz Schuld unbewusst schaute Miri ihre Freundin an. „Zwischen euch beiden ist doch mehr, als ihr bisher gesagt habt.“ „Na ja…“, fing wieder die quirlige Miri an. „Pass auf, es war so.“ Und da erzählte auch Tobi, dass er sich in das junge Mädchen verliebt habe und jede Sekunde eine Sekunde in der Hölle gewesen sei, wenn sie zusammen irgendwo saßen und sie es nicht wusste. Und Miri wollte eigentlich Mel besuchen am Vorabend, doch Tobi hatte ihr erklärt, dass Peter da wäre und ihr Abend wäre anders verlaufen als gedacht. „Im Endeffekt haben wir uns dann eingestanden ineinander verliebt zu sein“, beendete sie den Vortrag von Mels Bruder. „Schön.“ „Und bei dir und Peter?“ „Nein, verliebt nicht. Wir haben…“ „Ja?“ „Uns nur geküsst!“ „Na das reicht doch schon!“ „Gib es zu. Moritz ist wirklich unter den Toten.“ „Ja.“ Mels Augen füllten sich diesmal nicht mit Tränen, es war noch nicht arg lange her, aber lang genug, um sich ein neues Leben aufzubauen. „Dann gehen wir mal wieder. Ich vermute du möchtest schlafen.“ Tobias drückte ‚seiner’ Kleinen einen Kuss auf die Stirn und Miri umarmte sie fest. „Ihr seid süß ihr Beiden!“

Und danach fiel Mel in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst das Telefon einen Tag später weckte.

Kapitel 7

„Na, hast du noch geschlafen?“ Ihr Herz machte einen Hüpfer. Sie erkannte sofort die Stimme von Peter. „Ja du Vollidiot! Und habe süße Träume gehabt, was wagst du es mich zu wecken?“ Er lachte und Mel stellte sich sein Gesicht in dem Moment vor. „Kann ich vorbei kommen? Ich habe Sehnsucht.“ Mel gähnte lang, bevor sie ihm die Antwort gab, die aber eigentlich schon feststand. „Du immer. Ich bitte sogar darum!“ „Okay, dann soll mir mal wer die Tür aufmachen.“ Es dauerte keine halbe Minute und Peter stand bei Mel im Zimmer. Erst standen sich beide unschlüssig gegenüber, etwas verunsichert über die Situation, bis Mel dann plötzlich grinste. „Los du Idiot, küss mich endlich.“ Das ließ sich der große junge Mann nicht zweimal sagen. So vorsichtig er sie auch an sich zog, desto leidenschaftlicher küsste er sie. Irgendwann drückte Peter ‚seine’ Mel auf ihren Stuhl. „Ich glaub, ich muss dir das jetzt sagen, ansonsten, ach es würde einfach nicht gehen.“ Mel war klar was jetzt kommen musste und sie fürchtete sich immer noch davor, sie hatte einfach Angst und irgendwie kam sie sich immer noch wie eine Verbrecherin vor. „Süße…“ Seine Hände brannten auf ihren, das Wort ‚Süße’ verschaffte sich einen Weg zu ihrem Herzen. „…Ich weiß du willst es wahrscheinlich gar nicht hören, aber immer wenn ich dich ansehe und an dich denke, da passiert etwas in mir, was ich nicht für möglich gehalten habe. Ich hatte nie vor, dass so was passiert, glaub mir. Aber na ja, ich hab mich in dich verliebt.“ Aus großen Augen schaute er sie an. „Ich mein es ernst Mel, sehr ernst. Wenn es dir zuviel ist, dann kann ich es aber auch verstehen.“ Das Herz des Mädchens machte Saltos, ihr Magen rutschte in ihre Kniekehle und sprang zurück und sie bekam Gänsehaut. „Ich glaub es geht mir genauso, auch wenn ich es eigentlich nie zugeben wollte.“ Sie fiel nach vorne,  auf den vor ihr knienden Peter. „Hey, nicht so stürmisch.“

Aus seiner Kehle kam ein tiefes und ein ziemlich sich sexy anhörendes Lachen.

„Darf ich jetzt davon ausgehen, dass es dir genauso geht?“ „Ja.“ Und schon verschlossen sie ihre Lippen mit dem zärtlichsten Kuss, den sie sich bisher gegeben hatten.

„Es soll Sommer werden!“ „Wieso?“ Peter strich Mel eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Dann können wir rausgehen, ohne nass zu werden. Oder auch schwimmen gehen, ausreiten oder bouldern. Bei dem Wetter macht das doch keinen Spaß!“ Als Mel ihren zierlichen Kopf schüttelte, flog ihr der Zopf um die Ohren. Richtig fesch und lebendiger sah sie so aus. „Mit dir wird alles Spaß machen!“ „Du bist ein wahrer Schatz! Und ich, na ja du hast erst im Mai Geburtstag, aber wir könnten doch in den Osterferien oder aber auch schon jetzt bald in den Winterferien Urlaub machen. Irgendwo. Irgendwo wo es warm ist!“ Er hatte zwar mit Freude gerechnet, aber nicht damit, dass sie ihm um den Hals fallen würde und rückwärts umschmeißen könnte. „Au ja, bitte! Das wäre toll!“ Ihre Stimme bekam wieder Ernsthaftigkeit, während sie auf ihm und seiner starken Brust lag: „Aber, Petzi, ich verbiete dir eins.“ Eine Einschränkung, doch egal welche, Peter würde es Mel versprechen. „Ich möchte nicht, dass du bei jungen Leuten ins Auto steigst, wenn du nicht mit mir fährst. Also, wenn ich nicht dabei bin. Ich möchte dich nicht verlieren!“

Mels Schäferhund Vivaldi kratzte an der Tür. „Moment Viva.“ Sie schaute ihrem neuen Freund tief in die Augen. „Okay?“ „Verspreche ich dir, du Kratzbürste.“

Mel öffnete die Tür und ließ den Rüden rein. „Wieso Kratzbürste?“ „Als ich dich gesehen habe, hab ich gedacht: ‚Was für ein Mädchen! Wunderschön, wenn auch etwas traurig schauend und vor allem geheimnisvoll’. Doch als du mich damals schon so angefahren hast, dachte ich dann: ‚Wunderschön, traurig, geheimnisvoll und ne Kratzbürste. An der werde ich mir die Zähne ausbeißen müssen. Doch ich war mir sicher. Ich wollte nur noch dich. Niemand anderen. Und ich bin mir immer noch sicher.“ „Ich bin keine Kratzbürste. Ich bin bloß verletzlich und werde sofort zum Igel, wenn ich Gefahr sehe.“ Sie schmiegte sich an seine breite Brust und seufzte. Beschützend hatte Peter ihr die Arme um die Schultern gelegt. „Du brauchst jetzt nicht mehr dich einfach ein zu igeln! Ich passe ab jetzt auf dich auf. Und Tobi und Miri, außerdem Sarah, deine Eltern, De Luxe, die Lehrer, Frau Mai. Du bist nie allein Mel. Niemals, auch wenn ich grade nicht bei dir bin, tief in meinem Herzen bist du und ich hoffentlich in deinem. Außerdem ist da auch noch Moritz. Er lebt zwar nicht mehr in unserer Gesellschaft, aber immer noch unter uns.“ „Nur die Besten sterben jung, mhm?“ Ihr fiel erst nicht auf, dass er den Kopf schüttelte und sie zärtlich ansah, doch als sie es bemerkte drückte sie ihn eng an sich. „Stimmt sonst würdest du nicht mehr leben, Petzi.“ Für den Satz drückte er ihr einen Kuss auf ihre Stirn und vorsichtig löste er ihren Zopf. „Danke, einfach nur danke.“

Er wusste, dass es in ihren Gedanken immer noch Moritz gab, doch er wusste auch, dass sie es ernst mit ihm meinte und darüber war er froh.

 -Ende-