„Einleitung"

 

 

Das erste Morgenlicht schien durch die geöffneten Fenster, als Stinas Wecker schellte. Mit einem Ruck war die Jugendliche wach und haute neben sich. Ein leises Krachen und der Wecker lag in zwei Teilen auf dem Boden neben ihrem Bett.

„Man, sei doch einmal leise beim Aufstehen!" Andrea, Stinas Zimmergenossin beschwerte sich brummend.

„Ja, ja, tut mir ja Leid."

Das schwarzhaarige Mädchen legte ihre Weckereinzelteile auf ihren Nachttisch und stand auf.

„Du musst eh gleich aufstehen Andrea…" „Ja gleich, das ist nicht jetzt!"

Eine Woche teilten die ungleichen Mädchen sich nun schon ein Zimmer auf dem Reiterweingut „Hofer" und jeden Morgen hatten sie das gleiche Thema.

Die sechzehnjährige Stina war immer schon früh dran, um noch vor dem Frühstück mit ihrem Pflegepferd Santa Claus zu arbeiten. Andrea hingegen war gemütlicher und arbeitete mit ihrem eigenen Pferd Morning Dream erst nach dem Frühstück.

Das Reiterweingut hatte in Deutschland einen guten Namen und bot zweimal im Jahr kostenlose Reiterferien für Jugendliche an.

Zehn Jugendliche wurden dann eingeladen zwei bis sechs Wochen kostenlos auf dem Hof zu wohnen, wer mit eigenem Pferd anreiste zahlte geringe Einstellkosten. Jedoch waren die Jugendlichen dann dazu verpflichtet am Hof anzupacken, als Gegenleistung gab es noch Reitstunden auf hohem Niveau.

Die Jugendlichen wurden durch Zufall eingeladen, durch Verbindungen von einigen Reitlehrern oder Pferdebesitzern.

Stinas Mutter war die frühere Lehrerin der Reitlehrerin des Hofes und hatte diese zweimal vor dem Sitzen bleiben gerettet. Als Dank hatte die Reitlehrerin sie ausfindig gemacht und gefragt, was diese sich wünschen würde.

Stinas Mutter, Frau Wendel, hatte sich gewünscht, dass ihre lebendige, jedoch zu düstere Tochter, mal wieder reiten sollte.

Ihr hatte Stinas Veränderung in das Metalreich Sorgen gemacht und sie wusste, dass ihre Tochter Pferde immer noch über alles liebte.

Die anderen Mädchen waren Töchter entweder ganz reicher Eltern, die sich auf Turnieren einen Namen gemacht hatten, oder Töchter ganz armer Eltern, die den Hof angeschrieben hatten und Glück hatten aufgenommen zu werden. Fünf Wochen sollte dieses „Camp" noch gehen.

Fünf Wochen, in denen sich Stinas Mutter erhoffte, dass ihre Tochter wieder fröhlicher würde.

Stina schlüpfte in ihre Reithose und ihre Reitbluse, schlug ihre Bettdecke zu Recht und zog sich in den Stall zurück.

Der Morgentau glänzte auf den Weiden und bot bei der aufgehenden Sonne ein schönes Bild.

Doch auf das achtete Stina jetzt nicht, sie machte das große Stalltor des Hengsttraktes auf und atmete tief ein.

„Santa…" Der große Kopf des Rotschimmels tauchte auf und ein gemütliches Brummen erfüllte die Stille des Stalles.

„Hey mein Großer." Der Hengst schmiegte sich an ihre Schulter und brummelte weiter.

„Nicht ausgeschlafen? Na ja, dann sind wir beide zumindest nicht wach genug." Sie holte einen Strick und hakte ihn in das schöne silberne Halfter ein.

„So, dann wollen wir mal."

Sie redete immer mit Santa und sie merkte, dass er sich darunter immer entspannte. Die Reitlehrer hatten sich sehr gewundert, dass sie als zierliche, bloß 1,64 m Große mit dem stämmigen, 1,80m Riesen klar kam.

Stina fing an das seidige Fell des Hengstes zu putzen, der die Massage sichtlich genoss, den Kopf hängen ließ und ein bisschen döste.

Doch als Stina aufhörte zu putzen und das Sattelzeug holte, war er wieder wach.

Sofort spitzte er die Ohren, wartete bis sie es geschafft hatte, den Sattel hoch zuhieven und hielt ihr seinen Kopf hin.

Obwohl Stina ihn erst seit einer Woche ritt, hatte sich ein Band zwischen den beiden aufgebaut. Sie vertraute ihm, weil er seine Hengstmanieren nicht so ausgeprägt hatte, wie die anderen, die in dem Stalltrakt standen.

„So los geht’s."

Der Sandplatz war frisch geharkt und sie traute sich kaum einzureiten, doch was sollte sie sonst tun.

In der großen Halle ritt schon ein junger Mann, der so konzentriert aussah, dass sie ihn nicht stören wollte. Und in der kleinen Halle wurde longiert.

Die anderen beiden Hallen waren ohne Aufsicht verboten zu betreten und eigentlich auch nur fürs Springen vorgesehen. In ihnen standen teure Sprünge, gute stationäre Zeitmessanlagen und allerhand anderes Zeug, das nicht kaputtgehen durfte.

Der Helmverschluss klickte zu und Stina trieb Santa auf den Platz.

Am langen Zügel schlurfte er durch die Bahn, doch diesmal ließ Stina ihn den langen Schritt gewähren.

„Früh am Morgen…schon kapiert." Sie hing auch eher auf dem Schimmel, als dass sie ritt und achtete auch nicht darauf, dass ein Reiter mit seinem Pferd gerade einritt.

„Darf ich?"

Eine dunkle Männerstimme riss Stina aus ihrem Dösen, doch schaffte sie es nur zu nicken und nahm die Zügel auf.

Sie hatte den Mann noch nie auf diesem Hof gesehen. Alt war er noch nicht, eher das Gegenteil, er war höchstens zweiundzwanzig Jahre alt, hatte lange braune Haare und ein umwerfendes Pferd. Doch weiter mustern konnte sie den Herrn nicht, sie wollte noch etwas tun, bevor sie frühstückte, hinterher musste sie noch misten und Tristan reiten. Und das alles möglichst dann, wenn die Sonne nicht allzu sehr knallte.

Santa hatte einen schönen Trab drauf und auch der Galopp war wie auf Wolken. Stina bekam ein Gefühl, ein Gefühl der Freiheit, das sie so vermisst hatte in den letzten acht Monaten. Das verloren gegangen war und weswegen sie zwar immer noch lebendig aber nicht mehr ein so fröhliches, sondern eher düsteres Wesen wurde.

Nach einer guten dreiviertel Stunde, vielen kleinen Arbeitslektionen lobte sie den Hengst und parierte in einen akzeptablen Schritt durch und ritt trocken.

Die Sonne stand hoch am Himmel, auf dem Hof ging der Betrieb los.

Autos kamen und fuhren, die ersten holten ihre Pferde von der Weide um sie zu reiten und die „Ferienkinder" trudelten zum Frühstück in das alte Bauernhaus ein.

Auch Stina beeilte sich, wusch Santa kurz ab, ging mit dem Schweißmesser drüber und stellte ihn auf den Paddock, wo er sich genüsslich wälzte.

Eine Weile sah das braunhaarige Mädchen noch den Rotschimmel an, bis ihr Magen sich zu Wort meldete.

Schon als Stina über die Schwelle der Eingangstür trat roch sie die frischen Brötchen. Eine Katze strich ihr um die Beine und Stina musste zugeben, dass sie diesen Hof genoss.

Andrea saß schon mit Angelina, einer Achtzehnjährigen Springreiterin an einem der Tische und redete über das Hofturnier, das in zwei Wochen stattfinden sollte.

„Ich würde gern mit Monty die L-Dressur gehen und mit Morning Dream das A-Springen." Monty gehörte Frau Hofer, der Besitzerin des Reiterweingutes und Andrea hatte sie so lange bearbeitet, bis sie die hübsche Schimmelstute reiten durfte.

Sie bildeten ein gutes Paar und Stina wurde so manches Mal neidisch auf die Beiden.

„Und du Stina?"

Stina schluckte ihr Brötchen runter und zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht eine kleine E-Dressur mit Santa Claus."

„Ach, du hast doch viel mehr drauf!"

„Ja, aber ich darf so was nicht starten!"

„Wieso kannst du nicht? Ach, du hast das Abzeichen dafür nicht."

Angelina zog die Augenbrauen hoch.

„Du Arme!"

„Ach, das macht doch nichts. Hauptsache wir haben Spaß."

Ein leichtes Funkeln tauchte wieder in Stinas Augen auf. Ja, hier ging es um Spaß, nicht nur um Leistung.

„Ja Spaß, aber die Schleifen und Pokale, die ich mit Miracle geholt habe, will ich auch nicht missen."

Ihr zierlicher Holsteinerwallach Miracle hatte ungemeines Springpotential, das hatte Stina des Öfteren sehen dürfen und räumte wohl eine Platzierung nach der anderen ab, aber Stina verstand nicht, wie es einen so glücklich machen konnte, wenn man nur auf Sieg trainierte.

Auf einmal stand eine der Reitlehrerinnen auf und räusperte sich.

Hinter ihr stand in Reithosen der junge Mann, der mit Stina im Viereck geritten war.

 

1.

„Ich möchte euch wen vorstellen. Sein Name ist Andreas Eickhoff…" Ein Raunen ging durch die Menge, der Name war bekannt.

„Er wird in den nächsten zwei Wochen für die DM hier trainieren, aber auch, wenn er Zeit hat, euch ein bisschen mit Rat und Tat zur Seite stehen."

Diesmal musterte Stina ihn genauer. Er sah sportlich und nett aus, wie er da stand. Die langen Haare zu einem Zopf zusammengefasst und das Poloshirt locker in die Hose gesteckt.

„Vielleicht will er selber noch ein paar Takte zu sich sagen?"

„Danke Inge, na ja eigentlich bin ich nicht so der Mensch der großen Worte. Wenn ihr Tipps haben wollt, könnt ihr gerne ankommen. Außerdem suche ich noch zwei Freiwillige die die nächsten zwei Wochenenden mit mir mitfahren würden zu drei Turnieren und ein wenig beim abreiten oder so was helfen!"

Sofort gingen an einem Tisch die Gespräche und Auszählungen los, wer mit so einem netten Mann zu den Turnieren fahren dürfte.

Andrea drehte sich zu dem Tisch um: „Man, seid doch einmal so freundlich und seid leise!"

Das Gemurmel verstummte und Inge übernahm wieder das Wort.

„Er ist mein Cousin, nur damit ihr es wisst. Und jetzt, Abmarsch, eure Pferde warten. Und Stina, mit dir müsste ich noch einmal kurz Reden."

Stina wusste nicht, was Inge von ihr wollen würde, hatte sie etwas falsch gemacht?

Doch Inge lächelte sie fröhlich an.

„Andreas hat mir von dir erzählt. Wieso zeigst du denn nie, was du alles kannst?"

Verunsichert blickte Stina zwischen den Erwachsnen hin und her.

„Ich kann doch nichts."

„Das sah aber ganz anders aus."

„Ich möchte dich um etwas bitten. Reit mir gleich etwas vor. Du reitest ja sonst in den Stunden nur welche von den Schulpferden, ich möchte, dass du Shiny Star vorreitest…"

„Shiny Star?"

„Mein Pferd", bemerkte Andreas.

„Richtig, eins seiner Pferde. Und der kann viel, muss aber gefordert werden."

„Und ich brauche wen, der ihn reiten könnte, während ich mit Blue Crush, Shrek, Vinyl Revolver und Like a Virgin für die Meisterschaften trainiere. Die Vier brauchen schon jede Aufmerksamkeit von mir. Noch ein Pferd würde ich nicht schaffen! Und da hatte ich heute Morgen gleich an dich gedacht. Wenn du mit ihm klar kämest, wäre das schön."

Stina wusste nicht wie sie diese Nachricht aufnehmen sollte.

Natürlich freute sie sich, dass er an sie gedacht hatte, aber sie wollte nicht vorreiten, wollte nicht zeigen, wie sie ritt. Doch scheinbar blieb ihr nichts anderes übrig, wenn sie weiter alles normal laufen lassen wollte.

Hätte sie doch heute Morgen nicht ganz gezeigt wie ihr Können war und weiter die Anfängerin gespielt.

„Also was ist?"

„Ich kann es ja versuchen, aber ich kann nichts versprechen!"

„Geht du, oder soll ich Sie sagen…?"

„Das Du passt schon", gab Stina zur Antwort.

„Also, gehst du gern ausreiten?"

„Ja schon, wieso?"

„Perfekt, Shiny Star ist ein Vielseitigkeitspferd, also ich reite ihn zumindest fast ausschließlich im Gelände. Und wenn du es willst, kannst du hier gern die Geländestrecken mit ihm gehen."

„Halt Stopp." Stina hob ihre Hände und schüttelte den Kopf.

„Wer sagt denn, dass ich mit dem Pferd überhaupt klar komme?"

„Das werden wir sehen. Ich sattel ihn für dich und wir sehen uns in einer halben Stunde in der großen Halle."

Perplex nickte Stina, sie hatte nicht damit gerechnet, dass Andreas eine solche Hartnäckigkeit besaß.

Sie musterte ihn nochmal und zuckte zusammen.

Andreas Eickhoff, der Bruder von Christian Eickhoff.

Erinnerungen stiegen auf und sie musste schlucken. Nein, jetzt bloß nicht daran denken und ja nichts anmerken lassen.

Andreas nickte ihr noch einmal aufmunternd zu und verließ das Bauernhaus.

Den gleichen Blick erhielt sie von Inge, welche gerade dabei war, die Reitpläne für den normalen Reitschulbetrieb zu erstellen.

„Keine Sorge, weder Andreas und ich werden es dir übel nehmen, wenn du mit Shiny nicht klar kommst. Aber du reitest ja selbst Santa Claus."

„Das Pferd ist ja auch toll."

„Du wirst Andreas’ Wallach auch lieben, glaub mir."

Fünfundzwanzig Minuten später, kämmte sich Stina ihre dunklen Haare nochmal durch und nahm ihre Reithandschuhe und den Helm.

„Na dann…"

Sie sprach sich Mut zu. Sie wusste wie gut sie reiten konnte, sie wusste, wie sehr sie schon seit ihrer Ankunft log und sie wusste, wie sehr ihre Mutter gelogen hatte, doch was sollte sie tun?

In der Halle ritt Andreas schon den Wallach ab. Die federnden Tritte passten gut zu dem Auftreten des Anglo- Arabers. Ein schöner rotgoldener Fuchs, mit einem weißen Socken, aber keine sonstigen Abzeichen und Andreas passte zu ihm.

Wieder kam Stina in den Sinn, wie Christian wohl auf Shiny passen würde? Und vor allem, wie es ihm jetzt grade ginge.

Doch mehr Zeit zum Nachdenken gab es gar nicht, Andreas hatte sie entdeckt und kam zu ihr rüber.

„Ich habe es mir erlaubt, ihn ein wenig Abzureiten."

„Wieso auch nicht? Ist schließlich nicht mein Pferd."

„Meins auch nur indirekt."

Er schwang sich aus dem Sattel und stellte die Bügel um.

„Na dann wollen wir mal."

Etwas verunsichert nahm Stina die Zügel in die Hand und wurde von Andreas hinaufgehoben.

Es war ein irres Gefühl wieder auf einem richtigen Turnierpferd zu sitzen, aber zugleich wollte Stina wieder runter. Würde jetzt wieder alles beginnen?

Sie ritt an und merkte Shinys ausholende, federnde Tritte.

„Ihr seht gut aus zusammen!"

„Danke." Verlegen schaute sie in die große Spiegelwand auf der langen Seite der Halle. Ja, sie musste selber zugeben, dass Shiny ihr irgendwie stand.

„Du kannst ruhig schon traben."

Andreas und die dazugekommene Inge hatten sich auf die große Zuschauertribüne gesetzt und schauten zu.

Die Halle war groß, 20x60, also hatte Stina viel Freiraum. Die Mädchen vom Camp waren ausreiten und so musste sie keine Bedenken haben, dass irgendwer sie stören würde.

Vorsichtig drückte sie ihre Beine an Shinys Bauch und nahm die Zügel noch ein Stück kürzer. Der Wallach begann brav unter ihr zu traben und Stina wusste, was sie bei Santa Claus nicht gehabt hatte. Etwas Freches, Verschmitztes.

Sie merkte, dass Shiny mehr Feuer hatte und er auch versuchen würde sie auszutricksen.

Schon gleich versuchte der Wallach bei dem ersten Zirkel außen auszubrechen. Wie in Reflex hielt Stina mit Bein- und Zügelhilfen dagegen.

„Nichts da Dicker, nicht mit mir."

2.

 

 

Andreas und Inge saßen auf ihren Plätzen und tauschten Blicke aus.

„Sie reitet wirklich gut. Komisch, dass uns allen hier nie etwas aufgefallen ist."

„Ihr seht sie seit einer Woche und ihr habt nicht bemerkt, dass ein irres Potenzial in dem Mädchen steckt?"

„Nein, sie arbeitete normalerweise mit Santa Claus, also dem Rotschimmel, in aller Herrgottsfrühe und nachmittags war sie entweder ausreiten oder bei der Betreuung der Reitschüler. Ja, oder sie mistete. Beim Reitunterricht habe ich sie erst zweimal gesehen."

„Hat sie ihn gemieden?"

„Ich weiß es nicht, vielleicht. Aber schau sie dir an. Was soll man ihr groß beibringen? Entweder sie ist ein Naturtalent oder ich bin der Kaiser von China."

„Ich auch."

Stina merkte, wie sehr Andreas sie beobachtete, beinahe anstarrte. Wusste er wieder, wer sie war?

Nein, das konnte er nicht. Nicht nach der Veränderung.

Sie saß aus, versammelte Shiny etwas mehr und galoppierte an. Die Galoppsprünge waren ausholend, aber sehr bequem zu sitzen. Stina galoppierte erst ganze Bahn, dann wieder Zirkel, verkleinerte die Zirkel, vergrößerte, ritt Volten und versammelte Shiny so, dass er beinahe auf der Stelle galoppierte. Für einen Moment vergaß sie, dass sie nicht alleine war und als sie plötzlich im Spiegel die lächelnden Gesichter ihrer Zuschauer sah zuckte sie zusammen und parierte zu einem Zuckeltrab durch.

Etwas erschöpft lobte sie den scheinenden Stern und nach einer Runde Trab, parierte sie zum Schritt durch.

Ein Klatschen fing an. Und Stina wurde rot.

„Das war super. Ich denke, du solltest das machen!" Jetzt wusste Stina gar nicht mehr, wie sie sich aus dem Mist wieder rausziehen sollte.

„Aber ich hab doch noch Santa Claus und das Misten, die Reitschüler." Inge schüttelte den Kopf.

„Wenn du Shiny machst, bist du von allem anderen befreit."

Was sollte Stina jetzt machen. Doch Andreas fing schon wieder an:

„Und mich würde es freuen, wenn du mitkommen würdest auf die Turniere. Du könntest die Pferde abreiten."

„Nein danke, das muss nicht sein."

Andreas schaute sie aus großen, bettelnden Augen an.

„Bitte, ich habe doch sonst nur noch einen, der mit mir fährt und abreitet. Die anderen Ferienmädchen, werden sich nur die Köpfe einschlagen."

„Ja und die mir, wenn ich mitfahre!", versuchte sie zu scherzen.

„Nee, da pass ich auf!"

„Ich glaub nicht, dass du das schaffst!"

„Doch."

Sie hörten auf zu diskutieren, denn Shiny Star pumpte immer noch und er musste unbedingt weiter trockengeritten werden.

„Wir unterhalten uns später nochmal."

Darauf hatte Stina aber keine Lust.

Nachdem sie Star trockengeritten hatte, versorgt und selber geduscht hatte, schnappte sie sich Santa Claus und ihren Helm.

„Komm Dicker, wir machen jetzt eine gemütliche Schrittrunde, auf der Waldstrecke."

Sie führte „ihren" Riesen zu einem der Treppen und schwang sich auf den blanken Rücken.

„Na dann."

Sie ritt in Jeans und Top, Santa hatte bloß einen Halsring um und Stina vertraute ihm. Es würde nichts schief laufen, doch so konnte sie zumindest überlegen, wie sie das mit Andreas und seinem „Gaul" hinbiegen sollte.

Sie war selber Schuld. Sie war immer in der Früh geritten, damit keiner mitbekam, wie sie mit Santa arbeitete und ausgerechnet heute Morgen, hatte sie nicht daran gedacht, dass irgendwer irgendwem etwas erzählen würde.

Aber wie sollte sie auch auf so eine Idee kommen? Sie kannte ja keinen hier. Oder bzw. hier kannte keiner sie.

Ausnahmsweise.

Im Wald roch es angenehm nach Nadelbäumen, nach Moos und nach Sommer.

Die Reitwege waren breit und einladend. Sie wählte einen der kleineren Wege und ließ sich von Santa durch die Mittagssonne tragen.

Ausnahmsweise war dieser Tag nicht sehr warm und so war es eigentlich sogar ganz angenehm im Wald zu reiten. Die Luft stand nicht und Stina konnte bei der Ruhe, die hier herrschte, ihre ganzen Gedanken mal frei laufen lassen.

Doch lange Zeit blieb ihr dafür nicht. Schnell wurde sie von der Zeit eingeholt und sie musste wieder arbeiten.

 

 

 

 

 

3.

Die Tage vergingen wie im Flug. Morgens arbeitete Stina mit Santa und nachmittags mit Shiny Star. Ihr machte es Spaß und die „schrecklichen" Klamotten, wie sie von ihrer Mutter genannt wurden, wanderten in den Schrank und sie zog sich die Sachen an, die ihre Mutter ihr hatte zukommen lassen. Knallige Farbtöne, warme Farben und angenehme Pastelltöne, schwarz und grau jedoch, blieben nur noch für Reitstiefel und Helm.

Doch auch diese ansteigende Fröhlichkeit, konnte nicht verhindern, dass Andreas sie jeden Tag bekniete mit ihm mitzufahren.

Und freitags hatte er sie dann so weit.

„Stina bitte! Ich brauche dich doch zum abreiten! Was soll ich denn bitte mit Pferden, die zwar warm, aber nicht locker sind? Komm schon, du hast viel größeres Potenzial als Eine E-Dressur oder E-Springreiterin, du hast sogar mehr Potenzial als Andrea oder Angelina, die beide ihre L-Sachen gehen! Bitte Stina!"

Er wollte grade in die Knie gehen, als Stina abbrach.

„Jetzt reicht’ s. Wenn du mir die Uhrzeit sagst, wann ich morgen hier stehen soll, dann werde ich hier stehen."

„Danke. Morgen früh um acht wollen wir hier wegfahren, wenn du also so gegen halb acht hier wärest, fände ich das toll."

„Ist in Ordnung."

Sie standen sich im Stall gegenüber und Stina bemerkte die Ähnlichkeit zu Christian.

Würde er auch auf dem Turnier sein? Würde sie ihn wieder sehen? Würde sie andere Leute wieder sehen?

Doch darüber konnte und durfte sie nicht nachdenken. Das war Vergangenheit, Vergangenheit, mit der sie nie wieder etwas zu tun haben wollte.

„Dann mach ich jetzt mal Primabella. Sonst kriegt Inge einen Rappel."

Sie wandte sich der cremefarbenen Stute zu, die gesattelt vor ihrer Box stand und kaum warten konnte geritten zu werden.

Santa Claus wurde an diesem Tag von einem Mädchen geritten, welches Santa auf einem Turnier unbedingt reiten wollte. Sie musste nun heute feststellen, ob es wirklich geeignet war, mit ihm eine L-Dressur zu gehen. Stina sah das zuversichtlich. Sie wusste, wie Santa gehen konnte und hatte auch viel aus ihm herausgeholt. Beinahe so, als wäre er die ganze Zeit im Schulbetrieb gelaufen und das war er nicht. Beinahe so, als wäre er immer unterfordert gewesen und hätte auf jemanden wie Stina gewartet.

„Soll ich dir bei Primabella helfen?", fragte Andreas und holte sie damit wieder in die Wirklichkeit zurück.

„Nein… oder doch…"

Seine Gegenwart war zumindest besser, als die der Reitmädchen. Und dazu sah er auch noch verdammt gut aus.

„Okay, was möchtest du denn mit ihr machen?"

„Nicht so viel."

„Das heißt?"

„Ein Paar Übergänge und einige Seitengänge. Das war’ s." Er nickte und folgte dem Mädchen.

Sie hatte etwas anziehendes, etwas mysteriöses an sich. Und er war sich sicher, irgendwann war er ihr schon einmal begegnet, aber er wusste einfach nicht mehr wo.

Die hübsche P.R.E- Stute hatte traumhafte Gänge, aber an Shiny oder Santa kam sie bei Stinas bestem Willen nicht heran. Man merkte einfach, dass sie eine Stute war und so zickte sie ab und an die beiden anderen Pferde an, die in der Halle liefen an.

Andreas stand an der Bande und grinste. So hatte er Primabella schon kennen gelernt. Die kleine zickige, aber wunderschöne Cremefarbene. Sie passte zu Stinas feinen Bewegungen, mit der sie die Stute unter Kontrolle hatte.

„Sie hat viel Talent, oder was meinst du?" Ein junger Mann trat zu Andreas, der sich freudig umdrehte und ihn umarmte.

„Bruderherz!" Neben ihm stand Christian.

„Wie kommst du denn hier hin?"

„Inge hat mich angerufen, ob ich nicht von hieraus mitfahren will. Ich würde sonst den Stall nie finden!"

Er lächelte seinen großen Bruder an.

„Inge und Angelika haben mir von einem Mädchen hier erzählt, welches wohl mit keiner Erfahrung, oder zumindest wenig Erfahrung hingekommen ist und auf Pferden ausschaut, als ob sie auf deren Rücken geboren wäre."

„Angelika hat dir das erzählt? Ja, aber sie haben beide Recht."

Angelika war auch eine der Reitlehrerinnen und zugleich Schwester des Hofbesitzers. Eine nette sympathische Frau, welche das Talent eines Reitschülers nicht dafür ausnutzte, um Ruhm zu erreichen.

„Mit welchen Pferden bist du denn gekommen?"

Andreas und sein Bruder standen beschäftigt an der Reithallentür, so dass sie nicht bemerkten, wie Stina kreideweiß im Gesicht wurde.

„Mit Flora, Comtess und Glory Mc Arthur."

Andreas sah seinen Bruder erstaunt an.

„Glory Mc Arthur?! Freiwillig?"

„Mehr oder weniger. Dad meinte, wir sollten ihn mal auf einem der großen Turniere vorstellen. Und es fand sich kein anderer Depp, der sich traut ihn unter Getümmel zu reiten."

Er grinste. Glory Mc Arthur, unter den Stallleuten eigentlich nur als „Steiger", „Zicke" oder „Teufel" bekannt, gehörte Christian, seit er ihn gesehen hatte.

Eine wahre Schönheit, aber den Schalk im Nacken. Diesem Pferd wollte und konnte keiner trauen und auf Turnierplätzen war er gefürchtet.

Der Trakehner wurde meist nur von ihrem Vater trainiert, Christian besaß ihn also fast nur auf den Papieren und nun sollte er mit ihm starten?

„Und in welchen Klassen willst du starten?"

„Ich habe daran gedacht mit Flora die Dressurpferde- M nachzumelden und mit den beiden anderen hab ich L-Springen schon genannt. Also was niedliches. Und du?"

„S-Dressur und M-Springen. Also was Normales." Dafür erntete er einen Rippenstoß von Christian.

„Na ja, meine Pferde kommen, wir sehen uns dann morgen früh?"

„Wo schläfst du denn?"

„Ich habe ein Zimmer im neuen Haustrakt bekommen."

„Dann weck ich dich morgen früh!"

„WEHE!"

Die beiden lachten und Christian entfernte sich. Stina sah dies und ließ einen Beruhigungsseufzer aus.

„Alles in Ordnung?" Angelina trabte an ihr vorbei.

„Ja klar, alles." Ein gezwungenes Lächeln sollte Angelina von der Wahrheit überzeugen.

„Okay!"

„Stina?!"

Andreas winkte sie zu sich.

„Ja?"

„Nimm die Zügel noch ein Stückchen auf und leg die Beine etwas nach hinten. Ich würd gern mal sehen, was sie dann macht."

Stina tat wie geheißen und fand sich in einem Trab wieder, der reiner nicht sein konnte. Ausgreifend und mit einer tollen Kopfhaltung.

„Woher wusstest du?"

„Na ja, sie hat das schon oft bei dir gemacht, aber nun ja. DU scheint mit deinen Gedanken etwas weiter weg zu sein."

„Stimmt." Sie lächelten sich an.

„Aber, na ja, ich helfe dir ja gerne."

„Danke schön."

Sie ließ Primabella in einen flotten Galopp fallen und urplötzlich zu Stand. Und wieder galoppierte sie an und parierte durch.

Nach einer halben Stunde und nachdem Christian nicht nochmal aufgetaucht war, ritt sie die Stute trocken und hörte auf.

„Ich muss noch Blue Crush reiten. Wir sehen uns dann später?"

Doch Stina schüttelte ihren Kopf: „Nein, ich bin heute Abend mit meinen Zimmergenossinen noch im Kino. Ich denke eher morgen früh."

Während Andreas und Christian über das Turnier geredet hatten, hatte Angelina sie gefragt, ob sie nicht Lust hatte mit ins Kino, in Fluch der Karibik, zu kommen.

Stina kam keine günstigere Gelegenheit sich nochmal von dem ganzen zu distanzieren.

Christian würde sie entweder gar nicht sehen morgen, oder aber alles würde rauskommen.

Ihr ganzes Leben würde aufgewühlt.

„Schade. Na ja, dann bis morgen früh."

„Ciao."

„Bye."

Er klopfte nochmal Primabellas Hals und lief dann in den Stalltrakt, wo er Blue Crush untergestellt hatte.

Stina sah nirgendwo Christian und so konnte sie in Ruhe Primabella absatteln und am Strick nochmal grasen lassen.

„So komm Prima. Ich muss mich fertig machen!"

Nur widerwillig wollte sich die Cremefarbene von dem schönen grünen Gras trennen, aber nach einiger Rumzickerei ließ sie sich überreden auf einen der Paddocks stellen zu lassen.

Im Schnelldurchgang duschte Stina, steckte ihre langen Haare hoch, zupfte zwei Strähnen raus und zog ihr rotes Kleid an. Ein luftiges Sommerkleid, an den Seiten aufgeschlitzt und einem nicht zu großen, aber gerade so, dass mann mehr erahnen konnte, Ausschnitt.

Ihre Mutter hatte ihr das Kleid zuschicken lassen. „Für den besonderen Anlass", schrieb sie auf der Karte, die dabei lag. Und war nicht so ein Abend, mit Anderen ein „Besonderer Anlass"?

Es wurde Spaßig und auch ein nicht allzu langer Abend.

Stina konnte lachen, nichts bedrückte sie und sie lernte die Mädchen von einer anderen Seite kennen. Sie redeten nicht nur von ihren Siegen, oder ihren Zehntausend-Euro Pferden. Sondern sie redeten über Jungen, Schule und andere Dinge, die eher zu Mädchen zwischen 16 und 19 passten.

Stina fühlte sich wohl und merkte, wie sehr sich auch andere für sie interessierten, für ihre Person. Und sie war nicht nur die doofe Kleine, die keine Turniere ritt, die eine Anfängerin in den Augen der anderen war. Sondern sie war gleichgestellt. Sie war auch eine richtige Person.

Lächelnd umarmten sich die Mädchen gemeinsam, bevor sie schlafen gingen.

„Viel Spaß Morgen mit Andreas", grinste Louisa.

„Genau und pass auf, dass er nicht zu frech wird", feixte Angelina und fing sich einen Rippenstoß von Andrea ein.

„Und feure ihn von uns an, okay?"

„Klar!" Ein Lachen klang auf, heller als alle Christmesseglocken.

4.

Der Wecker schrillte wie fast jeden Morgen um sechs Uhr, doch diesmal beschwerte sich niemand, dass Stina ihn, wie so oft, runterschmiss.

Sie lagen alle in den süßesten Träumen.

Also stand Stina leise auf, zog ihre stahlblaue Reithose an, ein stahlblaues Polohemd und suchte ihre Reitsachen zusammen.

Fluchend über die Unordnung in ihrem Zimmer, verließ sie dieses und trudelte mit einem anderen Mädchen, Sophie, welches auch mit sollte, im Stall ein.

„Morgen Mädels. Hach, wenn ihr schon da seid könnt ihr eben schnell noch Shrek oder Blue Crush einflechten. Ich muss zwei linke Hände haben, die Zöpfe haben sich wieder aufgezwirbelt."

Sophie lachte, als sie Shrek sah. Der Apfelschimmel sah aus, als ob er seinen Huf in der Steckdose gehabt hätte.

„Andreas, Sie haben wirklich zwei linke Hände."

Stina musste in Sophies Lachen einfallen. Es sah einfach zu putzig aus.

„Okay, wir sind ja eh früher, als gewollt."

Bewaffnet mit Zopfgummis traten die Mädchen zu Shrek in die Box.

„Wie flechtet man denn ein?", gab Stina wieder die Unwissende.

„Ich habe es auch erst bisher in Zeitschriften gesehen", gab Sophie offen zu und so machten die beiden Mädchen sich an die Arbeit.

Das Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen.

Der Hengst hatte wieder eine geordnete „Frisur" und auch der Wallach sah wieder normal aus.

„Wie kommen auch Männer auf die Idee, sie könnten ein vernünftiger Friseur werden?"

„Manche können das…"

„Aber keine Grobmotoriker!", warf Thomas ein, einer der Stallburschen.

Nichts ahnend erwähnte Andreas seinen kleinen Bruder:

„Ihr werdet nachher auf dem Turnierplatz meinen Bruder kennen lernen."

„Du hast einen Bruder?"

Sophies Augen wurden größer. Sie fand Andreas zu alt für sich, aber ein Bruder könnte ja auch jünger sein und wenn er genauso gut oder noch besser aussah…

„Ja, mein kleiner Bruder Christian. Er startet auch in einigen Prüfungen. Zum Teil überschneiden sich auch unsere Prüfungen. Das Organisationstalent von Gut Schwanenhof möchte ich haben!"

Stina wusste, sie musste es irgendwie verhindern, dass Christian ihr über den Weg laufen würde. Vielleicht wären die verschiedenen Prüfungen ja dafür wie gemacht.

Doch sie sollte sich irren.

Auf dem Gestüt Gut Schwanenhof war schon sehr viel los und die ersten Prüfungen liefen schon. Kleine Kinder in Turnierausrüstung liefen hastig von einem Ort zum anderen und man sah ab und an aufgeregte Mütter, welche die Ponies ihrer Liebsten festhielten.

„Oh man", stöhnte Andreas entnervt auf. „Das hat mir grade noch gefehlt."

„Was denn?", erkundigten sich die beiden Mädchen wie aus einem Mund.

„Hysterische Mütter, welche nur auf den Sieg aus sind, aber den Spaß an der Sache nicht sehen."

Stina musste ihm Recht geben, das war schlimm.

„Okay, wir haben jetzt neun Uhr. Ich starte um viertel vor Zehn das erste Mal."

„Gut, mit wem?"

„Ich glaube zuerst mit Vinyl Revolver. Dann im Drei-Reiter-Abstand mit Like a Virgin, Blue Crush und dann als letzter Starter, also nach ungefähr zehn anderen Reitern mit Shrek, den kann ich dann selber wieder abreiten. Stina, wenn du Revolver und Blue Crush machen könntest und Sophie du dann Like a Virgin und dann beim Trockenreiten wechselt ihr euch wieder ab, wäre ich euch echt Dankbar!"

„Kein Thema."

Andreas lenkte den riesen Sportpferdetransporter auf den Parkplatz und stieg aus.

„Danke."

Sie machten mit vereinten Kräften die große Klappe auf und suchten die Sattelsachen raus.

„He, deine Pferde schauen richtig ordentlich aus, großer Bruder!"

„CHRISTIAN!"

Man merkte, wie sehr sich die beiden Brüder leiden konnten. Das Genecke war freundlich-frech, aber nicht böse gemeint.

„Ja, danke zweier netter Damen."

„Aha, gleich zwei?"

„Ja, wo ist eigentlich Nummer zwei, Sophie?"

Das blonde Mädchen mit den Naturlocken zuckte die Schultern.

„Grade war sie noch hier."

Stina stand hinter Blue Crush und kraulte ihn.

Sie hörte die beiden jungen Männer noch ein wenig plaudern, dann entfernten sich Schritte.

„Stina?"

„Ja Andreas?"

Im Gegensatz zu Sophie sagte sie Vornamen und duzte.

„Was möchtest du denn? Ich bin bei Blue."

„Ach so, jetzt konnte ich dir Christian gar nicht vorstellen."

„Ach, dafür ist später sicher noch Zeit!"

Sophie schwärmte Stina vor, wie toll Christian ausgesehen hätte. Ein sportlich Schlanker, relativ großer junger Mann, mit langen braunen Haaren und braunen Augen.

„Ja, das ist Christian", murmelte Stina vor sich hin.

„Was hast du gesagt?"

„Nichts!", behauptete die Schwarzhaarige und führte den inzwischen fertig gesattelten Revolver raus.

„Mit welchem Pferd startest du eigentlich noch im M-Springen?", erkundigte sich Sophie, als sie feststellte, dass jedes dieser Pferde in der S-Dressur eingetragen war.

„Mit einem Pferd meines Vaters und noch mit Shrek."

„Deines Vaters? Cool!"

Sophie kannte Jupp Eickhoff vom Namen her, ein bedeutender deutscher Springreiter, welcher mehrfach an Europa- und Weltmeisterschaften erfolgreich teilgenommen hatte.

„Ja, Christian hat Sammy mit hergebracht."

Etwas neidisch schaute er, als er von der Scheckstute erzählte. Ein Pferd, welches normalerweise bei S-Springen und höheren Klassen mitmischte.

„Na dann, ich muss mal den Reitern vor mir zuschauen, ihr macht das schon Mädels."

Er lief zur Halle und die Mädchen Vinyl Revolver und Like a Virgin zum Abreiteplatz.

Thomas passte auf die anderen beiden Goldstücke auf.

„Na dann, wollen wir doch mal sehen, was die beiden drauf haben!" Sophie lächelte Stina zu, als diese sich in den Sattel schwang.

„Ja, wollen wir ihn doch nicht enttäuschen."

Es war viertel nach neun, aber die Zuschauer drängelten sich an die Abreiteplätze und auf die Zuschauertribünen der Plätze und Hallen.

Ein Riesenturnier, mit bekannter Besatzung lockte nun mal Fans an.

Mit hängenden Zügeln ließ Stina Revolver unter sich laufen. Fünf Minuten später nahm sie dann diese auf und trabte ihn an. Er wurde lockerer und hatte einen reinen Takt. Auch über den Galopp ihrer Pferde konnte keines der Mädchen meckern, sie merkten, wie gut diese Pferde ausgebildet waren.

Stina machte dieser Rummel nur Nervös und auch etwas deprimiert.

Sie hasste Turniere und sie wusste auch warum.

In ihr kamen Erinnerungen hoch, die durch das plötzliche Auftauchens Christian nicht verbessert wurden.

„Du da, auf Vinyl Revolver. Wir haben gleich viertel vor. Andreas wartet an der Halle."

Christian sah aus, wie vor einem Jahr. Einfach gut, wunderschöne Augen, die in der Morgensonne herrlich leuchteten und Stina musste schlucken.

Ihre Kappe tief im Gesicht ritt sie vom Abreiteplatz zur Halle.

„Er ist ganz locker, die fliegenden Wechsel macht er toll und du schaffst das schon!"

Sie hatte Einerwechsel und einige andere Sachen ausprobiert, sobald Sophie mal nicht hinschaute.

Damit saß sie ab, drückte Andreas und wollte gehen.

„Danke Stina."

Sie fuhr herum.

„Gerne Andreas."

Immer noch versuchte sie den Blick nicht auf Christian zu richten, ihm nicht ihr Gesicht zu zeigen, doch war das nicht schon zu spät?

Sie lief zum Hänger um Blue Crush fertig zu machen, als sie die Schritte hinter sich wahrnahm. Männerschritte, schnell und forsch.

„Wer bist du?"

Stina drehte sich nicht um, sondern blieb mit hängenden Schultern stehen.

„Einer Reitschülerin auf dem Reiterweingut Hofer."

„Ah ja. Und woher kennt mein Bruder dich?"

„Ach, er meinte ich würde gut reiten, so ein Blödsinn, ich bin blutige Anfängerin."

Ihr Arm wurde gepackt, ein fester Griff, den sie kannte.

„Stina?"

„Christina!" Sie sprach zum ersten Mal seit langem ihren richtigen Namen aus.

„Stina…", flüsterte Christian nochmal.

Und dem Mädchen kamen die Tränen. Der junge Mann hinter ihr hatte sie erkannt, soviel stand fest.

„Wieso bist du einfach gegangen damals? Wieso hast du dich nie mehr gemeldet?"

„Wen meinst du? Oder bzw. was meinst du? Ich kenne dich nicht einmal."

„Red keinen Mist!"

Sie nahm die Kappe ab.

„Ich rede keinen Mist! Glaub mir doch! Ich kenne dich nicht."

Ein Schluchzen drang aus ihr heraus.

„Stina… Du bist Stina Wendel."

„Bin ich nicht!"

Ein kehliges Lachen kam von Christian.

„Ich sage es dir doch, ich bin nicht die, die du meinst."

Ihr liefen die Tränen über das hübsche Gesicht.

„Und wer bist du dann?"

„Das geht dich nichts an."

„Und wieso weinst du dann?"

Das Schluchzen wollte nicht aufhören und Christian drehte sie um. Fuhr mit einem Finger über ihr Gesicht und wischte die Tränen weg.

„Stina…" Mehr kam ihm nicht über die Lippen.

Sie war es, er hatte sich nicht getäuscht, doch wieso log sie?

Was hatte sie zu verbergen?

„Lass mich doch einfach in Ruhe Chris!"

„Das geht nicht… Ich kann niemanden in Ruhe lassen, der mich einfach hat sitzen lassen, auf meine Anrufe, Briefe und all das nicht mehr geantwortet hat. Du warst nie mehr auf Turnieren, was ist denn los?"

„Ich bin ausgestiegen. Ich will mit dem Turnierscheiß nie mehr was zu tun haben! Versteh es doch! Und ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!"

Sie wollte sich von ihm befreien, zu Blue Crush gehen und ihn fertig machen, doch Christian wies Thomas mit einigen Blicken an, dies zu tun.

„Ich muss kurz mit Stina alleine sein."

Thomas nickte und führte Blue Crush vom Transporter weg.

Christian drückte Stina auf die Laderampe und schaute sie eindringlich an.

„Bitte rede mit mir."

Er schaute sie verletzt an.

„Wieso bist du ohne einen Piep abgehauen? Gab es Probleme?"

„Was ist, wenn ich dir nichts erzählen will", fauchte Stina zwischen ihrem Schluchzen.

„Was ist, wenn du einen Jungen mit einem gebrochenen…"

„Das reicht", unterbrach sie ihn.

„Ich bin weggezogen", gab Stina schließlich zu.

„Aber das kann doch nicht der Grund sein, dass du mich ohne jedes Wort verlassen hast. Hast du mich denn nicht geliebt?"

„Blöde Frage, nächste Frage!"

„Bitte STINA!"

Er flehte sie geradezu an.

„Stina, ich habe dich doch so geliebt!"

„Ich dich auch Chris und gerade deswegen wollte ich die Trennung so schmerzfrei wie möglich machen. Ich wollte, dass du mich hasst. Dass du nicht mehr an mich denkst."

„Wieso bist du denn weggezogen?"

„Meine Mutter hat eine neue Arbeitsstelle bekommen…"

„Und wieso warst du nie mehr auf Turnieren aufzufinden? Du wolltest doch die Deutschen Meisterschaften dieses Jahr mitreiten."

„Ich hatte ein Burnout. Nichts ging mehr. Ich habe mit dem Reiten aufgehört, bis meine Mam mich zu Angelika und Co geschickt hat. Hätte ich deinen Bruder nicht angetroffen, hätten wir uns auch nie mehr gesehen."

Sie seufzte und wischte sich übers Gesicht.

Das letzte Jahr war so hart gewesen. Das ganze Jahr hatte sie alle Wettkämpfe gemieden. Es war immer zuviel gewesen. Ihr Trainer hatte einen zu großen Druck auf sie verübt. Sie hatte den Spaß an Turnieren und am Reiten verloren. Ihre Stute Darklightning hatte sie seitdem einer Freundin zur Verfügung gestellt, welche aber erfolgreich mit ihr an M-Springen und S-Springen teilnahm, ihren Hengst Mc Kenzie hatte sie einem Freund in Kiel zur Verfügung gestellt, welcher mit ihm bei den Deutschen Meisterschaften zwei erste Plätze in der M-Dressur und S-Dressur geholt hatte. Sie selber hatte ihre Pferde nicht mehr besucht, sie bekam aber immer die Zeitungsartikel zugeschickt, bewahrte sie auf, aber ansonsten war ihr alles egal. Sie war mit ihrer Mutter nach Weikersheim gezogen. Weit weg von Essen, jetzt in den Ferien zog ihre Mutter zurück und sie war nicht in den Umzugstrubel eingespannt. Ihr Vater hatte eine Arbeitsstelle in Berlin und war nur an den Wochenenden bei der Familie. Sie vermisste ihren Vater, sah ihn so selten.

Traurig saß sie da, sie wollte mit keinem darüber reden und vor allem nicht mit Christian. Aber jetzt kam sie da nicht mehr drum rum.

„Christian, es tut mir wirklich Leid!"

„Was tut dir Leid?"

Der junge Mann stand vor ihm. Schwankend zwischen Wut, Wut weil sie ihn einfach hat sitzen lassen, Mitleid, Mitleid weil er diesen Druck kannte, Freude, Freude sie wieder zu sehen und Traurigkeit, Traurigkeit, weil in ihm diese Angst des vollständigen Verlierens war.

„Das ich ohne ein Wort abgefahren bin. Ich wusste doch, dass das mit uns keine Zukunft haben sollte."

Er schüttelte den Kopf und kniete sich hin:

„Stina, du glaubst dir doch selber nicht, dass ich dich wegen 600km einfach so hätte ziehen lassen. Ich wäre jedes zweite Wochenende zu dir gefahren."

Seine Hände fanden die ihren.

„Hast du mir denn nie geglaubt, als ich dir gesagt habe, wie sehr ich dich bräuchte?"

Stina schüttelte den Kopf.

„Ich wollte, aber ich konnte nicht", gab sie zerknirscht zu.

„Ich habe mich so fertig gemacht, du hast auf nichts reagiert. Keine Post, keine SMS, keine Anrufe auf deinem Handy. Okay Post, das verstehe ich jetzt ja, aber ansonsten. Ich habe mir solche Sorgen gemacht."

„Ich war auch ein nervliches Wrack und so kam mir der Metal ganz Recht. Ich spiele inzwischen relativ gut Bass und bin in zwei Bands vertreten. Es ist so ein Zufall, dass ich überhaupt noch reite, also jetzt im Moment."

„Aber es war immer dein Leben Kleine!"

„Es war, du sagst es!"

Zärtlich strich der Braunhaarige ihre eine, aus dem Zopf gefallene, Strähne zurück.

„Du hast von den Meisterschaften geträumt. Geträumt dort zu starten und die Siege abzuräumen. Du hättest es schaffen können. Wieso nicht mehr?"

„Ich wurde unter Druck gesetzt. Ich MUSSTE irgendwann immer gewinnen. Mc und Dark können doch nicht so was aushalten. Sie sind super, aber nicht Druckpferde!"

„Wer hat dich unter Druck gesetzt? Deine Eltern? Dein Trainer? Du dich selber?!"

„Der Trainer und ich mich dann selber. Ich musste einfach gewinnen. Zweite Plätze waren schon eine kleine Tragödie."

Chris schüttelte den Kopf. Stina war immer eine Person mit Humor und Herz gewesen, nie hatte er diesen Druck bemerkt. Er kannte ihn jedoch selber zu gut.

Ihre Unterhaltung wurde jäh unterbrochen, als Sophie zu ihnen stieß um Vinyl Revolver in den Transporter zu bringen und Shrek zu holen.

„Redet ihr nur. Ich mach das schon."

Dankend sahen die beiden rüber.

„Und du bist blutige Anfängerin?"

„Ja, für die nächsten vier Wochen noch."

„Kannst du dich denn verstellen?"

„Nein, das hast du doch selber gesehen."

„Das warst du auf Primabella, gell."

„Ja…"

Fast beschämt schaute sie auf den Boden.

„He Stina." „Ja?"

„Heute Abend, was machst du da?"

„Nichts, soweit ich weiß."

„Ich wohne heute Nacht nochmal auf dem Hof. Dann könnten wir nochmal in Ruhe über alles reden. Und über uns."

Während des letzten Satzes schaute er auf seine Füße und schluckte.

„Das geht nicht!"

„Wieso denn nicht?"

Christian verstand sie nicht.

„Christian, wenn ich sage, dass es nicht geht, dann geht es einfach nicht. Okay?!"

„Dann muss ich deine Absage halt hinnehmen. Aber na ja, danke nochmal, dass du immer hinter mir standest! Danke, dass du mir damals geholfen hast, als ich mit den Drogen das hatte und danke, dass ich dir immer helfen durfte."

Damit stand er auf und ging.

Er ging einfach, ohne nochmal „Tschüss" zu sagen, oder einen Blick nach hinten zu werfen, doch Stina wusste, dass war weder für ihn, noch für sie leicht.

Sie lief zur Halle um die letzten Ritte zu verfolgen. Andreas ritt gerade Shrek ab und Sophie saß auf Blue Crush, Like a Virgin stand neben Thomas.

„Willst du übernehmen Stina? Sie ist immer noch aufgekratzt. Die haben ’ne Show geliefert."

Thomas lachte und redete auf sie ein, während Stina still aufstieg.

Sie mochte die kesse Stute ganz gern, aber jetzt grade war ihr alles egal.

„Danke Thomas", waren ihre einzigen Worte, bevor sie abwendete und zu Andreas ritt.

„Wie lang steht Christian und sein Getier noch auf dem Reiterweingut? Und wie lange bleibt er."

„Ich habe keine Ahnung."

„Wäre aber gut wenn."

Sie biss sich auf die Lippen.

„Woher kennt ihr euch. Oder kennen wir uns auch?"

„Ja, flüchtig, aber ich will nicht davon reden."

„Kein Thema."

Er hatte eh andere Sachen im Kopf, als sich mit seinem Bruder und dessen Liebesgeschichten aufzuhalten. Die gingen ihm schon seit einem Jahr gehörig auf den Geist. Seit dieses Nachwuchstalent ihn verlassen hatte, hatte er jeden Monat zwei bis drei neue Mädchen mit nach Hause gebracht. Als Ablenkung.

Er schüttelte den Kopf und gab Shrek Hilfen zur Passage.

Dieses Talent von damals war ihm nie wieder über den Weg gelaufen, nicht mal bei den Deutschenmeisterschaften. Und dabei hatten Chris immer gesagt, dass seine ‚Liebe’ ihn schlagen würde in der S-Dressur und zwar mit Bravour.

Doch nichts trat ein. So wie sie ins Leben gekommen war, verschwand sie auch wieder und brach seinem Bruder damit wohl einiges.

Bei der Überlegung musste er einreiten.

Die Dressur mit Shrek war wie immer am besten, mit drei von seinen vier Pferden wurde er platziert. Mit Shrek den ersten Platz, den zweiten machte der Vizemeister der DM und den dritten und vierten Like a Virgin und Blue Crush, danach folgte der Deutsche Meister und nochmal der Vizemeister.

Er war mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Dafür, dass er nur aus Spaß mitgeritten war.

Auch im Springen lief es für ihn gut, der zweite und dritte Platz gehörten ihm und auch Christian hatte einen Sieg und zwei dritte Plätze errungen.

Zufrieden verluden die Eichhoff- Jungen ihre Pferde, doch Andreas stellte plötzlich etwas fest.

Stina war nicht aufzufinden.

Weder bei den Pferden, noch sonst irgendwo auf dem Turnier.

Er ließ sie ausrufen, doch selbst nach einer halben Stunde tauchte das junge Mädchen nicht auf.

Seufzend ließ sich Andreas auf einer der Bänke nieder, die für die Zuschauer aufgebaut worden waren.

„Weißt du wo sie ist?"

Er schaute seinen jüngeren Bruder an.

„Nein, woher soll ich das wissen? Wenn es so wäre, dann hätte ich schon längst was gesagt!"

Sophie hob auch nur Ahnungslos die Schultern hoch.

„Man, Chris! Du hast vorhin doch noch mit ihr geredet!"

„Ja und? Denkst du die sagt mir, wohin sie will? Außerdem war da alles normal!"

Christian hätte sich am liebsten für den Satz selber geohrfeigt. Es war natürlich nicht alles normal gewesen. Es war verletzend gewesen alte Dinge wieder rauszukramen. Doch was sollte er jetzt dran ändern?

Thomas kam auf sie zugelaufen und atmete schnell.

„Inge hat grade angerufen. Stina hat sich von einer ihrer Freundinnen vom Hof abholen lassen. Jetzt ist sie grade in ihrem Zimmer und packt. Sie wird in einer Stunde von ihrer Mutter abgeholt. Sie reist früher ab."

„BITTE WAS?!"

Zwei junge Männer waren aufgesprungen und schauten ihn ungläubig an.

„Ja, außerdem hat sie wohl noch beschlossen Santa Claus mitzunehmen. Ich soll euch grüßen, aber ihr sollt sie bitte nie anrufen oder ähnliches."

Christian seufzte. Wie denn auch? Er hatte ihre Nummer nicht mehr, sie hatte ein neues Handy.

„Dann müssen wir es halt so akzeptieren."

Sophie musste schlucken. Stina war ihr sympathisch gewesen. Eine Anfängerin, die einfach ein Naturtalent war, aber das nicht zugeben wollte. Ein offenes, hübsches und intelligentes Mädchen. Was war denn passiert? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Nur einer wusste es. Ein Mensch dem jetzt alles Leid tat. Und der trotz allem nicht locker lassen würde.

Man sah sich öfter im Leben als zwei Mal.

Andreas schaute seinen jüngeren Bruder an. Wieso war er so durcheinander? Er hatte in der Dressur zweimal kräftig gepatzt und das geschah ihm sonst nie. Was war da los? Was hatte er für ein Gespräch? Hatte er das Nachwuchstalent wieder getroffen? Und wenn, wer war sie?!

Stina stand in ihrem Gästezimmer des Reiterweingutes und packte ihre Koffer. Die schwarzen Sachen untendrunter, die bunten obendrauf.

Sie hatte diese Entscheidung intuitiv getroffen und wollte von niemandem aufgehalten werden.

Andrea und Angelina hatten sie sofort abgeholt, aber auch nicht nachgefragt, was die Beweggründe von ihr waren.

Noch vom Turnier aus, hatte sie ihre Mutter angerufen, ihre beiden Freunde, denen sie ihre Pferde zur Verfügung gestellt hatte, die Stallbesitzerin ihres alten Stalles angerufen, ob es zufällig drei freie Boxen gab und dann nochmal mit ihrer Mutter telefoniert. Sie hatte diese überredet Santa Claus irgendwie zu bekommen. Ob zur Verfügung oder zum Verkauf.

Ihre Mutter hatte erst nicht glauben wollen, dass ihre Tochter ihre Pferde zurück wollte und dazu noch ein Neues, doch sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt und kam mit ihrem Hänger zum Gut.

Inge und Herr Hofer hatten erstaunt ihre Mutter gemustert, als diese, resolut und stürmisch wie immer, auf dem Hof auftauchte.

Schnell hatte sie sich mit Herrn Hofer entschieden, dass sie Santa Claus auf Probe für zwei Wochen bekäme und wenn alles in Ordnung wäre, für einen fairen, guten Preis kaufen würde.

Stina war froh darüber, dass ihre Mutter es für gut befunden hatte, ihr das Pferd zu kaufen. Sie verdiente gut und auch Stinas Vater verdiente mehr als gut. Und für das Wohl ihrer Tochter taten sie fast alles.

Stinas älterer Bruder studierte in England Biochemie und er war nur selten zuhause, was alle bedauerten.

„Mama!" Stina hatte fertig gepackt und ihre Koffer zur Tür geschleppt.

„Stina! Na da bist du ja." Sie umarmte ihre Tochter. Die beiden sahen sich sehr ähnlich, nur auf Stinas Gesicht lag nicht so ein Sorgenschimmer wie auf dem ihrer Mutter.

„Was ist denn genau los?", erkundigte sich die Frau, doch Stina winkte ab.

„Erzähle ich dir später, okay?"

Ein Nicken von Seiten der Mutter bestätigte dies.

„Wir sollten so langsam Santa Claus verladefertig machen."

„Du hast es also geschafft?"

„Ja schon, aber du sagst mir das nächste Mal bitte vorher, dass er S-Dressur geht, okay? Dann muss ich mich nicht über einen solchen Preis erschrecken."

Zerknirscht sah sie ihre Mutter an.

„Tut mir Leid! Ich wusste es selber doch nicht."

„Das sagt mir meine Tochter."

Sie schüttelte den Kopf und steckte ihre Brieftasche in ihre Tasche.

„Wenn ich ihn zwei Wochen wirklich davon überzeugt bin, dass es das richtige ist, dann unterschreib ich den Scheck erst. Vorher fällt dein Vater auch erst tot um."

„Wieso?"

„Na ja, ich weiß nicht, was du über 15.000 €uro denkst. Und das war ein Freundschaftspreis! Der wollte doch glatt erstmal das Doppelte."

„Oh man."

„Na ja gut, nachdem ich gesagt habe, wer ich bin, ist er sofort runter gegangen. Wie ich es geschafft habe noch die Hälfte runter zubekommen, frag nicht, ich habe keine Ahnung."

„Okay."

Sie liefen in den Stall, wo Santa Claus schon brummelnd aus seiner Box schaute.

„Aber es stimmt, er ist wirklich ein hübsches Tier, verstehen tu ich dich ja schon."

Lächelnd strich sie dem hübschen Hengst über den Kopf.

„Er hat unwahrscheinliches Potenzial. Ich will versuchen mich für die nächsten Meisterschaften nachzuqualifizieren."

„Und du hast bei Wolters schon angerufen?"

„Ja schon alles erledigt. Imke meinte, dass ich heute noch kommen könnte. Sie freut sich mich wieder zusehen."

„Und deine anderen beiden?"

„Die kommen am Mittwoch beide. Lisa und Alex bringen die beiden Persönlich. Ich freu mich auf alle vier. Aber schau doch mal, der ist doch toll."

Lächelnd kraulte sie Santa hinter den Ohren, besann sich dann ihrer Aufgabe und holte dann aus der Sattelkammer alles was sie brauchte.

Eine leichte Transportdecke und die Bandagen fand sie in einer Kiste und das chicke Transporthalfter hing neben seiner Trense.

Inge lächelte ihr zu und packte mit an.

In kürzester Zeit stand der Hengst auf dem Hänger und die Klappe wurde geschlossen.

„Danke euch beiden, dass das mit Santa Claus so klappt. Hätte ich nie gedacht." Stina umarmte den Gutsbesitzer und die Reitlehrerin.

„Na dann hoffen wir doch mal, dass du mit ihm gut klar kommen wirst. Kannst ja mal schreiben!"

„Sicherlich! Ihr werdet von uns hören."

Ihre Mutter verabschiedete sich mit einem warmen Händedruck von Herrn Hofer und ihrer ehemaligen Schülerin und stieg dann in ihren Wagen.

Stina kontrollierte noch einmal alles und stieg auch ein.

Sie sahen noch die Eickhoffschen-Hänger auf den Hof fahren, doch Stina wollte sie nicht sehen.

„Waren das nicht…?" Ihrer Mutter blieb der Satz im Hals stecken, als sie die Tränen sah.

„Was ist los?"

Und da erzählte Stina alles. Von Andreas, von Christian und von dem Turnier.

 

Zeitsprung

Vier Wochen später trainierte Stina verbissen auf dem 20x 60 Viereck mit einer Holländischen Warmblutstute.

Dragon gehörte ihrem Onkel, welcher sich jedoch auf einer Geschäftsreise in Asien befand. Er hatte sie gefragt, ob sie nicht Zeit und Lust hätte die quirlige Stute etwas zu trainieren und auch das ein oder andere Turnier zu gehen, gerade jetzt wo die Stadtmeisterschaften vor der Tür standen.

Erst hatte sie gezögert Martin eine Antwort zu geben, doch dann siegte ihr Ziel. Ihr Ziel wieder vorne mit dabei zu sein. Und diesmal ohne Trainer. Mit ihrer Reitlehrerin hatte sie zusammen sich hingesetzt und geredet. Diese hatte ihr jede Unterstützung zugesagt und auch versichert sie niemals unter Druck zu setzen.

Stina war froh, dass Imke so eine Frau war.

Die Sommerferien neigten sich dem Ende zu und Stina wusste nicht, wie es nach den Ferien weitergehen sollte.

Sie würde auf ihre alte Schule zurückkommen, das war klar. Jedoch, wie würden die anderen sie aufnehmen? Würde alles wieder so wie früher?

Doch das alles machte ihr nicht soviel Sorgen, wie ihr zensiertes Thema.

Würde sie Christian wieder treffen? Würden sie sich begegnen? Würde er nach ihr suchen? Sie hoffte es, auch wenn sie es niemandem gesagt hätte.

Er lag ihr immer noch sehr am Herzen. Jedoch hatte sie ihm nicht gesagt, dass sie wieder umziehen würde.

Wieder in die gleiche Straße, wieder „nach Hause".

Dragon piaffierte unter ihr und zeigte eine schöne Haltung. Stina rang mit sich selber. Sollte sie mit Dragon die Stadtmeisterschaften gehen? Oder sollte sie versuchen Santa Claus auf Vordermann zu bringen. Der Hengst war immer noch relativ steif. Imke vermutete, dass es davon kam, dass er im Schulbetrieb gelaufen war.

„Das sieht doch gut aus!"

Ihre Mutter stand an der Bande und lächelte ihr zu. Dragon piaffierte wieder unter ihr und Stina saß entspannt im Sattel.

„Danke schön Mama."

Sie lobte die Stute und trabte sie wieder in einem starken Trab vorwärts. Schließlich parierte sie durch und lobte wieder.

„Was hast du denn genannt für das Turnier?"

„Ich reite mit Dark eine L-Dressur und vielleicht mit McKenzie ein M-Springen. Ich will noch nicht aufs Ganze gehen. Und mit den beiden bin ich so lange kein Turnier mehr gegangen. Für die Nachqualifikation habe ich mich mit Dragon gemeldet, aber auch mit Santa. Mal schauen, ob alles klappt!"

Aufmunternd nickte ihre Mutter.

„Vier Pferde sind aber doch ganz schön hart, oder?!"

„Na ja, es geht momentan noch. Sobald Martin wieder da ist, wird alles weniger!"

„Das stimmt, ansonsten ruf doch einen deiner Freunde an. Vielleicht sucht ja einer ein Topturnierpferd."

„Nichts da Mama! Keins von meinen Pferden geht nochmal aus meinem Besitz!"

Das war ein absolutes Versprechen.

„Das heißt, dass ich heute das gesamte Geld an Herrn Hofer überwiesen habe, war also richtig?"

Ihre Tochter schaute sie an.

„Ja, ich habe vor einer Stunde telefoniert und war bei der Bank."

„Jaaaaa…" Stina jubelte und jubelte. Das sie keine Freudensprünge machte, lag bloß daran, dass sie noch auf der Stute saß.

„Danke Mama… danke!"

„Du musst nicht nur mir danken, sondern auch deinem Vater!"

„Geht klar."

Sie ließ die Stute noch ein wenig im Schritt durch die Bahn gehen und machte dann erst die Stute und dann sich fertig.

Als sie aus dem Stalltrakt der Privatpferde trat, sah sie einen schwarzen Geländewagen vom Hof fahren. Die aufgeklebten Lettern sah sie nur aus den Augenwinkeln, doch hätte sie schwören können, dass da „Eickhoff" draufstand.

Sie ging nochmal in den Stall, um zu schauen, ob sie nicht doch etwas vergessen hatte. Doch eigentlich zog sie nur eines zurück, sie vermutete Thorsten im Stall. Thorsten, den besten Freund von Chris. Sie wusste, dass Thorsten sie sehr mochte und konnte von daher ihm auch trauen.

„Thorsten?"

Ein schwarzer Wuschelkopf tauchte aus einer der Boxen auf und knurrte undeutlich.

„Man red doch mal Deutsch!" Zwei Flüche waren die Antwort auf ihre Aufforderung und dann humpelte ein großer Junge aus einer der Schwarzwälderfuchs-Boxen.

„Samurai meinte mein Fuß sei bequem. Was gibt es denn Stina?"

Erst dann verstand er:

„Stina?!"

„Richtig!"

„Oh man…"

Eine flache Hand klatschte gegen eine Stirn.

„Komm her…"

Herzlich nahm er die Jugendliche in den Arm.

„Du bist wieder da?"

„Ja, so halb."

„Seit wann?"

„Ein paar Wochen, wo durfte man dich vermuten?"

„Ich war in South Carolina. Meine Tante besuchen. Oh man. Wie geht es dir? Haben uns ein Jahr nicht mehr gesprochen."

Stina grinste, das war eben Thorsten.

„Pass auf, ich gebe dir eine Cola im Stübchen aus, erzähle alles und du mir. Abgemacht?"

Er nickte.

Stina erfuhr viel von Thorsten. Er war immer noch so eine Labertasche wie früher. Doch eine Sache erfuhr sie nicht. Hatte Chris eine andere?

Soviel plapperte der junge Mann dann doch nicht. Thorsten hatte sich jedoch richtig gefreut, dass sie wieder auf dem Hof anzutreffen war.

Wieso sie aber ihm verboten hatte Chris irgendetwas zu erzählen war ihm schleierhaft. Sie sah noch besser aus als vorher und war noch einen Ticken netter. Doch er wollte auch, dass sie sich endlich bei ihm entschuldigen sollte. Sie waren ein so hübsches Paar gewesen. Wieso machten sie sich das alles kaputt? Dadurch das sie abgehauen war. Es war nicht in Ordnung gewesen, aber wenn man etwas falsch gemacht hatte, dann sollte man es auch wieder gerade biegen. Doch das war scheinbar nicht ihr Willen. Immer noch humpelnd ging er wieder zu Samurai.

„So Dicker, wieder eine mehr auf dem Hof."

Der Wallach schüttelte sich und rieb dann den Kopf an seiner Schulter.

„Ist ja schon gut, du willst ja nur eins. Fressen. Aber jetzt ist erst einmal Arbeit angesagt."

Er hob den großen Dressursattel auf den breiten Rücken und trenste ihn.

Nur eins konnte er nicht. Das Treffen mit Stina vor Christian geheim halten. Das wäre gegen die Freundschaft und außerdem, er war viel zu gesprächig.

Noch am selben Abend telefonierten die beiden Freunde. Thorsten hatte erst den Vorwand genutzt, dass Christian am Wochenende ihn als Turnierhelfer eingeplant hatte und er darüber reden wollte, wie genau der Zeitplan aussähe. Und dann kam er in einem großen Bogen auf Stina zu sprechen.

„Rat mal, wer am Samstag auch startet", fragte Thorsten den Freund.

„Keine Ahnung, deine Freundin vielleicht?"

„Ich habe momentan mal keine, nein… aber kommt dem sehr nahe."

„Mhm, eine der Exfreundinnen?"

„Fast."

„Man Thorsten. Ich bin nicht gut genug drauf um mit dir Rätselraten zu spielen."

Thorsten grinste, er wusste nicht genau, wie Christian reagieren würde, aber er wusste, dass Chris sie suchen würde auf dem Turnier.

„Na ja, ich habe heute wen getroffen." Er machte eine Pause um die Nerven seines besten Freundes ganz zu strapazieren.

„THORSTEN!"

„Na ja, Stina ist wieder zurück."

„BITTE WAS?!"

„Ja, es stimmt, ich habe heute noch mit ihr eine Cola getrunken."

„Thorsten ich liebe dich."

„Lass das…ich bin hetero."

„Ich auch, aber…das…ist…nein…"

„Doch, wenn ich es dir doch sage. Die steht hier auf dem Hof von Imke mit vier Pferden."

„Das kann nicht sein."

Christian war geschockt. Sie war wieder da und nicht mit zwei, sondern mit vier Pferden. Sie war zurück.

„Und wo wohnt sie?"

„Das weiß ich leider nicht. Ich weiß nur, dass sie mit Dark am Samstag die Prüfung der L-Dressur geht und mit McKenzie das M-Springen, oder andersrum."

„Aha."

Mehr wollte Christian nicht wissen. Ihm ging nur eins durch den Kopf. Wie würden sie sich gegenüber stehen. Wie letztes Mal oder würde es noch eine Chance geben.

Er hatte in dem einen Jahr nicht einen Tag gehabt, an dem er nicht an sie gedacht hatte oder sich Fotos angeschaut hätte.

Ganz in Gedanken nahm er seine Arbeit wieder auf, zumindest versuchsweise, denn egal was er tat, er machte Fehler.

Stina galoppierte mit McKenzie über den großen Springplatz von Wolters. Es war früher Morgen und ein leichter Wind sorgte für ein wenig Abkühlung. Oberwohl es erst acht Uhr war, schien die Sonne mit ganzer Kraft.

Der Wallach kaute auf seinem Gebiss und Stina gab leichte Hilfen zum Galoppwechsel. Er nahm sie an und sie galoppierten auf einen Steilsprung zu.

Absprung und Landung war wie auf Wolken. Sie lobte ihn, fing ihn wieder in einen versammelten Galopp ein und nahm die etwas höhere Trippelbarre.

McKenzie hatte einen großen Abstand zwischen seinen Beinen und den Stangen und Stina merkte wieder, was für ein Ausnahmepferd er war.

Mit großen Sprüngen ging es weiter.

Stina ritt die Abfolge noch zweimal und parierte dann durch in den Trab.

Michael, einer der Reitlehrer hatte sich zu ihr gesellt und nickte.

„Das sah gut aus. Aber lass ihn ein wenig schneller gehen morgen. Dann wird das auch was mit einer Platzierung."

„Michael! Ich mach nur aus Spaß damit. Ich will nicht wieder auf Sieg trainieren."

„Du hast ja Recht. Und trotzdem. Ein wenig mehr Kopf und dann läuft das noch etwas besser."

„Er ist die Turniersituation gewohnt."

McKenzie parierte durch zum Schritt und Stina lobte ihn.

„Das schon, aber du nicht mehr. Das wird ein Nervenkribbeln für dich werden."

„Au ja."

Sie strahlte über das Gesicht. Nervenkribbeln war ein irres Gefühl, vielleicht hatte sie das etwas vermisst.

Mit Schmetterlingen in die Bahn zu reiten und dann mit einem Aufatmen diese wieder zu verlassen, einfach ganz entspannt zu sein.

„Reit bitte noch einmal den Wassergraben und dann mach Schluss."

Das Mädchen nickte und galoppierte wieder an.

Der Wassergraben war kompliziert, das musste sie zugeben. Doch McKenzie war andere Sachen durch das letzte Jahr gewöhnt und nahm den Sprung ganz gelassen.

„Sag mal, was ist der letztes Jahr gegangen?"

„Ich glaube durchgehend S-Springen."

„Ja, das sieht man. Mach dann mal Schluss und stell ihn auf die Weide. Er hat es sich verdient."

Stina nickte und lobte den Rappen.

„Gut gesprungen Großer." Und zu dem Reitlehrer gewandt: „Meinst du, dass eine von den isolierten Hallen frei ist?"

„Ich denke die Kleinere, wieso?"

„Santa Claus brauch noch ein bisschen Training. Dark wollte ich heute mal schonen, mit der mache ich gegen Abend noch einen Ausritt, das Turnier morgen wird schon anstrengend werden. Sie ist aber gut im Training!"

„Gut, dann packst du das auch! Wann ist die Nachqualifikation?"

„In zwei Wochen. Das geht schon klar."

„Okay, gut."

Damit war ihr Training beendet. Sie hatte ihn trocken geritten, auf dem Abspritzplatz noch etwas abgekühlt und war dann im Eiltempo zu Santa. Thorsten hatte ihr McKenzie abgenommen, da er eh zu den Weiden musste.

Bei Santa angekommen musste Stina lachen. Das konnte nicht wahr sein. Der Rotschimmel hatte große Mistflecken im Fell und schaute sie bloß aus großen Augen an.

„Marie!"

Die Praktikantin kam aus einer der Pferdeboxen, die sie gerade mistete und musste auch lachen.

„Sag mal, ist der Lümmel mal wieder ausgebüxt?"

Sie bedachte den sanften Riesen mit einem zärtlichen Blick.

„Na ja doch. Heute Morgen gegen sechs. Steffen ist gerade auf den Hof gekommen, als er ihn auf dem Misthaufen sah."

„Das darf einfach nicht wahr sein."

„Scheint aber so. Oh man. Was willst du denn noch tun? Selbst der Extrariegel bringt nichts."

„Ich denke, dass wir einfach das Fenster zumachen müssen, so Leid es mir tut. Wenn ich nicht auf dem Hof bin, ist mir das zu gefährlich."

„Ist in Ordnung. Ich sage den Anderen Bescheid."

„Danke."

Die beiden Jugendlichen sahen sich an.

„Und, wen reitest du noch so?"

„Ich weiß es nicht. Vielleicht darf ich ja heute Abend noch mit Grease ins Gelände."

Grease war ein ausgedientes Schulpferd, welches Steffen, der Stallmeister, für wenig Geld gekauft hatte.

Marie, seine Nichte, wohnte eigentlich in Lübeck, kam aber zweimal im Jahr für die Ferien zu ihrem Onkel. Dieses Mal ließ sie sich die Wochen auf dem Hof als Praktikum bescheinigen.

„Ich hätte da eine andere Idee. Ich muss heute Abend noch Dark bewegen und wenn du willst, kannst du mit ausreiten kommen. Aber auf Dragon."

Marie strahlte. Zwar hatte sie zuhause selber ein gutes Pferd stehen, jedoch war es mit Dragon oder einem der anderen Pferde auf diesem Hof kaum zu vergleichen.

„Aber sicher."

Die Sechzehnjährige lächelte und ihre weißen Zähne kamen zum Vorschein.

„Gut, dann würde ich mal sagen, um sechs, da wird’s dann schon etwas kühler."

Stina lächelte zurück.

„Gut und danke Stina."

„Kein Thema."

Sie gingen wieder getrennte Wege.

Stina nahm seufzend den Striegel in die Hand und Marie die Mistgabel.

„Weißt du was Sanny?! Das bringt gar nichts. Ich glaube wir gehen mal kurz duschen."

Sie nahm ihn am Halfter und stellte den Riesen auf den Abspritzplatz.

„Wie kannst du nur? Bist du ein Pferd oder ein Schwein? Kein anderes Pferd würde den Misthaufen den Wiesen vorziehen. Nur du."

Sie schimpfte lächelnd. Natürlich war sie nicht sauer. Sie liebte es Santa, oder noch kürzer und abgewandelter Sanny zu putzen und zu waschen. Er blieb immer brav stehen und führte sich nicht einmal bei Stuten besonders auf.

Das Training genoss Stina richtig. Sofern man dies Training nennen konnte. Sie machte eigentlich nur Sachen für seine Ausdauer. Ein Training auf Leistung hatte vor Ausdauer gar keinen Sinn.

Nach diesem und lauter Schmusereien für ihre vier Schützlinge fuhr Stina erst einmal nach Hause. Sie würde am Abend von ihrer Mutter gefahren werden und konnte sich so einen schönen Nachmittag am Garteneigenen Pool machen. Zwei Telefonate später und sie war nicht mehr allein.

Tilmann Hexe aus ihrer alten Schule und die Zwillinge Vanessa und Catrin Höf hatten Stinas Einladung zum Schwimmen an diesem warmen Freitag zu gerne angenommen.

Ausgelassen planschten sie, aßen die komplette Kühltruhe mit Eis leer und sonnten sich.

Es wurde ein netter Nachmittag, Stina erfuhr alle Neuigkeiten, welche über das Jahr hin geschehen waren und wusste auch, wer die Stufenleiter der kommenden Jahrgangsstufe 11 werden sollten.

Und der Satz der am meisten fiel war wirklich: „Wie ich euch vermisst habe!".

 

Nach einem ruhigen Ausritt half Marie der früher schon bekannten Newcomerin ihre Pferde einzuflechten und in frisch gemistete Boxen zu stellen.

„Morgen früh um acht geht es los. Wenn du mitfahren möchtest…"

Sie ließ den Satz unvollendet, da Marie traurig den Kopf schüttelte.

„Ich kann leider nicht." Und unter einem Grinsen gab sie zu:

„Ich hab ganztägig eine Verabredung."

„Erzählst du mir Sonntag davon?"

„Aber sicher!"

Sie nahmen sich in den Arm und winkten sich noch einmal zu.

Stina wunderte sich immer wieder, wie nett die Leute ihre Rückkehr bemerkt hatten. Und dann fasste sie sich an den Kopf. Sie hatte schon mehrere Stunden nicht an Christian gedacht. Ein Fortschritt?!

Doch das sollte wieder mal nicht sein.

Diesmal machte jedoch nicht ihr Kopf einen Strich durch die Rechnung, sondern ihr Herz.

Der Turnierplatz war noch leer, als sie mit dem Transporter parkten. Es war eines der letzten Turniere im Jahr, welches nicht in der Halle stattfand.

Der Goethehof war bekannt für relativ schwere Prüfungen und Thorsten, sowie ihre Mutter hatten sich gewundert, dass sie überhaupt startete. Doch Stina hatte darauf bestanden. Sie wollte gleich am Anfang zeigen: Sie war zurück.

Stina sah sich suchend nach Thorsten um. Er hatte ihr gesagt, dass er als Turnierhelfer für einen Freund mitfahren würde. Wo steckte er bloß?

Da erkannte sie ihn. Er führte einen großen Schimmel neben sich her, der sich etwas aufspielte. Hohe Knieaktionen, aufgestellter Schweif. Doch Thorsten hielt ihn locker, die Muskeln des Hengstes waren deutlich zu erkennen und Stina fragte sich, wie Thorsten so locker bleiben konnte, bei so geballter Kraft.

Da sah auch er sie und winkte mit der freien Hand. Ja, er winkte sie zu sich rüber.

„Mama, ich muss mal eben zu Thorsten, komme gleich wieder."

Doch ihre Mutter schüttelte den Kopf.

„Erst den Sattel auf Dark und dann aufsitzen. Wenn du das getan hast, DANN darfst du da rüber!"

Stina hievte den schönen Stübbensattel auf die schlanke Stute und saß auf.

„Bis gleich."

Mit kaum merkbaren Hilfen trieb sie die Stute zu dem Hengst. Dark interessierte sich nicht ein bisschen für die Hengstallüren und legte nur die Ohren an, als er ihr zu nah kam.

„Wer ist das?", fragte Stina und deute auf das Kraftpaket von Schimmel.

„Das ist Mando. Ein Pferd, das ich eigentlich nur kurz halten sollte. Aber der Herr von Eickhoff macht mir mal wieder einen Strich durch die Rechnung", verärgert schnaubte Thorsten.

Stina hatte zuerst den Namen „Eickhoff" überhört, doch das brachte ihr nichts, denn gerade, als sie stutzig wurde, kam ihr ein junger Mann entgegen. Weiße Reithose, weiße Bluse und schwarze Dressurstiefel.

„Sag nicht Eickhoffs sind hier in der L-Dressur vertreten."

Thorsten zuckte mit den Schultern.

„Doch schon. Wieso?"

Diesmal war es das Mädchen, das verärgert schnaubte.

„Und ich dachte ich gehe mal ein Turnier für die Zukunft."

Sie wendete Dark ab und ritt zum Abreiteplatz.

„Das war eindeutig ein Stina-Auftritt."

Christian schaute hinter der Schwarzhaarigen her und lächelte versonnen.

„Sie reitet ja immer noch fantastisch."

„Mhm ja…"

„Thorsten hörst du überhaupt zu?"

„Ja klar. Ich habe hier nur noch einen Hengst am Führstrick, den du in der L-Dressur reiten wolltest."

„Mhm klar."

Er hob seinen Stübbensattel auf den Rücken von Mando und zog die Trense drüber.

„Ist ja schon okay."

In gewohnter Lässigkeit zog Christian sich auf den Rücken den Schimmels.

„Ich reite eh als einer der letzten. Da ist es egal. Und Mando ist doch schon, na ja oder doch nicht…"

Eigentlich wollte er sagen, dass der Hengst locker war, doch das stimmt noch nicht. Also ritt er ihn zum Abreiteplatz und wollte Stina ‚Hallo’ sagen, doch sie beachtete ihn nicht einmal.

‚Was ist mit ihr los? Ich habe ihr doch nichts getan!’

Thorsten stand an der langen Seite der Bahn und schaute die beiden Jugendlichen an.

Sie waren ein hübsches Paar, auch ihre Pferde wirkten zusammen. Wieso sollte es denn nicht funktionieren? Zwei Nachwuchstalente. Doch scheinbar sah die Realität anders aus.

Christian war sauer auf Stina und Stina auf ihn. Was nicht verständlich war. Sie hatte doch Blödsinn gebaut. Oder?

Stina galoppierte an Christian vorbei und versammelte Dark, so dass sie fast im Stand galoppierte. Christian beobachtete sie.

Ja Stina war einfach eine der Besten. Sie wollte doch früher immer dazu gehören und sie gehörte immer noch dazu.

Nur wie sollte er mit ihr ins Gespräch kommen? Er glaubte nicht, dass Stina zu denen gehören würde, die nachher mit den Anderen noch feiern würde. Eher mit den Pferden nach Hause fahren und dann sofort eine heiße Badewanne nehmen.

Seufzend gab er Mando die Hilfen für eine saubere Piaffe und galoppierte daraus an. Dem Schimmel traten die Adern unter dem Fell hervor, was ihm einen majestätischen und imposanten Eindruck verlieh.

Christians Locken bewegten sich im Takt.

Er war wahrlich ein hübscher Kerl. Und er hatte es nicht schwer Mädchen zu finden, jedoch faszinierte ihn nur eine. Stina.

Es hatte keinen Tag gegeben, an dem er nicht an sie gedacht hatte, nicht ein Foto angeschaut hatte. Er hatte sie vermisst und ihr einziger Grund war, dass sie das Reiten aufgegeben hatte und weggezogen war? Das konnte er beim besten Willen nicht einsehen.

Christian richtete Mando sechs Schritte rückwärts und trabte an. Hochkonzentriert sah er nicht aus, doch für ihn war es auch nur ein kleines Turnier. Nicht die Landes- oder Deutschenmeisterschaften. Außerdem war Mando es noch nicht gewohnt auf Turniere zu gehen.

Das einzige was ihn nervös machte war, dass Dark besser ging, als an dem Zeitpunkt, an dem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Wo war sie die ganze Zeit gewesen?

Nach zwei weiteren Trabrunden fiel es ihm wie Tomaten von den Augen. Er hatte die schicke Satteldecke gesehen, mit ihrem Namen, die gleiche Satteldecke, die das Pferd trug, welches die Deutschenmeisterschaften in der S-Dressur gewonnen hatte. Aber das konnte doch irgendwie nicht sein. Dark war noch nie besser als M-Dressur gegangen. Was sollte sie also auf einer S-Dressur machen?

Doch es gab keinen Zweifel. Die hübsche Stute war unter jemanden anderem Deutsche Meisterin geworden.

„Stina?" Nachdenklich ritt er an sie heran.

„Was willst du?"

„Ich habe eine Frage." „Ja dann frag, aber schnell."

„Dark…" Weiter kam er nicht, denn Stina fiel ihm ins Wort:

„Sie ist eine Stute mit tollem Potenzial. Das hab ich letztes Jahr feststellen dürfen, als meine beste Freundin mit ihr Deutsche Meisterin geworden ist."

„Danke das reicht mir."

„Was wolltest du denn fragen?"

Stina hatte bemerkt, dass sie ihm einfach so ins Wort gefallen war. Einfach so, ohne dass sie überhaupt wusste, was er wollte. Sie biss sich auf die Lippen.

„Schuldigung."

Chris schüttelte den Kopf. „Genau das wollte ich wissen. Danke."

Sie ritten wieder getrennte Wege und Stina ohrfeigte sich innerlich. Er hatte ihr nichts getan. Für den Mist, der in Essen stattgefunden hatte, bevor sie umzog war sie alleine verantwortlich.

Sie schaute auf ihre Arme, welche in dem Moment nicht verdeckt waren, da sie nur die Turnierbluse trug und nicht das Jackett.

In einem zwei Millimeter abstand zogen sich feine Narben den Unterarm hoch. Wieso hatte sie das damals alles nur so getan. Wieso hatte sie Chris nie das Vertrauen geschenkt, was er ihr immer entgegengebracht hatte. Wieso hatte sie ihm nie alles erzählt, was sie bedrückte. Wieso war sie damals so abgerutscht und froh, dass sie in Weikersheim wieder neu anfangen konnte. Wieso hatte sie sich nie gemeldet. Was waren die reellen Gründe damals?

Ihr Blick wurde traurig und streifte Chris, der sie im selben Moment ansah.

Das konnte noch schwer werden.

Etwas unruhig trabte Dark unter ihr. Sie merkte, dass mit ihrer Besitzerin etwas nicht stimmte und schlug aufgeregt mit dem Kopf.

„Ruhig Dark, es ist doch nichts."

Sie nahm vorne mehr an und legte ihre Beine wieder fester um den Pferdebauch.

Plötzlich hörte sie ihren Namen, erst einmal, dann mehrmals und als sie zur Seite schaute, waren dort ihre Zimmergenossinen von Reiterweingut Hofer.

„Stina, wir wollen dich gewinnen sehen."

Perplex aber mit einem aufkommenden Lächeln im Gesicht drehte sie sich zu den Mädchen um.

„Danke ihr Lieben. Aber für’ s Gewinnen sind wir noch nicht ganz fit. Wir geben jedoch unser bestes."

„Natürlich werdet ihr das!"

Inges lachender Kopf tauchte bei den Freundinnen auf.

„Und ich will hier hohe Punkte sehen und zwar zum Spaß! Aber lass es dir nicht nehmen die anderen zu schlagen. Deine Mama hat gequatscht, bevor du fragst. Deswegen sind wir alle hier."

Stina merkte die fragenden Blicke von Christian. Er hatte seinen Hengst gut unter Kontrolle bekommen und probierte gerade KurzKehrt.

„Außerdem willst du doch sicher Andrea nicht den Sieg überlassen?"

„Andrea reitet auch mit? Meine Mam hat geplappert? Kurze Frage, was hat sie erzählt?"

„Nur wer du wirklich bist. Dass du Anfängerin bist, haben wir dir ja eigentlich gar nicht mehr wirklich geglaubt. Aber du hast am Anfang diese Rolle so überzeugend gespielt, dass wir eine Zeitlang dachten, du seiest Naturtalent. Aber nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass du schon für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert warst und eigentlich alles an den Nagel gehängt hast."

Sie lächelten sich an:

„Pass auf, du machst das jetzt und wir verziehen uns auf die Tribüne dahinten. Nachher können wir unter Garantie noch plaudern!"

Ein Nicken von Stinas Seite aus war die Antwort.

„Geht klar."

Und mit einem Male lief es wieder alles, Darklightning hatte einen astreinen Trab, sie schmiss nicht mehr den Kopf hoch und auch Stina konnte sich wieder konzentrieren. Christian beobachtete sie kopfschüttelnd.

Himmelhoch jauchzend und Zu Tode betrübt, was das wohl für einen Ritt geben würde.

Er ließ seinen Schimmel angaloppieren und konzentrierte sich auf die Wechsel, als er die dreifache Schlangenlinie ritt.

„Na komm Dicker, wir versuchen die Prüfung einfach." Christian lobte Mando und ließ ihn in einem versammelten Schritt gehen.

Er überschaute die Teilnehmer, einige kannte er noch aus dem letzten Jahr, einige waren neu dazugekommen.

„Andrea Ferres auf Primetime."

Ein großer, muskulöser, lackschwarzer Friese, mit dem zierlichen Mädchen aus den Reiterferien, schritt stolz auf den Turnierplatz zu.

Er glänzte in der Sonne und Stina fragte sich, woher sie dieses teure Tier hatte.

„Andrea Ferres auf Primetime lieferte einen schönen Ritt. Wertnote der Richter, 7,6."

Stina nickte Andrea zu.

„Gut geritten Große."

„Dank dir. Primetime ist ein wahres Prachtexemplar von Pferd."

Ihre alte Überheblichkeit gewann in dem Moment die Oberhand und Stina biss sich auf die Lippen um nicht einen etwas böseren Kommentar auf sie loszulassen.

Doch da wurde sie selber schon aufgerufen. Was es jetzt galt war die Nerven zu bewahren und mit einer ruhigen Hand in die Prüfung zu gehen. Schnell zog sie ihr Jackett an und ordnete sich noch einmal.

Darklightning ging gut am Zügel, ihr Schwung war schön anzusehen und auch Stina saß auf der zierlichen Stute wie eine kleine Dame.

Kurz bevor sie einritt schaute sie zu Christian.

Seine Augen suchten ihre und sie sah Vertrauen von seiner Seite aus. Das war ihr Spiel.

Bei X hielt sie Vorschriftsmäßig, grüßte und trabte an.

Aus den Lautsprechern schallten die warmen Klänge von Dido. So weich wie die Stimme der Sängerin den Platz füllte, waren die Tritte der Stute unter Stina. Ihr Mut kam voll und ganz zurück, sie richtete sich noch ein Stück auf, schaute nach vorne und lächelte.

Es war ein Ich- zeig- es- ihnen- Lächeln. Es war das markante Stinalächeln. Sie hatte es früher gehabt, als der ganze Druck nicht auf sie ausgeübt wurde und jetzt kehrte es zurück. Zurück mit einer sehenswerten L-Dressur.

Am Rand des Dressurvierecks standen ihre Reiterkollegen vom Stall, einschließlich Tobias, auf dem Abreiteplatz hielten einige Leute an, als sie Stina erkannten, einschließlich Christian.

Sie alle drückten die Daumen, sogar ihre Konkurrenten.

Beim letzten Gruß hörte die Musik auf und wenig später verkündete eine Stimme feierlich über den Lautsprecher:

„Mir kommt es vor, als sei der Stern am Himmel bei dem Ritt aufgegangen, der vor einem Jahr erlosch. Willkommen zurück! Willkommen zurück mit der unbeschreiblichen Wertnote 8,0. Damit behaupten die beiden die Führung. Es ist am heutigen Tage fraglich, ob sie noch jemand schlagen kann. Es folgen nur wenige Reiter. Unter anderem auch Christian Eickhoff. Ein junger Mann…"

Den Rest hörte Stina schon nicht mehr, sie klopfte den Hals ihrer Stute.

Sie wusste wem sie das alles zu Verdanken hatte. Dem Vertrauen ihrer teuren und treuen Dark, ihrer Mutter, aller Menschen, die an sie geglaubt haben und nicht zuletzt Chris.

Am langen Zügel ließ der Youngstar seine Stute über den Abreiteplatz schreiten.

Aus den Augenwinkeln sah sie Christian zu. Er sah einfach gut aus mit Mando. Der Schimmel wusste wohl ganz genau was er tun sollte und Chris in seiner Lässigkeit betonte es nur noch.

Auf der anderen Seite des Platzes standen ihre Leute und Angelika. Sie saß immer noch auf ihrem Friesen, der genüsslich auf seinem Gebiss rumkaute.

„Na Glückwunsch. Das hast du ja super gemeistert!"

„Danke, sehr nett."

„Komm du musst was essen, außerdem schau mal nach deinem anderen Crack. Der kriegt gleich die Krise ohne seine Geliebte."

Ihre Mutter drückte ihr ihre Wertmarken in die Hand.

„Mama, kannst du das nicht machen? Ich möchte gerne den letzten noch zuschauen. Bitte!"

„Kein Problem."

Und das schien wirklich keins zu sein, denn keine zehn Minuten später ritt ihre Mutter mit einem Wurstbrötchen auf ihre Tochter zu.

Die passionierte Militaryreiterin saß auf McKenzie und dieser lief von selber zu seiner besten Freundin.

„So und das isst du jetzt!"

Stina lachte und nahm die Wurst.

„Danke Mama, danke."

Die beiden Pferde liefen nebeneinander her.

Da ritt Chris ein. Eine formvollendete Dressur mit Mando. Als ob der Schimmel nie etwas anderes getan hätte, als unter Chris zu gewinnen. Ein kleiner Neid flaute auf, doch er erstarb sofort wieder.

‚So ein Quatsch, du reitest zum Spaß mit, nicht um zu gewinnen.’

Lächelnd grüßte Christian und sein Hengst schnaubte zufrieden. Doch gerade als die Punktzahl bekanntgegeben wurde, wurde Stina von der Seite angerempelt und verlor für wenige Sekunden den Steigbügel, der Reiter entschuldigte sich sofort, doch er übertönte die Wertnote.

„Zur Siegerehrung werden aufgerufen..."

Eine kleine Pause entstand und leise Musik wurde eingespielt.

„Christian Eickhoff, Andreas Mehl, Annette Wiese, Caroline Ebert, Christina Wendel und Andrea Ferres."

Wieder erklang Musik.

„Der sechste Platz geht an Annette Wiese auf Let’ s Step mit der Wertnote 7,4. Der fünfte Platz an Caroline Ebert auf Sasha, Wertnote 7,6, der vierte an Andrea Ferres auf Primetime. Wir bitten Sie sich jetzt so aufzustellen."

Christina wurde nervös, sie war unter den ersten sechs. Besser gesagt unter den ersten dreien.

„Dritter Platz an Andreas Mehl auf Chicago Dancer mit einer Wertnote von 7,7. Und bei den letzten beiden Startern war es ein Kopf an Kopf rennen. Doch Christina Wendel hat eindeutig gewonnen. Der zweite Platz wird von Christian Eickhoff auf dem Hengst Mando belegt. Und sie ist kein Überraschungssieger, man hat eigentlich nur auf sie gewartet und sie vermisst. Christina Wendel mit ihrer Stute Darklightning ist zurück, ein Sieg wie jeder ihn erwartet hat. Sie kann stolz auf sich sein. Einen herzlichen Glückwunsch."

Stina konnte es nicht fassen, so lange Abstinenz vom Reitsport und mit Schicksal und Vertrauen hatte sie gewonnen. Sie freute sich, das war klar, aber es war ihr fast ein unheimlicher Start, ein unheimlicher Anfang.

Im L-Springen wurde sie dritte nach einem spannenden Stechen und war damit zufrieden. Mc Kenzie hatte nicht seinen besten Tag und das Paar riss einmal, doch Stina fand es nicht tragisch.

Ein erster und ein dritter Platz, was wollte sie mehr?

Zeitsprung:

Nach diesem Turnier gab es eine Art Aftershowparty. Auch Stina war eingeladen und ein früherer Stallpartner hatte sie schon nach einer viertel Stunde als Tanzpartnerin eingestuft.

Es brach ihr das Herz ihn so zu sehen. Diese schlanke Blonde in seinen Armen, die sich so vertrauensvoll an ihn schmiegte. Stina schluckte. War da vielleicht doch mehr Gefühl von ihr zu ihm, als sie es wollte?

Sie hatte ihm doch gesagt, dass da nichts mehr sei. Aber wieso tat es so sehr weh?

Er lächelte zu ihr rüber, während er sich mit der Blondine im Takt bewegte.

Verkrampft nickte sie ihm zu und legte ihren Kopf auf die Schulter ihres Tanzpartners.

„Wollen wir gleich mal rausgehen?"

Andi umfasste ihre Hüften und kam ihr sehr entgegen.

„Ja können wir machen Süße."

Eigentlich wollte sie die Nähe nicht, so gut dieser Braunhaarige aussah.

„Komm, wir gehen eben raus, hier drin ist es so laut und die Luft so schlecht."

Seine schwitzende Hand packte ihre kühle und zarte und zog Stina einfach hinter sich aus dem Saal.

Draußen war es noch relativ warm und Stina musste ihren Blazer nicht anziehen. Doch später wünschte sie sich, sie hätte es getan oder es wäre kühler gewesen.

Zusammen mit Andi saß sie auf einer Parkbank.

Der junge Mann war schon angetrunken und Stina roch den Alkohol.

„Süße." „Andi?!"

Ganz ohne ihre Erlaubnis zog er sie wieder zu sich ran und küsste sie.

„Ey." Etwas unsacht drückte die Schwarzhaarige ihren Tanzpartner zurück.

„Was ey? Passt es dir nicht? Bist du genauso frigide wie diese ganzen Weiber da drin? Bloß nicht anpacken? Oder darf dich nur der Eickhoff anpacken?"

„Was redest du da?"

„Na also, wenn es nicht so ist, dann lass mich doch!"

Den nächsten Kuss ließ Stina über sich ergehen. Er war anwidernd, schmeckte nach Bier und war ihrer Meinung nach viel zu hart.

„Du küsstest auch schon besser", beschwerte der Blonde sich.

„Na danke."

„Und wenn wir jetzt schon dabei sind. Ich wohn davorne."

„Ich weiß Andi, aber das ist mir grade egal."

Ihr Tonfall bekam etwas Unfreundliches. Der Alkohol schien jetzt auch bei ihr zu wirken. Stina vertrug nie viel, das wusste sie auch und trotzdem hatte sie über den Durst getrunken. Sollte jetzt das Resultat auf dem Fuße folgen?

„Och komm Kleene, nur eine Nacht. Komm…"

Wieder ließ sie sich küssen und wieder schmeckte sie den bitteren Geschmack von Alkohol. Doch diesmal war es nicht nur ein Kuss. Er langte ihr auf den Oberschenkel und fing an den hochzufahren. Ihre Proteste überging er einfach.

„ANDI!"

„Was ist denn, ich mach doch nichts."

Die Hand wanderte noch höher, weiter zwischen die Beine, seine Zunge schob sich zwischen ihre Zähne und verhinderte jeden weiteren Einspruch.

Langsam fing er an grob zu streicheln, die andere Hand packte ihren Reißverschluss und zog daran.

„Andi nicht hier."

„Nicht hier, nicht bei mir zuhause. Wo denn dann?"

„Wie wäre es mit gar nicht?"

Doch Stinas ‚Nein’ verstand er nicht. Er wollte es nicht verstehen. Immer rabiater wurden seine Handlungen, Stina wollte schreien, doch er hielt ihr die Hand auf den Mund.

„Noch einen Ton Kleine und der junge Eickhoff wird sehen, wie er mal Kinder haben wird!"

Drohend flüsterte er ihr diesen Satz ins Ohr, während die linke Hand sie vom Slip befreite.

„ANDREAS!"

Mit einem Ruck trennte jemand die verängstigte Jugendliche und den stark Alkoholisierten jungen Mann.

Stina kniff die Augen zu. Sie hatte Angst, ihr stand der Schweiß auf der Stirn und sie wusste nicht, was noch folgen würde.

„Lass die Finger von ihr oder du kannst dein nächstes Mahl im Krankenhaus nehmen! Ich bin da nicht sehr zimperlich. Krümmst du Stina auch nur ein Haar, ich zerreiße dich in tausend Stücke."

„Ach geh du doch mit der ins Bett. Für wen andern ist die nicht mal gut genug. Für dich grade richtig!"

Das saß und das traf. Ein dumpfer Aufprall auf der Wiese folgte und ein Wimmern.

„Lass dir dieses eine Lehre sein. Fass Stina nie, nie wieder an. Oder meine Faust sucht sich andere Plätze."

Sie fühlte eine Hand auf der Schulter und schlug langsam die Augen auf. Neben ihr stand niemand geringeres als Chris.

„Christian?" Verwirrt starrte Stina ihren Retter an.

„Frag nicht…"

Er hob sie hoch und trug sie zu ihrem Wagen.

„Du gehörst in ein Bett. Ich fahr dich."

 

*

Stina drehte sich um.

„Wo bin ich?"

Ein Arm lag ihr um die Hüften, ihr Gesicht steckte in einem weichen Daunenkissen, von dem sie den Geruch nur undeutlich wahrnahm.

„Was?", knurrte eine Stimme neben ihr.

„CHRIS!" Ärgerlich schlug Stina ihre Decke zurück, warf den Arm zur Seite und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass sie eingekleidet war. Zwar in ein Herrenhemd und einer Boxershorts, aber zumindest etwas. Auch er war nicht unbekleidet.

„Man sei doch nicht sauer."

Ihre Sachen fand sie auf dem Sofa gegenüber dem Bett.

„Vergiss es, ich will nichts wissen. Vergiss was in der Nacht geschehen ist, okay?"

Stina zog ihre Schuhe an.

„Du willst nicht allen Ernstes so nach Hause laufen?"

„Wieso denn auch nicht."

„Ich fahr dich!"

„Nein, kommt nicht in Frage. Du glaubst dann bloß nur weil wir heute Nacht was hatten wäre alles wieder in Ordnung."

Chris kratzte sich am Kopf.

„Heute Nacht?"

„So doof kannst selbst nicht du sein. Schau uns doch mal an."

Und ohne eine weitere Erklärung abzuwarten, spazierte sie aus der Tür.

Chris’ Schäferhundwelpe Asterix kam reingetrottet und schaute sein Herrchen an.

„Wollknäuel, hätte man ihr sofort sagen müssen, dass nichts gelaufen ist und sie total überreagiert? Dass sie froh war, als ich gestern auftauchte, dass sie sich bei mir ausgeheult hat, dass sie betrunken war, dass nichts gelaufen ist einfach?"

Asterix kläffte.

„Ist ja gut, ich reit heute mal bei Wolters vorbei. Aber erst schlaf ich noch eine Runde."

Er tauchte seinen Kopf in das schneeweiße Kissen und sog Stinas Duft ein

„Vergessen wir das schlafen, ich reite jetzt Mikado und dann fahr ich gleich zu Stina. In ihrem Duft schlafen? Nein danke."

Chris stand auf, hob Asterix hoch und betrat seine Terrasse.

„Schöner Morgen oder?"

Sein Bruder rief von dem Balkon über ihm runter.

„Wie man es nimmt!"

„Sag nicht du hattest schon wieder einen One-night-stand!? Ich halt das langsam nicht mehr aus. Jede Woche bringst du wen anderen mit."

„Wieso müssen mich heute eigentlich alle falsch verstehen?!"

Ärgerlich drehte er sich um und sah Andreas ins Gesicht.

„Wieso hat dich das Mädchen auch falsch verstanden?"

„Man Andreas! Ich hatte heute zwar ein Mädchen hier, aber das war Stina und auch nur, weil Andy sie gestern etwas sehr bedrängt hat! Ich hab nichts mit ihr. Sie dachte aber, wir hätten was über die Nacht gehabt, weil ich gestern neben ihr eingepennt bin. Einfach so, nichts Besonderes! Ich mein, wir schaffen das eh nie wieder, sie will mich ja nicht mehr."

Die letzten Worte klangen etwas bedrückt.

„Na ja, wie auch immer. Sie hat mich missverstanden, du verstehst mich nicht richtig. Und ich versteh mich selber nicht mal richtig."

Chris ließ Asterix runter, der sofort über den Rasen tobte.

„Vielleicht sollte ich Papas Vorschlag annehmen, Andreas."

„Meinst du? Willst du wirklich nach Schweden um dort zu trainieren? Was ist denn mit der Schule?"

„Wenn ich da auf eine gehen würde, wäre es wie ein Auslandsjahr. Ich könnte dort mein Abitur machen und alles. Aber ich sollte hier weg!"

Andreas lehnte sich über die Balkonbrüstung und sah sich seinen kleinen Bruder genauer an.

„Du bist fest entschlossen oder?"

„Nein…", musste Christian ehrlich zugeben.

„Es kam mir grade in den Sinn, als ich Asterix so gesehen habe."

„Paps würde sich freuen, wenn du da oben trainierst und weiter kommst. Vielleicht kannst du dann die Europameisterschaften in einem Jahr mitreiten."

„Das habe ich eh vor. Also wenn ich das schaffen sollte. Die Deutschen sind für mich nicht ganz so ruhmvoll verlaufen, aber die Landes ja schon."

„Du musst das wissen. Läufst du vor deinen Problemen weg und damit gleichzeitig dann auch vor Stina, oder redest du mit ihr, steigst nach deinem Abitur bei uns in die Zucht ein und lässt alles auf dich zukommen."

„Andreas, ich weiß es nicht."

Damit drehte er sich um, zog seine Reitsachen an und verschwand.

Mikado, ein reinrassiger Hannoveraner stand schon erwartend in der Box.

„Hey mein Guter, wollen wir ein wenig trainieren?"

Mikado ging mit ihm seit zwei Jahren die S-Dressuren in der Umgebung und hatte ihn noch nie enttäuscht.

Christian hatte den Wallach mit der Flasche aufgezogen und seitdem lief er ihm hinterher wie ein Hund.

Der Rappe mit der weißen Schnippe stand lammfromm da, als Christian sich die Steigbügel auf seine Länge stellte und aufsaß.

„So Dickerchen, ich muss mich ablenken."

Er versuchte konzentriert mit dem Wallach zu arbeiten, doch es funktionierte nicht richtig. Der Rappe merkte, dass sein Reiter nicht gut drauf war und tänzelte etwas nervös unter Chris. Keine Piaffe klappte, die Passagen waren wie von einem blutigen Anfänger, von einfachen Übergängen ganz zu schweigen.

„Sorry mein Großer, ich pack es heute nicht."

Etwas in seinem Ego verletzt saß er ab. Es war nur ein Training, aber so schlecht hatte er sich noch nie geschlagen.

„Weißt du was, ich packe noch heute meine Koffer und gehe nach Schweden. Ich nehm Mando und dich mit. Aber ich will nicht weiter hier bleiben."

Der große schwarze Kopf rieb an seiner Schulter und stupste ihn ein Stück.

„Ist ja gut. Komm, wir gehen."

Chris ließ die Zügel los und ging zum Stall. Mikado aus alter Gewohntheit hinterher.

Zwei Tage später stand alles Bereit.

Das Flugticket für ihn lag auf der Kommode, seine Koffer gepackt in der Tür und doch hielt ihn etwas, was würde aus Stina werden?

Er wollte sie sehen, konnte sie nie vergessen. Hatte Andreas nicht doch Recht? Man sollte nicht weglaufen. Was konnte man schon für Nichterwiderte Liebe?

Es tat zwar weh, aber im Endeffekt konnte niemand etwas dafür bzw. dagegen tun.

Chris schaute auf. Er saß auf der alten Bank vorm Hof und starrte in die Einfahrt. Er starrte bloß, als ob jemand kommen würde, der ihm sagt: „Wenn du jetzt nicht zu ihr gehst, dann gehst du vielleicht nie mehr."

Christian sprang auf, als ein schwarzer Mercedes auf den Hof fuhr. Das Nummernschild kannte er, es war der Wagen von Stinas Onkel Manfred.

„Hey Christian."

„Manfred?"

Die beiden kannten sich durch Jupp Eickhoff. Chris’ Vater hatte mit Manfred zusammen zwei Zuchtstuten herausgebracht, als sie zusammen kooperiert hatten.

„Chris es geht um Stina."

Seine Stimme klang ernst, sein Blick war trübe.

„Was ist mit ihr?"

„Sie liegt im Krankenhaus."

„BITTE?"

Manfred nickte: „Ja, Andi hat ihr gestern aufgelauert…"

Chris ballte seine Hände.

„Aber er ist nicht alleine Schuld. Sie hat wieder geritzt, ihre Arme sind komplett offen. Was ist mit ihr los?"

„Wie sie hat wieder geritzt?"

„Weißt du das nicht?"

„Ich glaube ich weiß eine ganze Menge noch nicht, kann das sein? Bring mich zu ihr."

„Würde ich ja, aber ich hab einen Geschäftstermin. Sie liegt im Elisabethkrankenhaus, also falls du sie besuchen möchtest. Zimmer 304."

Ein Frage brannte Chris auf der Zunge: „Will sie überhaupt, dass ich sie besuche?"

„Wäre ich sonst hier?"

Manfred klopfte dem Youngstar auf die Schulter.

„Du schaffst das schon. Es waren viele Missverständnisse zwischen euch, aber wenn ihr die aus dem Weg räumt, vielleicht schafft ihr es ja dann."

Er stieg in den Mercedes und fuhr vom Hof.

„Wenn ich das jetzt nicht mache, dann erfahre ich nie was passiert ist." Die Worte, eher zu sich selbst gemurmelt griff sein Vater auf.

„Wann willst du denn dann nach Schweden?"

„Vielleicht gar nicht mehr Dad."

„Ich habe Andersson aber schon zugesagt."

„Papa, es gibt wichtige Menschen, die mich vielleicht hier brauchen. Wenn dem aber nicht so ist, dann flieg ich wie besprochen übermorgen."

„Ist in Ordnung, ich glaube ich muss die Jugend mehr verstehen lernen."

Eickhoff Senior zog seinen Hut wieder auf und lief zu den Stutenställen. Nachdenklich sah ihm sein Sohn hinterher.

„Ich nehm dein Auto Mutti, okay? Mein Wagen ist in der Werkstatt."

Schnell schnappte er sich den Autoschlüssel des Skodas und lief zu dem Kleinwagen.

Seine Mutter schaute ihm Kopfschüttelnd hinterher. Was war nur in ihren Christian gefahren?

*

Das Elisabethkrankenhaus lag am anderen Rand der Stadt und so musste Christian durch die ganze Stadt fahren, in welcher sich der Berufsverkehr bemerkbar machte. Nur mit langsamen Stop-and-goes kam er voran. Ärgerlich drückte er mehrmals die Hupe, als einige Chaoten wie bescheuert ihn schnitten oder ähnliches. Doch dies alles brachte nichts, der junge Mann kam auch so nicht schneller voran.

Vor dem Krankenhaus war zum Glück eine Parklücke frei und Chris stellte den Wagen ab.

Es hieß jetzt nur noch Zimmer 304 zu finden.

„Entschuldigung, wo finde ich Zimmer 304?"

Die Krankenschwester, die er angesprochen hatte, schaute ihn missbilligend an.

„Dieses Haus achtet auf Sauberkeit."

‚Mein Gott, Zimperliese!’ Doch diesen Gedanken behielt er für sich, seine Reithose hatte einige Flecken und auch sein Hemd sah nicht besser aus. Er hatte in den Sachen Mandos Box gemistet und lief auch normaler Weise die Zeit auf dem Hof einfach so rum. Erschöpft hatte er sich eine halbe Stunde bevor Stinas Onkel auftauchte auf die Bank gesetzt. Und nach der Botschaft hatte Eickhoff jr. einfach keinen Nerv mehr gehabt sich ordentlich zu kleiden. Wer kam in so einer Situation überhaupt auf die Idee, dass eine Krankenschwester ihn so anraunte.

„Zimmer 304 ist im dritten Stock, ist doch nicht so schwer."

„Danke schön."

Er nahm die Treppe, denn die war schneller, als der Aufzug und rannte zwei Krankenschwestern um:

„Nicht so schnell junger Mann, wohin wollen Sie eigentlich?"

„Ich? 304, wieso?"

„Das ist in der anderen Richtung."
Diese Schwester war freundlich, lächelte ihm zu und zeigte den Gang runter.

„Oh, danke schön!"

Diesmal ging Christian langsam an den Frauen vorbei und klopfte zaghaft an der Tür. Wollte er das wirklich?

„Herein."

Stinas Stimme klang rau und kaputt, als er die Tür öffnete kam ihm der typische Krankenhausgeruch entgegen, den er schon immer gehasst hatte.

„Stina?"

„Hi du…"

Ganz blass lag sie da, mit einem blauen Auge, einen Arm im Verband und in die Decken eingehüllt.

„Hey Kleine."

Langsam zog er einen Stuhl an ihr Bett heran.

„Darf ich ihn zusammenschlagen?"

„Nein, lass es, ich will nicht, dass er dir etwas antut. Und ich bin ja selber Schuld."

„Wieso?"

„Ich habe ihn gereizt, als er mich sah. Und ich wollte einfach nicht mit ihm irgendwas haben. Und dann hat er zugeschlagen. Mein Dad hat ihn angezeigt, wegen gefährlicher Körperverletzung. Mal schauen, ich werde wohl Schmerzensgeld bekommen."

„Meinst du, dass er das auf sich sitzen lassen wird?"

„Er muss."

Da saßen sie nun, unterhielten sich wie normale Freunde und feindeten sich nicht an.

„Außerdem, danke Chris."

„Wieso?"

„Na ja, ich hab mich vor zwei Tagen etwas dumm benommen. Ich habe jetzt erst verstanden, dass wir nichts hatten."

„Hat dir jemand das erklärt?"

„Ja, Andreas hat mich angerufen."

„Und was hat mein verehrter Bruder dir erzählt?"

„Nur, dass zwischen uns ein Missverständnis vorliegen würde."

„Das stimmt. Ich bin dir nie an die Wäsche gegangen Stina. Glaub mir."

„Ich glaub dir ja. Und es tut mir alles so Leid."

„Wie geht es deinem Arm?"

Chris wechselte schnell das Thema, als er merkte, dass das letzte eher ungemütlich für beide wurde.

„Besser. Manfred hat es dir erzählt?"

„Eher weniger. Man verdammt, erzähl mir endlich was los ist."

Stina druckste weiter herum.

„Na ja, kann ich dir wieder vertrauen?"

„Rund um die Uhr, Kleines. Erzähl bitte."

„Andi war nicht der Erste, der versucht hat mir etwas aufzuzwingen."

„Nicht?"

„Mein alter Trainer hat es versucht und geschafft."

Schockiert schaute Christian das hübsche Mädchen an.

„Das meinst du nicht im Ernst?"

„Doch. Er hat es geschafft. Ich war damals so fertig. Nichts ging mehr. Ich habe mit keinem darüber gesprochen. Wieso auch? Wem hätte ich das sagen sollen?"

„Deiner Mutter, deinem Vater, der Polizei, mir?!"

In den Punkten musste sie ihm etwas Recht geben, doch es war ihre Sache. Sie hatte dieses Erlebnis und nicht Chris.

„Verdammt ich hab dich doch…"

Dann schwieg er, sah sie nicht an und brachte nur noch eine andere Frage hervor:

„Na ja, soll ich dich morgen nochmal besuchen kommen?"

Stina suchte seine Hand.

„Wenn du so lieb wärst."

„Sollte ich nicht?"

Lächelnd drückte er die ihre vorsichtig und verließ den Raum.

Er war verwirrt, als er aus dem Krankenhaus trat.

Wieso hatte sie es denn nie gesagt, nach kurzem Nachrechnen fand er heraus, dass es wirklich der Zeitraum war indem sie zusammen gewesen waren.

Wieso war das alles so passiert? Wie konnte das einfach so geschehen, ohne dass er etwas mitbekam. War er damals so auf sich selber fixiert?

Ärgerlich startete er den Motor seines Autos.

Er sprang nicht an.

„Auch das noch." Chris schlug aufs Lenkrad.

„Man, das darf nicht wahr sein."

Da endlich gab der Wagen ein Geräusch von sich und sprang an.

„Na geht doch, du Karre!"

Nach diesem Gespräch mit Stina brauchte er jemanden mit dem er reden konnte, der ihn aber nicht überflüssig fragte. Also entschloss er sich zu einem Ausritt mit Mikado.

Einfach so wie er war, schwang Chris sich auf Mikados Rücken und ritt dem Sonnenuntergang entgegen.

Dabei konnte er so gut nachdenken wie noch nie. Es tat gut einfach mal nicht zu trainieren und zu wissen, dass Mikado ihn sicher nach Hause tragen würde.

 

 

 

 

 

Wenige Tage später, als Chris und Andreas ihre einzigen Ponies ritten, tauchte Stina auf ihrem Hof auf.

Ihr rechter Arm lag im Verband, doch ihr Gesicht sah besser aus und auch der linke Arm sah nicht mehr so schlimm aus. Aufrecht saß sie auf Santa Claus, als sie die Hofeinfahrt entlang geritten kam. Sie hatte keine andere Möglichkeit gefunden zu Chris zu kommen.

„Bist du wahnsinnig? Einhändig auf einem Hengst und dann noch an einer Straße vorbei?"

Jupp Eickhoff kam auf Stina zugelaufen.

„Das ist kein Problem Herr Eickhoff. Ich vertraue Santa, ich könnte mich sogar auf seinen Rücken legen und er würde nichts machen. Meine kleine Cousine ist von dem wirklich begeistert."

„Ja wieso?"

„Die ist momentan zu Besuch." Stina lächelte versonnen, ihre kleine Cousine war willkommene Abwechslung gewesen.

„Ja und?"

„Die Kleine konnte unter und auf dem Hengst rumklettern. Ich habe das selber nicht glauben können aber er ist nun mal so."

„Du willst sicher zu Christian oder?"

„Schon, aber wenn es gerade nicht passt, dann reite ich eben wieder heim."

„Das wird schon gehen. Er ist auf dem Waldreitplatz mit Andreas und den beiden Stoppelviechern. Die sind zwar einfach zu übersehen, aber du weißt ja jetzt wo."

Mit diesem annähernden humorvollen Kommentar zeigte Eickhoff Senior in Richtung Wald, wo die beiden Junioren ritten.

Langsam trieb Stina Santa wieder an und ließ ihn im flotten Schritt auf das Viereck zuschreiten.

„Hey Jungs."

Chris sah als erster auf und in seinen Augen erkannte Stina einen leichten Freudenschimmer.

„Dir geht es besser?"

„Ja schon."

Andreas schaute zwischen den beiden hin und her.

„Soll ich euch eben alleine lassen?"

Mit einem Kopfnicken forderte Chris ihn dazu auf.

„Viel Spaß, wobei auch immer."

Kopfschüttelnd saß er ab und führte seinen Schecken hinter sich her.

Was Stina und Chris auf dem Platz besprochen hatten, erfuhr er nie. Nur eine Frage hatte er noch zu Chris.

„Ist Stina dieser Nachwuchsstar? Dieser Youngstar den du so liebtest?"

Lässig lehnte er in der Tür, als Chris reinkam.

„Woher weißt du das und was interessiert dich das?"

„Ich bin dein Bruder, Brüderchen. Wäre etwas dumm, wenn ich dich nicht kennen würde."

„Ja und wenn… Stina ist diese Person. Und sie ist nicht einfach abgehauen, wie ich gedacht habe. Da hing noch viel mehr dran. Ich darf es nicht erzählen nur weiß ich nicht, was ich jetzt noch tun soll. Ich hab sie immer noch gern."

„Und was ist mit Leonie?"

„Doch schon wieder Geschichte. Man Leonie war so etwas wie Ablenkung für mich."

„Das hat sich nachts aber ganz anders angehört."

„Hast du uns belauscht?"

„Würde nie auf die Idee kommen. Ich musste mir eher Ohropax besorgen, damit es nicht bis zu mir durchdrang."

Ein Stiefel flog ihn um die Ohren. Chris hielt den zweiten noch in der Hand.

„Noch ein Wort und der trifft."

„Ich glaube nicht. Wenn du Stina noch so gern hast, wie vor einem Jahr, dann zeig’ s ihr. Sie wird nicht ewig warten. Ihr tat das alles damals sicher auch weh, sonst hätte sie dir alles erzählt, ansonsten hätte sie in den Ferien nicht gelogen. Also, Kopf hoch. Das wird schon!"

„Danke Bruderherz, du hast mir grad was geraten."

Die Faust spielerisch auf seine Schulter platzierend, schnappte er sich das Telefon und verzog sich auf die Terrasse. Asterix spielte um seine Füße rum, während Christian mit leicht zitternden Fingern Christinas Nummer wählte.

„Stina? Ich bin es… Chris. – Hör mir bitte kurz zu – ja genau deswegen… - ehm nein das nicht, aber könnte ich noch vorbeikommen? – Ja ich weiß, wir haben gerade erst geredet…- Ich muss dir aber noch etwas sagen – Nein das geht nicht am Telefon – Okay ich versuche in einer halben Stunde da zu sein."

Nach einer schnellen Dusche tauschte er die verschwitzten Reitsachen gegen kurze Shorts und ein T-Shirt, bevor er zum Autoschlüssel griff.

„Papa, ich nehme den Kleinwagen. Bis nachher."

„Bitte?"

„Ich bin bei Stina."

„Wann bist du eigentlich mal nicht bei ihr. Aber fahr. Mama und ich brauchen den Wagen gerade eh nicht und ansonsten klappt das alles schon."

„Danke."

Der Kleinwagen stand eingeparkt zwischen drei Hängern und Christian ärgerte sich schwarz, wie dämlich manche Menschen doch waren, dass sie dies nicht sahen.

Vorsichtig bugsierte er den kleinen BMW aus der Lücke und war nass geschwitzt, als er es endlich geschafft hatte. Das war noch anstrengender gewesen, als seine Führerscheinprüfung und da hatte er schon den Fahrlehrer verflucht.

Doch auch auf der Autofahrt sollte er kein Glück haben, jede Ampel war rot, über jeden Zebrastreifen wollte ein älterer Mensch und jede Bahnschranke ging runter. Es war einfach nicht sein Tag.

Vor Stinas Haus war nicht mal die kleinste Lücke frei und im Umkreis von hundert Metern nichts zu finden.

Letztendlich stellte er sich in die Einfahrt der Wendels und parkte vor dem Wagen von Stinas Mutter, die ihn gleich an der Tür empfing.

„Hallo Christian, kann ich irgendetwas für Sie tun? Sie wollen doch sicherlich zu Christina, oder?"

„Ja, wenn Ihre Tochter da wäre."

„Schon, sie hat jedoch noch einen jungen Mann zu Besuch. Sie ist oben."

Chris lief die Wendeltreppe, die zu Stinas Wohnbereich führte in Windeseile hoch und sah die geschlossene und mit einem Nicht- stören- Schild versehene Zimmertür.

Er klopfte dreimal, bis ein lauteres Seufzen durchdrang.

„Hier steht nicht stören, kann man nicht lesen?" Ein tiefer Bass drang aus ihrem Zimmer.

„Ich kann schon lesen, aber ich will jetzt verdammt nochmal mit Stina reden!"

Ein Rascheln war zu hören und eine Stina in Bademantel machte die Tür auf.

„Hi Chris…"

Röte benetzte ihre Wangen und sie sah ihn mit unsicherem Blick an.

„Hi Stina, willst du ihn mir vorstellen?"

Ein blonder junger Mann saß auf ihrem Bett und schaute die beiden säuerlich an. Die Störung hatte er sicherlich nicht erwartet.

„Chris, das ist Marco, Marco, das ist Chris. Ein guter Freund von mir."

Die beiden sahen sich abschätzend an. Im Gegensatz zu Stina hatte er alle Anziehsachen ordentlich an. Wieder oder Immer noch?

Eickhoff Junior wollte es gar nicht näher wissen.

„Ich hatte dich vorhin doch angerufen. Komm ich jetzt doch ungünstig?"

„Nein passt schon, Marco wollte eh gerade gehen."

Mit zwei Wangenküssen verabschiedete sich das Mädchen von dem jungen Mann und ließ Christian in das Zimmer.

„So, Marco heißt er?"

„Ja, das hast du schon richtig so verstanden."

Stina öffnete ihren Kleiderschrank und kramte eine Jogginghose und einen XXL- Pullover raus.

Dezent schaute Chris weg, als sie in die Kleider schlüpfte.

„Okay fertig. Möchtest du sitzen?"

„Nein, ich gehe auch gleich wieder."

Etwas unsicher trat der junge Eickhoff von einem Fuß auf den anderen.

„Ich wollte mit dir noch einmal über meinen Weggang reden."

Was redete er da bloß? Schweden war doch für ihn eigentlich passé.

„Über deinen Weggang?"

Hatte Andreas wirklich geschwiegen und ihr nichts erzählt? Und hatte er selber auch noch nichts gesagt?

„Na ja, über Schweden. Ich wollte da für ein Jahr oder mehr hingehen. Die einzige Person, die mich von dem Plan hätte abhalten können warst du."

„Du sprichst im Konjunktiv und in der Vergangenheit. Kann es sein, dass du gar nicht mehr dahin willst?"

Ein bestimmtest „Doch!", kam von Christian und er funkelte sie an.

„Ich dachte nur, bevor ich wirklich gehe, frage ich dich, was du dazu sagst."

„Geh nur, wenn du unbedingt willst… dann geh!"

Etwas angenervt schaute sie ihn von unten her an. Doch konnte er in ihren Augen nicht die Tränen sehen?

„Willst du wirklich, dass ich gehe."

„Wenn du es möchtest, dann kann ich dich doch auch nicht dran hindern! Ich weiß, dass du dort hingehen würdest zum trainieren. Ich weiß nicht, ob es klug von dir wäre, aber es ist deine Entscheidung, so schwer sie auch ist."

„Wie du davon redest, würdest du es mir doch am liebsten ausreden."

Er provozierte, aber Chris provozierte absichtlich um sie herauszulocken.

„Was soll das Chris? Was willst du von mir?"

„Willst du das wirklich wissen?"

Stina trat näher an Chris heran.

„Ja, das will ich!"

„Ich möchte von Null anfangen. Als ob das letzte Jahr nie da gewesen wäre."

Bei dem Satz drehte er sich um und lief wie von Geistern besessen aus dem Haus der Wendels.

„Wo wollen Sie denn so schnell hin?"

„Termine!", rief der junge Mann noch Frau Wendel zu, bevor er in seinen Wagen sprang und losfuhr.

„Was hat der denn?"

Stina hörte die Frage nicht, die ihre Mutter ihr stellte. Sie stand nur am Fenster und starrte auf die Einfahrt.

„Bei Null anfangen, so tun als ob nie etwas gewesen wäre… das geht nicht, er verzeiht mir doch nie alles, was jemals passiert ist."

Doch vertraute das Mädchen ihm so wenig? Hatte sie so starke Angst ihn wieder zu verlieren, dass sie ihn gar nicht mehr an sich gebunden haben wollte.

Zum wiederholten Male packte Chris seine Sachen ein. Sein Vater hatte erst gewettert, dass er sich doch nie entscheiden könnte. Doch von seinem Sohn aus gab es nur noch diese eine Entscheidung. Er hatte Stina einen langen und ehrlichen Brief geschrieben, in diesem erklärte er ihr seine Beweggründe und vor allem seine Gefühle.

„Christian, du musst los!"

„Komme schon."

Entschlossen hievte er den Koffer die Treppe runter und nahm seine Flugtickets von der Kommode.

Die ganze Eickhofffamilie und die Stallcrew standen vor dem Gutshaus und verabschiedete Chris.

„Andreas, tu mir einen Gefallen und gib diesen Brief Stina, wenn ich im Flugzeug sitze. Ich konnte ihr nicht in die Augen schauen. Dafür ist er."

„Werde ich machen Brüderchen und noch was…"

„Ja?"

„Reit da schön und enttäusch uns nicht."

„Keine Angst, alles nur das nicht."

Alle nahmen ihn in den Arm, von dem ein oder anderen bekam er noch kleine Weggeschenke mit und damit kontrollierte er noch einmal seine beiden Pferde im Anhänger und stieg damit ein.

Sein Vater hatte sich bereit erklärt ihn zu fahren, doch blieb die Fahrt eher schweigsam, bis sie fast am Flughafen angekommen waren.

„Und diesmal steht es fest?"

„Ja und diesmal gibt es kein Mädchen, das mich davon abhalten kann."

„Schade für die junge Wendel. Ihr beide saht so lieb zueinander aus. Und diese Zärtlichkeit mit der sie dich immer beobachtete. Es war herzzerreißend."

„Da magst du Recht haben, Vati und ich liebe sie ja auch, aber sie mich nicht. Zumindest nicht so, wie ich es mir so sehr wünschen würde."

Dazu bekam er nur ein Nicken seines Vaters.

„Na dann."

Sicher lenkte dieser Wagen und Transporter in die Straße, die für Passagiere, die mehr als nur Personentransporte nutzten, angelegt war.

„So und jetzt müssen wir nur noch deinen Flug finden."

Auf einer großen Anzeigetafel las Chris, das was sie suchten.

„Da Paps, L137 Stockholm, das ist es."

Zwei Männer kamen auf den schwarzen Wagen zu und Herr Eickhoff kurbelte das Fenster runter.

„Guten Tag, Ihre Papiere bitte."

Chris reichte sie raus.

„Sind die beiden Tiere in dem Anhänger?"

„Ja."

„Wollen Sie selber verladen oder übergeben Sie?"

„Ich würde dies gern mit meinem Vater selber machen. Wir kennen die beiden Tiere sehr gut. Sie würden mir auch einen Gefallen tun."

„Natürlich."

Der zweite Mann lächelte und zeigte ihnen den Weg zu dem Flugzeug.

„So da wären wir Sohnemann."

Das Verladen in die Transportboxen verlief auch absolut schweigsam und routiniert.

„Dann gehst du auf Reise. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du allen ernstes zu Lasse gehen wirst. Und groß rauskommen wirst du auch noch!"

Lächelnd und nicht ohne Stolz umarmte Senior den Junior.

„Mikado und Samson sind gut verladen. Die kennen das Fliegen ja." Christian hatte sich kurzfristig für ein noch nicht gut ausgebildetes Dressurpferd als Zweitpferd entschieden, das dann in Schweden eine solide Ausbildung bekommen sollte.

„Ich bin kein Freund von langen Verabschiedungen, besser kurz und schmerzfrei. Gib dein Gepäck ab und steig ein."

Damit stieg der grauhaarige Herr in den Landrover und fuhr mit einem Winken davon.

Da stand Chris nun, mit seinem Koffer und den Boardtickets. Er wusste, dass er jetzt schnell das Gepäck aufgeben musste und einchecken, in einer Stunde sollte das Flugzeug abheben.

Sein Handy hatte er abgestellt, als Chris endlich auf seinem Fensterplatz der Economyclass saß. Schon allein aus dem Grund, dass dies bei Flügen immer geschehen musste, aber auch, damit er nicht von Stina angerufen werden konnte.

Immer wieder tauchte ihr Bild vor seinen Augen auf und verschwand wieder. Egal wo er hinsah, in Sekundenabständen tauchten Bilder von ihr in seinem Geiste auf und zeigten ihm ihr schönstes Lächeln.

Ärgerlich schloss er die Augen und machte sie erst wieder auf, als sie im Landeanflug waren.

Schneller als gedacht konnte er auch schon aussteigen und die Pferde abholen.

Beide standen gemütlich in den Boxen und entlasteten eines ihrer Hinterbeine, bei den beiden ein Zeichen von Entspanntheit.

Chris kraulte seinen Mikado hinter den Ohren und flüsterte nur: „Sei froh, dass du ein Pferd bist."

Ein Tierarzt vor Ort sollte die Pferde noch einmal untersuchen und Christian zeigte noch einmal die Papiere der beiden Vierbeiner vor.

„Hallo Chris, erkennst du mich noch?"

Ein älterer Mann stand vor ihm mit einem jungen Mädchen an der Seite.

„Lasse?"

„Hundert Punkte der Kandidat, das ist meine Enkelin Josephine, sie ist für die Ferien hier."

Sie gaben sich die Hand.

„Und sind das die Goldstücke die du mitgebracht hast?"

„Richtig. Mikado und Samson. Samson ist der Sohn von Midnight Lady und Sacrifight. Die beiden Spitzenpferdes meines Vaters."

„Das klingt viel versprechend. Aber da kommt noch wer zu uns."

„Wirklich?"

„Ein junges Mädchen, das an mich über eine Bekannte weitergeleitet wurde."

„Ja?"

„Ja, eine Christina. Sie kommt morgen an. Sie müsste in dem Alter von Josephine sein. Bringt aber noch ein Pferd mehr mit, als du…"

Der Rest war eher belangloses Geplapper auf der Autofahrt. Spannend wurde es erst wieder, als sie sich dem Hof näherten.

„Das dahinten, was du erkennen kannst sind die beiden Springplätze. Auf dem hinteren trainiert mein Sohn auf seinem Boso."

Lasse sprach akzentfrei Deutsch und seine Enkelin wohnte seit drei Jahren in Deutschland, konnte dementsprechend gut diese Sprache.

„Mit dem Stallpersonal musst du wohl Englisch reden, aber mit den Leuten aus der Familie kannst du rundum Deutsch sprechen."

Er grinste Chris an und parkte den Wagen neben einer großen Scheune.

„So, dann wird dir Josephine mal die Stallung für die beiden Edelrösser zeigen."

Das Ausladen übernahm Lasse und ein Stallhelfer, während Chris und Josephine sich den Stall ansahen.

„Das sind die beiden Boxen. Hinten ist die Sattelkammer."

„Super. Die sind groß." Staunend betrachtete er die Boxengröße.

„Früher, also bevor mein Großvater diesen Stall kaufte, standen wohl immer zwei Pferde in den Boxen. Aber durch den Anbau, hat er das zu Einzelboxen gemacht."

„Schön."

Ein Mann, der sich als Olaf herausstellte, brachte Samson zu Christian.

„Hej, ich bin Olaf, der Vater von Josephine."

Freundlich gab er dem Besitzer von Samson die Hand und führte den jungen Wallach in die Box.

„Schönes Tier, gefällt mir wirklich. Der andere draußen, der ist aber ein absolutes Prachtexemplar."

„Dankeschön, ich bin auch wirklich stolz auf Mikado. Ah da kommt er ja auch."

Lasse führte das gutmütige Tier in die andere Box."

„Willst du noch ein bisschen bei den beiden bleiben, oder soll ich dir erst dein Gästezimmer zeigen?"

„Ich würd gern noch einige Minuten dableiben und dann das Sattelzeug in die Kammer bringen. Danach wäre es mir Recht. Aber ich bleib bei meinen Schützlingen lieber noch etwas."

„Sicher."

Höflich entfernten sich die beiden Männer und Josephine blieb bei Chris.

„Wie alt bist du?"

„Achtzehn, und du Josephine?"

„Vierzehn."

„Und reitest du auch?"

„Ja, mein Vater hat mich mit einem Jahr schon mit auf seine Pferde gesetzt. Und seitdem reite ich. Zuhause hab ich einen Isländer und hier reite ich meist Onkel Flos Pferde."

„Na dann. Kriegt man auch eine Kostprobe?"

„Sicher, aber komm. Wir holen deine Sättel rein."

Eifrig war sie, dass musste Chris ihr lassen und höflich distanziert. Sie stellte keine unangenehmen Fragen. Das wäre auch das letzte gewesen, was sie gebraucht hatte.

Nach der Besichtigung der ganzen Stallungen und vor allem derer in der die Fohlen standen und der seines Zimmers, saßen sie alle gemütlich am Essenstisch. Zur Feier des Tages gab es Rinderbraten mit Beilagen. Es war eine große Essenstafel, an der auch die Stallcrew mitaß. Eigentlich alles so wie bei sich zuhause, dachte Chris und doch nicht alles so.

Stina war tausende Kilometer weit weg.

Jetzt saß er schon wieder bedrückter auf seinem Stuhl vor der Scheibe Braten und grübelte nach. Hatte sie seinen Brief schon gelesen? Sein Handy hatte er auf Grund der Kosten jetzt aus, er wollte aber später mal draufschauen.

Doch auch abends, als er im Bett saß, war nichts angekommen.

Am nächsten Tag durfte er noch ausschlafen, die Schule begann erst zwei Wochen später, was ihm grade Recht kam.

„Morgen Junge."

„Morgen Lasse."

Der Ältere klopfte ihm auf die Schulter, als Chris in die Küche kam.

„Würdest du mir heute einen Gefallen tun?"

„Ja, welchen denn?"

Er setzte sich an den Frühstückstisch, der für ihn noch gedeckt war und schaute den Gutsbesitzer an.

„Ich habe ein Dressurpferd namens William und der müsste bewegt werden, außerdem würde ich dich gerne mal reiten sehen."

„Gehf kla!", nuschelte Christian mit einem Stück Brot im Mund.

„Okay in einer halben Stunde im Stall zwei."

Josephine kam in ihrem Schlafanzug zur Tür rein.

„Guten Morgen Opa, Morgen Chris. Opa darf ich Waldmär reiten? Bitte. Ich möchte unbedingt wieder tölten."

Lasse nickte der Enkelin zu.

„Sicher. Wieso auch nicht, aber pass bitte auf. Sie geht auf der Schotterbahn manchmal ab."

„Passt schon."

Damit schnappte sie sich eine Brotscheibe und lief aus der Küche.

Als Chris auch aufstehen wollte hielt Lasse ihn zurück.

„Heute kommt ein Mädchen an. Und ich möchte dich bitten, dass du, ja ich weiß du bist ein höflicher Mensch, wirklich nett zu ihr bist. Sie kommt mit großem Liebeskummer. Olaf holt sie grade ab."

„Geht klar Cheffe."

Mit einem Lächeln ging er aus der Küche und Lasse lehnte sich zufrieden zurück. Ob es wirklich eine so gute Idee von seinen Freunden gewesen ist, dieses Mädchen wieder zu Chris zu führen, wusste er nicht. Er wusste nur, wenn die Sache so war wie ihre Mutter und sein Vater ihm geschildert hatte, dann wäre es aber höchste Zeit.

 

Und er sollte doch Recht behalten.

Eine halbe Stunde später kamen zwei Transporter auf den Hof gerollt und eine schwarzhaarige Schönheit stieg aus.

„Hallo, du musst Christina sein."

„Richtig. Und Sie müssen Lasse sein."

„Bleib ruhig beim ‚du’", lächelte Lasse und gab ihr die Hand.

„Heile den Flug überstanden?"

„Mehr oder weniger. Sanny hatte totale Flugangst."

„Aber es ist nichts passiert oder?"

„Nein, alles wieder okay."

Plötzlich hörte man einen männlichen Aufschrei.

Chris kam soeben aus dem Haus und hatte den Transporter erspäht.

„Das kann nicht wahr sein."

„Das ist ein Traum."

„Das ist nicht real. Stina?"

Er lief auf sie zu.

„Was machst du denn hier?"

Betont cool stellte er sich vor sie.

„Sollte ich nicht? Mein Papa und Lasse sind Studienkollegen. Und ich bleib vorerst hier und du?"

„Meine Gastfamilie eben."

„Nein."

Die ‚Gastfamilie’ hatte sich dezent entfernt und so standen sie sich alleine gegenüber.

„Stimmt dein Brief?"

Chris schluckte, als er ihr in die Augen sah, aber er gab keine direkte Antwort

„Was sollte ich denn machen?"

„Du kennst mich immer noch nicht wirklich Chris", murmelte Stina.

„Vielleicht sollten wir versuchen einfach normale Leute zu sein und uns hier der Reiterei und nichts anderem widmen, vielleicht traust du dir dann irgendwann zu mir die ganze Wahrheit über dich zu erzählen. Ich denke, da fehlt noch ganz schön was."

Stina musste in diesem Punkte Chris Recht geben, doch er würde sie hassen und jetzt waren sie erst einmal für wenige Monate wie Geschwister in einem Haushalt, da konnte sie keinen Streit gebrauchen.

Unauffällig hatte sich Josephine den beiden genähert.

„Christina, deine Pferde stehen schon im Stall, Trakt 2. Wenn du möchtest zeig ich dir jetzt alles. Und wenn du möchtest dann können wir gleich mal ausreiten gehen."

Stina lächelte müde.

„Du kannst mich Stina nennen. Und danke für die Information und das Angebot. Ich werd’ es mir überlegen."

„Ich werde im Stall erwartet, bis nachher Mädels."

„Du hast aber schöne Tiere."

„Ja, ich bin auch richtig stolz sie zu besitzen. Auch wenn sie eine Menge Arbeit machen, ich möchte keines von ihnen missen."

„Glaub ich dir. Mein Pony zu Hause ist auch das Beste, was mir je passiert ist. Ich hab schon mal eins gehabt, aber das mussten wir verkaufen, weil ich dann doch zu groß für ein Shetty geworden bin.

„Shetlandponies sind etwas ganz besonderes. Aber ich verstehe dich, wenn man mitlaufen kann, dann ist es meist schon etwas unangenehm für den Besitzer."

„Ja und wir haben es dann an eine Familie verkauft, die dem Pony ein leben langes Zuhause geben."

Munter plapperte die Jugendliche weiter und Stina hörte erleichtert zu. Josephine war wirklich ein angenehmer Gesprächspartner und meist ahnte man nicht, dass sie ‚erst’ Vierzehn war.

Stina trat auf ihren Rotschimmel zu: „Na Sanny, wie geht es dir jetzt? War der Flug so schlimm?"

Santa Claus hob bei ihrer Stimme den Kopf und brummelte sie an.

„Ach komm schon, alter Hase. Ich hab auch Flugangst und stehe hier."

Und zu Josephine gewandt fügte sie hinzu.

„Denkst du dein Großvater hat ein Pferd für mich?"

„Ja sicher, wieso?"

„Ich würde gern ein bisschen ausreiten, um mich vom Flug zu erholen und dann würde ich gerne Sanny als Handpferd mitnehmen, damit er merkt, dass er festen Boden unter den Füßen hat."

„Ich frage ihn eben. Ach und da hinten, das ist die Sattelkammer, da haben wir alles von dir hingeräumt, falls du etwas suchen solltest."

„Dankeschön."

Sie holte das Putzzeug und klaute drei Mohrrüben, die in einem Sack neben der Tür hingen.

„Bitte ihr drei."

Als ihre drei Vierbeiner genüsslich auf den Rüben kauten, putze Stina den Riesen.

„Man, wieso bist du nur so riesig."

In langen Strichen fuhr sie dem Hengst über den Hals.

„Aber du bist wunderschön."

Grinsend zupfte sie drei Strohhalme aus der Mähne.

„Du kannst Winter Eve reiten."

„Wer ist das?"

„Ein Isländer von Opa. Der steht in Trakt drei. Komm mit, ich zeig ihn dir."

Schnell huschte sie wieder aus der Box und lief vor.

„Na komm!"

Stina ließ das Putzzeug im Trog und folgte dem Mädchen.

Ein hübscher grauer Isländer schaute aus seiner Box und neugierig zu den beiden Jugendlichen.

„Den hier. Mein Onkel ist absoluter Fan von Isis, deswegen haben die einen eigenen Trakt. Ich reite Waldmär. Die hübsche Stute da hinten!"

Eine windfarbene zerzottelte Pferdedame schaute die beiden an und schüttelte die dichte Mähne.

 

„Hui, ich bin es gar nicht mehr gewohnt so ein kleines Tier zu reiten."

Stina schaute an sich herunter.

Der Boden war viel näher und die kleinen Trippelschritte durchschüttelten sie noch etwas. Santa lief gemütlich am Strick neben ihnen her.

„Na ja, wer sonst solche Tiere wie Sanny, Dark und so reitet. Aber es macht doch einfach Spaß oder?"

„Ja und es befreit."

„Wieso befreien?"

Da war die Frage, sie hatte sich versprochen. Und was wenn sie einfach mal ehrlich war? Wenn sie wem alles erzählte.

„Ich bin die Ex-Freundin von Chris. Und ich bin letztes Jahr dann umgezogen, daraufhin war die Beziehung beendet. Es ist viel Mist passiert und dieses Jahr sind wir zurückgezogen. Ich habe Chris wieder getroffen und mich wieder in ihn verliebt. Eigentlich habe ich keine Sekunde aufgehört ihn zu lieben. Als er vor wenigen Tagen bei mir zuhause ankam, da war mein Masseur bei mir im Zimmer und Chris dachte wohl es sei mein neuer Freund. Das ist aber nicht so. Na ja er hat mir erzählt, dass er weg gehen würde. Das war zuviel für mich. Meine Mam hat dann mit seinem Dad telefoniert und daraufhin haben wir gebucht und mich von der Schule wieder abgemeldet. Meine Mutter ist Überredungskünstlerin und unser Schulleiter mag sie. Ist zwar schade für meine Freunde, aber für Chris ist da viel mehr und ich würde noch weiter für ihn gehen. Er darf nur nie etwas davon erfahren."

„Wieso?"

„Ich habe viel Mist gebaut. Sehr viel und er weiß nur zehn Prozent davon. Den Rest soll er nie rauskriegen. Ich will nur in seiner Nähe sein, auch wenn ich ihn nicht berühren kann."

„Pass mal auf", brachte Josephine lächelnd hervor.

„Wenn du ihn wirklich liebst, dann sag es ihm, denn er tut es auch, sonst sähe er nicht so verletzt aus!"

„Ich werde nicht mit ihm reden", behauptete die Jugendliche mit fester Stimme, doch hatte sie Unentschlossenheit im Blick.

„Weißt du was. Wir machen morgen einen netten Mädelabend. Ich kenn hier einige nette Schwedinnen. Mit ihnen müsstest du nur Englisch reden!"

„Macht nichts, kann meiner Sprache nicht schaden!"

„Okay, dann machen wir das so. Und magst du mal ein Stück langsam tölten?"

„Was muss denn dann Sanny machen?"

„Der kann neben uns herlaufen. Der findet schon das richtige Tempo. Außerdem nur bis zur Eiche dahinten. Also heb die Hände noch ein Stück höher, als ob du seinen Kopf hochheben würdest, ja genau so und gib Trabhilfen."

Und schon lief Winter Eve in einem ruhigen Tölt.

„Wow, das ist wie auf einem Sofa!", staunte Stina.

„Du bist noch nie getöltet?"

„Nein, noch nie."

„Oh man, dann wurde es auch mal Zeit. Du musst das unbedingt öfter machen, das ist ein irres Gefühl."

„Ich merke es grade."

Sie zwinkerte Josephine zu und töltete weiter. Sanny lief in einem langsamen Galopp neben her.

 

Am Abend als alle an einem Tisch saßen, vermieden die jungen Menschen sich mit ihren Blicken anzusehen.

„Ich würde ganz gerne Morgen mit Stina und einigen anderen abends was machen. Würde das für euch klargehen?"

„Sicher, wieso denn nicht, Fine? Du kennst doch die Gegebenheiten. Was wollt ihr denn machen?"

„Einfach einen Mädchenabend."

„Ja klar, hier am Hof, oder woanders?"

„Am Hof Oma."

Lasses Frau Leonie räumte den Tisch ab und nickte ihrer Enkelin zu.

„Kein Problem. Ich koch dann was Nettes."

„Danke Omi, danke…"

Stina lächelte die beiden an und spürte Chris’ Seitenblicke in ihrem Nacken.

„Ich geh dann mal, wollte Mikado und Sam noch kurz gute Nacht sagen. Danke fürs Essen. War wirklich lecker."

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren ging er in den Stall.

Keinen Blick hatte er mit Stina gewechselt, keine gute Nacht war an sie gerichtet worden. War es falsch von ihm? Sie wusste nun, wie es um seine Gefühle stand, nur war immer noch nicht alles zwischen ihnen geklärt und dabei dachte er, dass sie im Krankenhaus die gesamte Wahrheit erzählt hatte.

„Hej Mikado. Wie geht es euch beiden denn? Besser als mir?!"

Die beiden treuen Vierbeiner hoben ihre Schnauzen aus dem Müsli.

„Zumindest scheint ihr nicht unzufrieden zu sein, wenn ich auch nur so ein einfaches Leben hätte wie ihr." Zwei Augenpaare schauten ihn an.

„Ja gut, ihr habt es mit uns Menschen nicht leicht, aber was ist mit der Liebe? Ist sie bei euch auch so problematisch?"

„Liebe ist nicht nur problematisch, sondern auch anstrengend."

Ein Mann war zu ihm getreten, es war Ole, ein Stallhelfer, der in fließendem Englisch nun anfing mit Chris über seine Probleme zu reden.

Erst war Christian sich nicht sicher, ob es klug war einen fremden Menschen seine Probleme so zu erläutern, aber was sollte er machen, wenn er nicht ganz kaputtgehen wollte. Und auf der anderen Seite war der Gesprächspartner angenehmer, als seine verständnisvolle Familie oder seine Pferde.

„Na dann, noch einen schönen Abend Chris."

„Ja, schönen Abend noch."

Mehrere Wochen waren schon vergangen, seit Chris und Stina zusammen auf einem Hof wohnten und so langsam gewöhnten beide sich an das Leben als „Geschwister". Doch Chris wurde immer eifersüchtiger.

Oft kamen Jungen noch abends bei Josephine und Stina vorbei und blieben bis tief in die Nacht. In besagten Nächten tat Christian nie ein Auge zu.

„Hallo Brüderchen."

Stina kam zur Reitbahn in der er selber mit Mikado zu tun hatte.

„Hallo Stina."

Brüderchen. Der Begriff tat weh, sah sie ihn gar nicht mehr als irgendwen besonderen?

Nein, für Stina schien die Vergangenheit abgehakt zu sein.

„Kann ich mit Sanny auch auf den Platz kommen? Er braucht dringend ein oder zwei Korrekturen."

„Wieso denn nicht? Die Bahn ist groß genug."

Nein, groß genug war nichts. Groß genug wäre nicht mal die Distanz zwischen Sonne und Erde für Chris, wenn Stina am anderen Ende wäre. So gerne er sie bei sich gehabt hätte, desto komplizierter war es mit ihr auf normalem Level reden zu müssen und in der Bahn zu reiten.

Plötzlich hielt Stina abrupt an.

„Du bist so ein Mistkerl!"

Verwirrt parierte auch Chris durch.

„Womit hab ich das jetzt verdient?"

„DU gehst mir doch seit Wochen aus dem Weg…"

Christian verließ wieder ohne Worte die Reitbahn und ging mit seinem Pferd ins Gelände.

Stina ritt ihm nicht nach, sie traute sich nicht.

Doch abends brach alles aus Christian raus. Ohne zu klopfen betrat er ihr Zimmer.

„Stina ich…"

Stina saß an ihrem provisorischen Schreibtisch und schaute sich Fotos an.

„Ja?"

„Ich war ein Idiot, das was wir miteinander hatten, war viel zu gut um es wegzuwerfen!"

Mit wenigen Schritten stand er neben ihr an ihrem Schreibtisch. Stina wusste im ersten Moment nicht wie sie reagieren sollte, doch bevor irgendetwas geschah, stand auch schon Josephine mit zwei Jungen in der Tür.

„Können wir uns jetzt Stina ausborgen?"

Christian schüttelte den Kopf. „Ich muss mit Stina reden. Wir haben noch nie miteinander wirklich gesprochen, ich glaube es wird Zeit."

Stina nickte. Ja, es wurde Zeit. Er hatte Recht, aber irgendetwas sträubte sich in ihr. Es wäre doch der richtige Augenblick oder nicht?! Ohne weiter nachzudenken nickte sie.

Sie sagte schnell auf Schwedisch etwas und Josy mit den beiden Jungen ging.

„Chris… ich… ich kann dir nicht alles sagen." „Darum geht es nicht Stina. Es geht hier nicht um irgendwas was du nicht erzählen kannst. Hier geht es nur um uns. Wirklich… NUR UM UNS!" „Eben…" „Nein, du sollst nicht sagen wieso du abgehauen bist. Wieso du mich nie wieder sehen wolltest. Ich will dir nur sagen, wie sehr ich dich liebe."

Stina kämpfte mit den Tränen. Nein, sie wollte nicht nachgeben, sie konnte einfach nicht. Halbwegs gefasst blickte sie wieder auf.

„Chris. Du weißt, dass das nicht gehen wird."

„Doch, es würde. Spring über deinen Schatten, oder willst du mir sagen, dass du mich nicht mehr liebst?"

„Darum geht’s doch gar nicht!" „Um was dann? Um was Stina? Warum darf ich dich nicht lieben?"

„Weil ich doch nie ehrlich zu dir war. Weil du mich doch gar nicht mehr lieben kannst."

Jetzt brach sie trotzdem in Tränen aus. Ihr war alles egal.

Chris kniete sich vor sie und nahm ihre Hände. „Stina, egal was ist. Ich bin bei dir. Und egal was los war, ich werde dir nie darüber böse sein. War es nur das mit deinem Trainer?"

„Auch. Da war noch Jonathan." „Ach, der englische Springreiter?" „Genau der Kerl." „Was war denn los?"

„Ich fand ihn so toll. Ich hab mich von ihm verführen lassen, verwöhnen lassen. Ich habe gedacht, dass es nicht mehr würde. Aber als er sich dann als Komplize von meinem Trainer herausstellte, hatte ich keine Chance mehr. Sie wollten mich erpressen. Wollten dir alles sagen, wenn ich nicht das tue, was sie sich vorstellen. Und ich habe mitgemacht. Zwangsläufig. Als meine Tante dann alles rausbekommen hat, wollte sie zur Polizei. Aber ich war schneller. Ich habe sie überzeugt, dass sie nichts tun sollte. Und dann sind wir umgezogen. Neue Adresse, Telefonnummer und Handynummer. Ich wollte dich vergessen und alles verdrängen. Deswegen habe ich alles weggehängt, was mit Reiten zu tun hatte. Die Schleifen- und Pokalkiste verstaubte unter dem Bett. Ich wollte nicht mehr. Und dann bin ich abgerutscht."

Christian zwang sich sie nicht anzubrüllen. Er wollte alles wissen, doch das war schwerer getan als gesagt.

„Ich habe kurze Zeit wilde ausschweifende Partys gefeiert. Ich war betrunken, auf was weiß ich noch."

„Warum?"

„Um dein Lächeln zu vergessen, deine Stimme, deine zärtliche Art. Ich habe noch nie so etwas gespürt. Ich wollte dich verdrängen, aus meinem Leben werfen. Als aber dann Andreas aufgetaucht ist, hat alles nicht mehr geklappt. Ich war mit den Nerven am Ende und als du dann auf dem Turnier warst, war alles aus. Na ja gut. Jetzt bist du wieder da und ich muss mich daran gewöhnen, dass das nichts wird." Sie sah zu Boden. So ein Blödsinn.

„So ein Blödsinn, Süße. Also wenn das da draußen nicht dein Macker ist, dann klappt das. Dann ist das kein Problem. Ich liebe dich, Stina. Du bist das Allerwertvollste in meinem Leben geworden. Ich hatte in den letzten Monaten immer so viel Scheu dir zu begegnen. Wenn du jetzt ‚Ja’ sagst, dann lasse ich dich nie mehr gehen!"

Ein zaghaftes Lächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf.

„Bezieht sich das jetzt auch auf einen neuen Versuch Geschwister zu sein?"

Erst wollte Chris sich aufrichten und traurig gehen, doch dann lachte sie glockenhell auf. Ein kurzes aber sehr warmes Lachen.

„Chris, geh nicht. Ich sage ja… Ich will dich wieder. Ich will einfach bei dir seien und nur als ‚Pseudoschwester’ geht das nicht. Ich will dich wieder als mein Freund, mein Schatz. Und ich will dich nie mehr verlieren."

Als er sie dann sanft küsste, wieherte im Hintergrund ein Pferd.

„… und würdest du mit mir dann eine eigene Existenz aufbauen. Irgendwann?"

„Ja!"

„Dann ist ja alles gut… Meine Süße." Und damit nahm er sie in die Arme, küsste die Tränen weg und träumte sich mit ihr in die Zukunft.

Epilog

19 Jahre später

 

„Chris, Mary schreit!"

„Stina, Mary ist auch deine Tochter." Chris saß auf einem Sohn von Santa und ritt grade durch den Parcours, als Stina angelaufen kam.

„Ich weiß, ich weiß. Aber von mir lässt sie sich nicht beruhigen. Und weißt du warum? Wer hat ihr denn versprochen sie dürfte heute reiten? Du oder ich? Du ja wohl. Ich reite Sanjo weiter ab, aber du kümmerst dich um sie."

„Mausi, du bist schwanger."

„Aber ich darf noch einen Monat leicht reiten. Also runter da. Ich ärger mich ja eh schon, dass ich nicht zur Olympiade mit kann, zu Pferd. Ich kann dir ja eh nur zu schauen."

Chris lächelte und stieg ab. Gut genug wäre Stina allemal gewesen, aber ihr kam die Schwangerschaft dazwischen. Doch sie ärgerte sich nicht wirklich darüber. Sie hatte an der letzten nicht schlecht abgeschnitten und dieser Event wäre ihr Abschied gewesen aus der Dressurbranche.

„Komm, der Nachwuchs wartet."

„Ich geh ja schon. Wird Zeit, dass die Schule wieder anfängt."

Mary war sieben und kam in die zweite Klasse. Während der Ferien hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht ihren Vater zu scheuchen, doch den störte das nicht.

Er hatte was er sich immer erträumt hatte.

Stina, Kinder und den eigenen Hof. Und dazu kam, dass er in einem Atemzug mit seiner Frau und den besten Reitern der Welt genannt wurde. Schweden hatte ihm viel gebracht, obwohl der Freund der Familie im selben Jahr noch bei einem Unwetter starb. Chris und Stina gingen noch einmal durch die Hölle, als ihr erster Sohn an Kindbettfieber starb, aber sie gaben sich niemals auf. Sie freuten sich über Mary und sie bauten sich ihre Existenz auf. Groß und einflussreich. Andreas war Beteiligter an ihrer Zucht, während der Vater sich zur Ruhe setzte und mit seiner Frau Amerika bereiste.

„Mary, ich komme."

Und damit küsste er Stina noch einmal liebevoll.

„Ich liebe dich, meine Große. Und ich werde dich immer lieben." „Je t’adore!"