EEEEEHM...

ja die Story ist ehm... ich glaub noch vor dem Urknall entstanden... würde mich trotzdem freuen, wenn ihr sie mögt^^. Total Realitätsfern... aber ist es nicht schön eine Traumwelt zu erschaffen^^

 

LG

 

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-1-

Unsicher und etwas eingeschüchtert von allen schwatzenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, um sie herum, betrat Anne das Schulgebäude. Sie kannte kein einziges Gesicht hier, niemanden, der hier herumlief, geschweige denn einen Lehrer. Ihr Blick schweifte durch das große Foyer in dem sie jetzt stand. Wo musste sie hin? An wen sollte sie sich wenden?

Anne ist 15 Jahre jung und soeben von München nach Essen gezogen. Ihre Mutter hatte neu geheiratet und so blieb Anne nichts anderes übrig als mit zu ziehen. Sie hatte keine andere Wahl gehabt. Ihr Vater war schon kurz nach ihrer Geburt verstorben und ihre Großeltern lebten auch nicht mehr. Ihre Mutter war eine viel beschäftigte Sängerin und Pianistin und wenn sie nicht gerade der Musik nachging, war sie in ihrer kleinen neuen Galerie zugange. Der Umzug hatte in den Sommerferien stattgefunden und zwar ausgerechnet in das fein Situierteste und teuerste Stadtviertel Essens. In das Haus, eher gesagt in die Villa, in der Mutter und Tochter ein neues zu Hause hatten, passte ihr altes Häuschen mindesten sechsmal rein. Für Anne war das viel zu groß, sie würde viel lieber auf dem Land wohnen, mit netten Leuten und nicht diesen ganzen Polohemdträgern, mit denen sie es jetzt zu tun hatte.

Unsicher schaute Anne sich um, als eine Person auf sie zukam. „Hallo, bist du neu hier?" Das Mädchen nickte nur, aber studierte die fremde Erwachsene genau. Die Frau musste an die fünfzig sein und war sehr adrett angezogen. „Dann komm mal mit." Sie bahnten sich einen Weg durch die Schülerschar und die Dame grüßte hier und da jemanden. Anne hingegen folgte ihr mit eingezogenem Kopf und hielt diesen dann auch noch gesenkt.

„So da wären wir! Ich bin Frau Pagel, die Schulleiterin. Und du bist?" „Anne…" „Und weiter?" Die Stimme von Frau Pagel war angenehm sanft und beruhigend, langsam richtete Anne sich auf. „Anne Hausser." „Ach, die aus Bayern! Natürlich." Sie suchte eine Mappe raus. „Du bist ja eine hervorragende Schülerin, ganz ohne Zweifel und das in Bayern." Anne lächelte. „Irgendwas muss einem ja liegen." „Da hast du womöglich Recht. Ja Anne, deine Mutter ist nicht da?" Anne war leicht sauer auf ihre Mutter. Sie hatte den Chauffeur ihres neuen Mannes mit Anne zur Schule geschickt mit der Anweisung sie einfach raus zulassen, sie selber hätte zuviel zu tun. „Nein", lautete deswegen die kurze und klare Antwort. „Okay, das macht ja nichts. Du wirst in die Klasse 10c gehen. Wirklich nette Leute, allesamt. Du wirst dich sicherlich wohlfühlen. Die Klassenleitung übernimmt der Herr Dr. Krach, er unterrichtet euch in Mathematik sowie in Chemie." Und Frau Pagel erklärte ihr sonst auch noch allerlei, bis sie das Mädchen höchstpersönlich zum Klassenzimmer, Raum 32, brachte. Sie wurde durch die große Tür in einen Raum mit vielen anderen Leuten geschoben. „Da bist du ja." Der Mann der sie begrüßt hatte, schaute sie an. Ein netter Herr mit Bart und Sakko. „Du musst dann Anne Theresa Maria-Magdalena Hausser sein." Es war ungewöhnlich, dass jemand ihren vollständigen Namen kannte umso erstaunter blickte sie ihn an. „Das stimmt vollkommen, aber woher wissen Sie?" Herr Dr. Krach winkte ab. „Ich liebe es Namen zu lernen. Ich bin dein neuer Klassenlehrer, Herr Dr. Krach. Aber lass das Doktor weg. Und wenn die Klasse mal sehr gut gelaunt ist, nennt sie mich auch aus Spaß nur Felix. Stimmt’ s Leute?" Die Klasse lachte. „Gut, also… Wie möchtest du denn am liebsten genannt werden?" Anne dachte sich, dass sie lieber unsichtbar wäre, doch antwortete sie etwas verschüchtert auf die Frage: „Anna, einfach Anne. Den vollen Namen benutzt meine Mutter nur bei Alarmstufe rot." Wieder lachte die Klasse und Anne zuckte zusammen. Sie hatte Angst, dass das böse gemeint wäre, doch das Lachen der 10c war herzlich und frisch. „Gut Anne, dann setz dich mal, mhm, am besten neben Tim oder… ja doch neben Tim. Vielleicht folgt er dann dem Unterricht besser." Und zu Tim gewandt fügte er hinzu: „Auf das, dass das neue Schuljahr mal Zensurentechnisch besser wird, als die neunte Klasse." Ein blonder Junge grinste frech. „Klar Krachi. Und ich fand mein Zeugnis nicht so schlecht, sonst würde ich hier nicht sitzen." Sein Banknachbar grinste fast noch frecher, als er meinte: „Ich ja auch nicht. Tim und ich sollten einfach nicht voneinander absehen." Anne betrachtete die beiden Jungen kurz, bevor sie den Blick wieder senkte. Der blonde Tim war schon im Sitzen relativ groß und sein Banknachbar, wie Anne später erfahren hatte Lukas, hatte schwarze lockige Haare und diese zu einem kleinen Zopf zusammen gefasst.

„Na dann Anne, setz dich mal zu uns." Tim klopfte auf einen Stuhl neben sich. „Mach es dir bequem, einen Sessel dürfen wir hier leider nicht hinstellen für dich, aber wenn du dir ein Kissen mitbringst, ist es sicher auch bequem." Er deutete unter seinen Hintern und die Leute die es sahen mussten laut lachen. Tim saß auch auf einem Kissen. Herr Dr. Krach musste auch schmunzeln. Er mochte seine Klasse. Sie waren sehr chaotisch, aber in Klassenzusammenhalt und Gemeinschaft waren sie anderen Schulen um Meilen voraus, so etwas hatte er noch nie gesehen.

Anne setzte sich hin und legte ihren Block, Stift und ihren Stundenplan ordentlich vor sich.

„Magst du nicht kurz etwas über dich erzählen?" Alle Blicke ruhten auf ihr und das Mädchen wusste irgendetwas musste sie jetzt erzählen, ansonsten würd hier eine Unruhe ausbrechen.

„Okay." Tief holte sie Luft und überlegte schnell, was sie sagen wollte. „Ich komme aus Bayern. Besser gesagt aus München. Mein Vater ist verstorben, als ich noch kein Jahr aalt war und meine Mutter hat jetzt in den Sommerferien meinen jetzigen Stiefvater geheiratet. Und ist mit ihm nach Essen gezogen. Da musste ich halt mit. Jetzt wohn ich im Bruckerholt- Viertel und bin auf dieser Schule angemeldet worden." Beim Wort ‚Bruckerholt’ ging ein allgemeines Gemurmel los.

„PSCHT!" Schnell machte Herr Dr. Krach dem ein Ende. „Und was sind so deine Lieblingsfächer?" „Ich liebe Musik, Deutsch und Chemie. Möchte auch später irgendwie so etwas machen. Also entweder mit Chemikalien oder mal schauen." In München stand sie in Chemie die meiste Zeit eins und hier in Essen würden wohl in etwa die gleichen Anforderungen herrschen.

„Oh, das freut mich aber! Ich hoffe ich mache meinen Unterricht auch für dich gut genug! Wer schon aus Bayern kommt." Er lächelte ihr zu. „So und jetzt ein anderes Thema. Das lästigste eigentlich. Euer Stundenplan." Während der Lehrer die Tage an die Tafel schrieb beugte sich Tim zu ihr rüber. „Du kommst auch aus dem Bruckerholt- Viertel? Super, dann muss ich nicht mehr alleine laufen." Immer noch verschüchtert sah sie ihn an. „Wieso?" „Na ja, ich wohne im Bruckerholt- Viertel Nummer vierundzwanzig. Und du?" „Zweiundzwanzig", brachte sie hervor. Tim beugte sich zu Lukas rüber. „Schau an, die Kleine wohnt doch glatt neben mir, was für ein Zufall!" Lukas schaute Anne eindringlich an. „Na die wär’s doch!" „Könnt ihr auch leise sein?" Herr Dr. Krach verteilte grad die Bücher und schaute die beiden Jungen sauer an. „Schon okay."

Die Klasse verließ nach der vierten Stunde schwatzend den Raum, bis auf Anne. Sie war eingeschüchtert von den vielen neuen Aspekten und vor allem der großen Klappe, die ihre neuen Klassenkameraden hatten. Sie verließ als letzte den Raum und verlief sich kurz im Schulgebäude, atmete auch erst dann auf, als sie dieses verlassen hatte.

Vor der Schule sah sie schon von weitem den schwarzen Mercedes ihrer Mutter. Die Scheiben waren schwarz eingetönt, aber zum Teil runter gelassen.

 

-2-

 

„Hallo Schatz." Anne setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Und wie gefällt dir die Schule?" „Ist eben eine Schule." Der Anschnallgurt klickte ein und ihre Mutter startete den Motor. „Ja, aber eine sehr gute Schule, mit einem der besten Rufe in ganz NRW! Wie ist denn die Klasse?" „Ganz okay." „Sag nicht du hast dich eingeschüchtert in die letzte Ecke gesetzt?" Ihre Mutter schaute sie aus grünen Augen forschend an. „Nein, aber ich will doch nicht irgendwo zur Schule gehen." „Das wird schon wieder, da bin ich mir sicher."

Sie fuhren in die Einfahrt zu der Villa rein. Anne fühlte sich in der ganzen neuen Welt noch unwohl. Sie hatte sogar Angst sich auf dem Grundstück zu verlaufen. „Ach ja, die Nachbarn von Hausnummer vierundzwanzig waren heute bei uns zu einem zweiten Frühstück. Ihr Sohn müsste in deiner Klasse sein." Anne lächelte zum ersten Mal an diesem Tag richtig. „Hausnummer? Ich glaube du meinst Grundstücksnummer. Und ja, Tim heißt er." „Tim Baumann, nette Eltern hat der Kerl." „Ja, aber einen unmöglichen Charakter." Sie parkte das Auto im Carpark.

„Was hast du heute vor?" „Eigentlich gar nichts Mama. Wieso?" Die Autotür wurde aufgemacht. „Danke John, Sie können jetzt wieder an die andere Arbeit gehen." Einer der Bediensteten war schon zu dem Auto geeilt und hatte die Tür aufgemacht gehabt. Annes Mutter, frischgebackene Marie- Therese de St. Claire schickte ihn wieder weg. „Na ja, ich denke mal hier, dass du hier noch nicht alles vom Grundstück gesehen hast, vor allem hast du dir noch nicht mal die kleine Stallung angeschaut. Und ich denke, na ja du warst immer eine so gute und ambitionierte Reiterin. Ich würde dir gern ein eigenes Pferd kaufen. Und mir ein paar Nachmittag nur für dich Zeit nehmen." Anne fiel ihrer Mutter um den Hals. Sie hatte keinen Moment geglaubt, dass ihre Mutter hier in Essen mal Zeit für sie fände. „Ich brauch kein eigenes Pferd, aber gegen einen Nachmittag mit dir hätte ich nichts!" Sie gingen in ihr Haus rein.

Das Essen mussten sie nicht selber kochen, sondern es wurde für sie gekocht. Für beide war es neu, doch irgendwo genossen sie es auch. Und Anne war doch froh, dass ihre Mutter nicht mehr alleine war.

„Mama, wohin würden wir denn dann fahren?" „Also hier sind mehrere Gestüte mit Toppferden. Dahin sollten wir vielleicht fahren." „Okay, ich ziehe mich eben um."

Anne suchte ihre schöne hellblau-grau karierte Reithose raus und eine hellblaue Bluse Sie hatte in der Schule schon gesehen, dass man sich hier nicht kleiden konnte, wie auf der alten Schule und das galt wohl auch dann gleichzeitig für die Reiterhöfe.

„Anne-Schatz, bist du fertig?" „Klar!" Sie lief die Treppen runter und zum Auto. „Was hat eigentlich Manni für Pferde?" Manni hieß eigentlich Manfred de St. Claire und war ihr neuer Stiefvater. „Ich glaube zwei Hannoveraner und einen Trakehner, aber ich bin mir nicht sicher." Es war wie im Traum. Pferde auf dem eigenen Grundstück und man wohnte noch nicht einmal auf dem Land, sondern in der feinsten Gegend Essens. Ihre Mutter und sie hatten dann doch den Wagen mit Chauffeur genommen, denn der Mercedes wurde von Manfred selber benötigt. Sie hatten sofort alle Blicke auf sich, als sie auf die noble Anlage fuhren.

Im Gegensatz zum Betreten der Schule hatte Anne den Kopf oben und die Schultern straff, als sie aus der Limousine stieg. Diesmal war es ihr nicht unangenehm, sondern sie fand es gut. Sie sah die Pferde, atmete tief ein und freute sich. Hier könnte also ihr neues eigenes Pferd zu finden sein.

„Ah, Guten Tag Frau de St. Claire und Guten Tag Fräulein Hausser." Ein schicker Mann in schwarzer Reithose und einem weißen Polohemd kam auf sie zu. „Ah, Guten Tag Herr Mann." Und zu Anne gewandt fügte sie hinzu. „Herr Mann und ich kennen uns aus meiner kleinen Galerie. Er ist der Besitzer von diesem tollen Stall." „Richtig. Und Sie suchen ein Pferd?" „Ja, meine Tochter." „Eigentlich eher für mich." Herr Mann gab beiden die Hand und führte sie in einen Stalltrakt. „Hier stehen die Dressurnachwüchse. Angefangen mit Maurice, eines unser Toppferde hier. Sechs Jahre alt und geht bisher M-Dressur. Hat Papiere und hat eine Topausbildung genossen! Ich selber kann ihn nur empfehlen. Es geht weiter mit Simpson. Er ist A-Dressurpferd und ein Holsteiner. Hat in den letzten Prüfungen zwei erste und vier zweite Plätze gemacht. Hier steht Lord Danger. Perfekter Name, ihn wollen nicht viele reiten und einer Lady wie Ihnen würde ich ihn bloß ungern empfehlen. Er brauch jemanden starkes." Er zeigte ihnen noch viele Pferde, doch Anne hatte das Bild von Lord Danger im Kopf. Der Schöne Rappwallach hatte sie so treu angesehen, dass sie gar nicht glauben konnte, dass er so schlimm wäre.

„Und Anne, hast du ein Pferd erblickt, dass du mal Probereiten möchtest?" Sie nickte und deutete auf den Dressurtrackt. „Niemand anderen, als Lord Danger." Herr Mann wollte grade etwas einwenden, als Frau de St. Claire ihn mit einem Blick zum Schweigen brachte. „Wenn meine Tochter wünscht dieses Pferd zu reiten, dann soll sie es doch tun. Sie wissen gar nicht, was sie schon für Kaliber geritten ist." Kritisch betrachtete er das Mädchen und ließ dann den Wallach satteln. „Ich hoffe, dass du weißt, was du da tust." „Nein, aber ich habe in Bayern gerne mal Schnapsideen gehabt."

Ihre Mutter lächelte. Reiten war schon immer wie eine Therapie für das Mädchen gewesen, sie brauchte es einfach. Als Anne sich auf das Tier drauf schwang, merkte sie erst, dass er ein absoluter Riese war. „Na, dann wollen wir doch mal." Am langen Zügel ließ sie ihn durch die Bahn schreiten und genoss die Bewegungen unter ihr.

Nach Zehn Minuten leichten Aufwärmens, nahm sie die Zügel auf und trabte an. Er war sehr zügig, doch konnte sie ihn gut reiten. Herr Mann stand an der Bahn und nickte nur bewundernd.

„Die beiden verbindet ein Band, ganz sicher", hörte Anne den Reitstallbesitzer sagen. Lord Danger war ein Genuss, der große Schwarze und die kleine zierliche Anne. Nach kurzer Zeit hatten sich viele Menschen an der Bahn versammelt und schauten zu. Sie hatten den Wallach noch nie so ruhig unter einer Frau, geschweige denn einer Jugendlichen gesehen. Selbst der Galopp und die Galoppwechsel klappten und alles war bass erstaunt.

„Ist das Lord Danger?", mischte sich ein junger Mann ein. „Ja, irre oder?" Anne hielt vor der Tribüne.

„Mama, der oder keiner!" Frau de St. Claire schaute Herrn Mann an. „Denken Sie denn auch, dass er für meine Tochter ein Pferd wäre?" „Ja, genau das denke ich."

Die beiden fachsimpelten einen Preis aus, während Anne trocken ritt und als sie abstieg sah sie, wie die beiden sich die Hand darauf gaben. Der große Rappe, mit dem sich so gefährlich anhörenden Namen war jetzt ihrer.

Der Kaufvertrag wurde unterschrieben und es wurde ausgemacht, wann die beiden mit Manni den Wallach abholen könnten. Als Anne plötzlich ein kleiner Fuchs auffiel. Er stand abseits von den anderen, mit hängendem Kopf.

„Wer ist das da eigentlich?" „Oh, das ist Merkur. Er steht hier seit einem Monat, ohne dass irgendwer sich wirklich für ihn interessiert." Anne lief auf ihn zu. „Der tut mir ja leid, das ist ja ein lieber Kerl." Herr Mann trat neben sie. „Ja das stimmt. Aber der alte Besitzer ist verstorben, durch einen Tumor, seitdem ist der Kleine traurig!" „Oh man, den könnte man doch so einpacken. Was haben Sie denn mit ihm vor?" „Wir haben nichts mit ihm vor. Mein Sohn reitet ihn manchmal, aber er hat ja auch nicht immer Zeit. Der Kleine braucht Liebe und alles." „Mama." Marie-Therese rollte leicht mit den Augen. „Nein, du hast du jetzt erst ein Pferd bekommen." Merkur schaute sie aus traurigen Augen an. „Aber Mama…" „Nein, du hast schon Lord Danger." Sie warfen noch einen traurigen Blick auf das Pony. Und Anne verabschiedete sich nochmal von Lord Danger, Herrn Mann und mit einem Leckerchen auch noch bei Merkur. „Ich lass mir was einfallen", flüsterte sie dem Ponywallach ins Ohr.

Ihre Mutter wartete schon im Wagen. Die Türen schlossen sich und Anne musste den Blick von Merkur abwenden.

„Mam", vorwurfsvoll wandte sie sich an ihre Mutter. „Hast du nicht diese Augen gesehen?" „Ja schon." Sie seufzte. „Aber du hast die für Lord Danger entschieden und glaub mir, der hat ein ganz schönes Sümmchen gekostet! Auch wenn wir jetzt in eine Reiche Familie eingeheiratet haben, haben wir nicht endlos Geld." „Ein Pony Mami, ein PONY. Das kostet kein Vermögen!" „Aber Geld." Und damit war diese Diskussion für Frau de St. Claire beendet, aber ihrer Tochter war klar, dass etwas für das Pony getan werden musste.

-3-

Am nächsten Morgen zog Anne sich die Decke über den Kopf, als der Wecker klingelte. Kurze Zeit später ging auch schon ihr Telefon. „Ja?" „Hey mein Schatz, aufstehen! Ein neuer Schultag!" Anne knurrte und knallte das Telefon auf. „Komm ja schon." Sie schaute in den Spiegel. Ihre braun-roten Haare waren zerzaust und sie sah aus, als ob sie grade durch nen Wald gestreunt wäre.

Schnell sprang sie unter die Dusche und suchte ihre Caprihose und ihr Top raus.

„Morgen." Sie Umarmte ihre Mutter und ihren Stiefvater. „Na, freust du dich auf die Schule?" „Nee. Muss nicht sein." Sie nahm sich eines der Croissant. „Nein?" „Ist sie doch nicht schön?", hakte ihr Stiefvater nach. „Tut mir Leid Manfred, aber die Leute da. Das ist alles noch so ungewohnt." „Ach warte ab. Da sind sicherlich nette Leute, die auch dein Bayrisch verstehen." Anne lächelte und nickte höflich, als es schellte.

Einer der Bediensteten kam zu Anne und meinte: „Da ist ein junger Herr an der Einfahrt, er bittet darum, dass er dich abholen dürfe." „Ein junger Herr?" Ihre Mutter wurde hellhörig. „Ja ein Junge Namens Tim." Anne stöhnte auf. „Och nicht der. Aber halt, sagen Sie ihm, dass ich in drei Minuten da bin!"

Damit stand sie auf umarmte beide noch einmal, steckte sich den Rest des Croissants in den Mund und ging nach draußen.

Es war frisch, aber nicht kühl und gleich vor der Treppe der Villa stand ein silberner Porsche. „Abholdienst gefälligst?" Tim stand grinsend neben der Beifahrertür. „Ich hätte auch laufen können." „Das ist aber so praktischer", meinte er und hielt ihr die Hintertür auf. „Ich muss mich wohl bedanken." Er nickte und grinste. „Anne, das ist mein Bruder Thorsten. Er geht in die dreizehn. Meine Sprüche hab ich von ihm und er hatte Herrn Dr. Krach, auch genannt Krachi, auch schon als Klassenlehrer."

Anne begrüßte auch Thorsten und ließ Tim reden. Er erzählte ihr viel bis zum Schulgebäude, traf dann aber auf seine Freunde und ließ sie allein.

Das Mädchen betrat mit eingezogenem Kopf die große Schule. Sie war beeindruckt, dass andere hier einfach reinspazierten, sie konnte es nicht.

„Hey, du bist doch die Neue in unserer Klasse, oder?" Anne drehte sich um und sah in temperamentvolle Augen.

„Ähm, kann sein." „Hi, ich bin Carla. Schön dich kennen zu lernen. Ich vermute, du hast etwas Schiss oder?" Das Mädchen schaute sie offen an. Sie war eindeutig Schülerin der 10c. Dieses Mundwerk konnte man nur da zuordnen. „Ja, nein…" „Was denn nun?" Sie hatte Grübchen und lächelte. Sie war nicht ungeduldig und mit Neuen schon gar nicht. „Ja doch. Es ist so wahnsinnig kompliziert alles." „Ist es für uns doch auch, wenn du bayrisch sprichst. Kannst du kein Hochdeutsch?" „Doch klar, aber wenn ich unsicher bin verfalle ich immer noch sehr in den Dialekt." Sie schaute sie entschuldigend an. „Ach macht doch nichts. Komm wir haben Chemie. Lassen wir die anderen nicht warten." Sie hakte sich einfach bei Anne unter, so dass diese keine Widerworte mehr gab.

Sie liebte Chemie und es war das einzige Fach, an dem sie sich beteiligte, die anderen Fächer saß sie bloß stumm da. Am Ende der sechsten Stunde, im Matheunterricht von ‚Krachi’, stand ein schwarzhaariger Junge namens Max auf. „Hey Leute, am Samstag in zwei Wochen steigt bei mir eine fette Party. Alle sind eingeladen. Mit Ausnahme der Lehrer." Die Klasse grölte und klatschte in die Hände. „Sauber!" Tilmann stand auf. Er war der Zwillingsbruder von Lukas, der jetzt auch aufsprang.

Seufzend packte ihr Klassenlehrer seine Sachen zusammen. Die Jugendlichen waren nicht mehr zu bremsen. Sie überlegten schon, was sie alles machen würden, als Max einwarf: „Aber Anne muss auch kommen." Anne sah auf. Und die Mädchen schauten sie freundlich an. „Das stimmt, kommst du Anne? Du musst kommen! Bitte!" Anne schaute auf die Klasse, sah sich jeden einzelnen Gesichtsausdruck an und es schien ihr, als ob sie es ernst meinen würden.

„Okay, wenn bis dahin alles okay ist, dann gern!"

Tim schaute sie an. Anne war ein interessantes Mädchen. Ihre Augen waren je nach Lichteinfall mehr grün oder mehr blau. Und sie war schmal. Er hatte bisher alle Mädchen rumgekriegt, würde er es bei ihr auch schaffen?

Zwei Wochen später

Anne hatte ihren Lord Danger zu sich geholt und ihren Stiefvater dazu rum bekommen ihr noch den kleinen Wallach Merkur zu kaufen, gegen Stallausmisten und was noch dazu gehörte. Ihre Mutter fand das erst nicht so toll, doch Merkur wurde von Tag zu Tag hübscher und fraß auch wieder mehr. Anne kümmerte sich um die Beiden sehr viel, aber ließ die Schule nicht zu Kurz kommen. Carla war auch schon öfter bei ihr gewesen und hatte sich in den kleinen Fuchs verliebt. Als Anne und ihr Tierarzt festlegten, dass Merkur auch wieder regelmäßiger geritten werden dürfte fing Carla nach vier Jahren Pause wieder an mit reiten. Kurze Zeit später machten die beiden aus, dass Carla dreimal die Woche den Ponywallach bewegen solle.

Schon etwas selbstbewusster schritt Anne durch die Schule, hatte aber immer noch Probleme mit einigen Lehrern, die anderen Unterricht machten, als an der alten Schule und mit einigen Klassenkameraden.

„ANNE! CARLA IST DA. Und…" Die Stimme ihrer Mutter klingte ab. „UND EIN JUNGE!" Ihre Mutter hatte das Abholkommando vom Fenster aus gesehen und auch Anne lehnte sich raus, aber sie winkte.

„Hey ihr Beiden! Ich komm sofort raus, wartet eine Sekunde." Den anderen kannte sie nicht, nur die Hochsteckfrisur von Carla, sie hatte diese in einer Zeitschrift gesehen und sofort machen lassen. Den Jungen selber kannte sie nicht, doch vermutete sie, dass es der Freund von Carla wäre, von dem das Mädchen immer so schwärmte.

Und es stellte sich heraus, dass es Simon war. Carla passte gut zu ihm. Sie schaute ihn total verliebt an und auch er hatte nur Augen für die Schwarzhaarige.

„Tolles Kleid Anne! Woher hast du das?" Anne zuckte mit ihren Schultern. Sie wusste es nicht, das Kleid war ein Geschenk gewesen. „Hab ich geschenkt bekommen. Und dieses schwarz mit den Pailletten ist wirklich was besonderes, das stimmt. Ziehe ich heute zum ersten Mal an." „Wirklich?" Carla schaute sie an. Dieses Kleid musste öfter mal unter Leute, natürlich mit Anne zusammen. Denn das Mädchen machte darin eine Traumhafte Figur.

„Wollen wir gehen?" Simon deutete auf die Ausfahrt. „Wollen wir fahren?" Die Bayerin schaute auf den Carpark und deutete drauf. „Ich denke mein Stiefvater kann zumindest für wenige Minuten uns den Wagen ausleihen." Die beiden fanden die Idee gut. Max wohnte am anderen Ende von Bredeney und dahin war es für beide Mädchen in ihren Schuhen etwas zu weit und Simon hatte schon zwei Stunden selber Fußballtraining gehabt und dann noch die Bambinis trainiert. Er war also auch nicht mehr auf höchster Leistungsbereitschaft.

„Otto?" Einer der beiden Fahrer trat aus seiner kleinen Wohnung. „Wir müssten einmal bitte zur Wiedfeldstraße!" „Natürlich Fräulein Hausser!" Sie stiegen in das Auto ein und unterhielten sich angeregt über die Schule.

Simon war auf dem Theodor-Heussgymnasium in einem anderen Stadtbezirk. Und konnte nicht immer mitreden, aber wenn er grad nicht redete, streichelte er ihren Nacken oder ihren Rücken mit größter Zärtlichkeit. Anne sah die Szene mit einem Lächeln auf dem Gesicht, doch in ihr regte sich auch ein wenig Neid. Sie wollte auch wieder in den Arm genommen werden und nicht nur sehen, dass ihre Mutter wieder glücklich war.

„Hey Anne, hörst du uns überhaupt zu?" Anne schreckte aus ihrem Denken auf und nickte. „Ja, eigentlich schon. Aber ich war mit meinen Gedanken woanders." Der Motor der Limousine ging aus und die Türen auf. „Endstation die Damen und der Herr!"

Sie standen vor einem beleuchteten Haus, aus dem laut Musik klang.

„Wenn der so weiter macht haben wir in zehn Minuten schon Nachbarn hier stehen", behauptete Anne und sah kritisch zu der kleinen Villa. „Ich glaube nicht!" Hinter ihr stand Tim und schaute amüsiert zu dem Trio. „Die sind alle im Urlaub oder heute Abend weg. Das hat Max gut ausgecheckt." „Na dann, lasst doch nicht weiter hier rum stehen." Simon hatte Carla seinen Arm um die Hüften gelegt und Tim nahm Anne am Arm und gemeinsam schellten sie an der Tür.

Das erste was sie gesagt bekamen war: „Seht alle toll aus! Hier habt ihr jeder eine Flasche Bier."

Max war schon leicht angetrunken. Um acht Uhr abends schon und die Feier sollte doch erst jetzt losgehen.

Tim beugte sich zu dem Klassenkameraden: „Sag mal, Ax, hast du etwas zuviel hinter die Binde gekippt?" „Nein, eine Flasche Stauder und nen bisschen Sekt." Das ‚bisschen’ klang sehr ironisch und schnell begrüßte Max auch schon die anderen Gäste, die gerade im Hauseingang standen.

„So eine Nachbarschaft ist schon stark!"

Die Party war ein voller Erfolg und Anne, selbst als Neue, wurde gut integriert. Sie war trinkfest und scheute nichts, außerdem wurde sie dadurch weniger scheu und traute sich auch was.

„Hi." Ein braunhaariger, sehr schlanker und muskulöser Junge stand neben ihr. „Ich hab gehört du bist die Neue. Ähm Anne oder? Ich bin Timo oder für andere Sepp." Das Mädchen musterte Timo. Er war wirklich fesch, braun gebrannt und mit kurzen Haaren. „Ja, ich bin Anne. Und woher kommst du?" „Ich bin auch einer deiner Nachbarn. Ich geh jedoch in die zwölfte Klasse der Goetheschule." „Ah ja." Anne fing eigentlich das Gespräch zu langweilen an, als er auf ihre Pferde zu sprechen kam. „Du hast deine Pferde vom Auerhof, richtig?" Dafür erntete er verblüffte Blicke. „Ja, woher weißt du?" „Ich bin mit dem Sohn des Hofbesitzers befreundet, habe auch dort ein Pferd stehen und kannte Lord Danger sehr gut." „Bist du ihn schon geritten?" „Ja und ich habe echt Probleme mit ihm gehabt." Sein Gegenüber lachte: „Ich bisher kein einziges Mal. Irgendwas muss ich falsch machen." Sie griff nach einer Flasche Stauder und ging mit Timo auf eines der Sofas. „Oh, ich glaube du machst alles richtig! Die anderen machen etwas falsch. Du bist leicht, zierlich, vielleicht findet er das toll." Das Lächeln fiel warm aus. „Wollen wir mal zusammen reiten gehen? Ich denke dich mit dem Hänger abzuholen wird kein Thema sein, wenn ich Herrn Mai einfach bitte. Und dann gehen wir einfach zwischen Werden und Kettwig ins Gelände. Wäre doch auch eine Abwechslung." Das Gespräch fing an interessant zu werden. Er erzählte ihr viel über die Gegend und der Alkohol löste auch ihre Zunge. Als es schon nach zwei Uhr morgens war, lehnte sie an Timos Schulter, immer noch mit etwas zu trinken in der Hand und döste eine kleine Runde.

Tim hatte die Szene beobachtet und merkte, dass Anne richtiges Vertrauen fasste und das passte ihm gar nicht. Er sah die Kleine fast als ‚seins’, obwohl er sie wenn überhaupt einmal am Tag wirklich wahrnahm.

„Timo, kleine Zeit zur Ablösung." Doch Timo dachte nicht dran. Sein Arm legte sich um ihre Schulter. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Die gebe ich doch sicher nicht an dich weiter! Nein Tim, tut mir Leid. Such dir eine andere mit der du spielen kannst. Schau dich da hinten mal bei Lara und so um. Die fallen doch gerne auf deine Machenschaften rein." Tim hob die Faust, doch Timo winkte schon ab. „Das bringt doch nichts. Du hast schon viel zu viel intus und ich glaub ich nicht mal die Hälfte von dir. Also lass es Tim." Tim schaute auf Anne runter.

Ihre Haare fielen ihr leicht ins Gesicht und sie sah seelenruhig aus.

„Denkst du ich will alle Mädchen nur flachlegen?", schrie Tim Timo an. „Nein, das habe ich nicht gesagt, nur dass du deine Finger bitte von ihr lässt." Wieder wanderte sein Blick von dem Gesicht des Gegenspielers zu ihrem. „Wieso, was willst du denn von ihr?" Die anderen Partygäste waren im Nebenraum, in dem auch Musik lief. Es war stiller geworden um sie herum. „Ich? Ich will nichts von ihr." „Was denn dann?" „Anne ist ein nettes Mädchen, das hab ich innerhalb von einer Stunde festgestellt und ich will nicht, dass du ihr wehtust!" „Das würde ich doch gar nicht. Ich will doch auch nichts von ihr. Ich habe doch eine Freundin." „Du hast eine Freundin? Die stellst du auch keinem vor, oder?" „Nein, eher nicht." Timo schüttelte den Kopf, er glaubte Tim kein Wort, aber das war schon so oft vorgekommen. Er kannte Tim aus dem Sandkasten und auch seine Angewohnheiten Mädchen gegenüber. Er passte seitdem auf jedes Mädchen irgendwie auf, dass nur in Tims Nähe kam. „Okay, okay! Beruhigt es dich, wenn ich zu den anderen rüber gehe?" Die Antwort war klar. „Ja, das würde es mich und vor allem auch, wenn du in der Schule deine Griffeln mal bei dir behalten würdest. Du hast doch sicherlich jetzt schon jedes dritte Mädchen aus den Jahrgängen acht bis elf flachgelegt, oder?" Der sechzehnjährige schüttelte den Kopf und ging aus dem Raum. Was beide Jugendlichen nicht wussten war, dass Anne ab einem bestimmten Zeitpunkt an wach geworden war. Sie hatte mitbekommen worum sich das Gespräch drehte und dass Tim ein absoluter Macho sein musste.

„Hey." Sie setzte sich aufrecht hin, den Arm von Timo immer noch auf ihren Schultern ruhend. „He…" Sein Gesicht wirkte etwas zerknirscht. „Du hast das Gespräch mitbekommen, gell?" „Ja… und was ich da gehört habe, hat mich dann doch etwas geschockt." „Das tut mir Leid. Aber es musste sein. Ich kenne Tim schon sehr lange und ich versteh einfach nicht, wieso er das macht, das macht er noch nicht sehr lange. Doch seit er das macht, ach es ist einfach irre." Das Mädchen wurde hellhörig. Schon von Natur aus sagt man ja Frauen nach sehr neugierig zu sein und auch auf Anne traf es zu.

„Seit wann denn?" „Na ja. Ich glaube seit eineinhalb Jahren. Da hat er seine große Liebe verloren. Und wenn ich groß sage, dann mein ich auch groß." Und da fing Timo an zu erzählen. Timo war seit seinem zwölften Lebensjahr mit einem Mädchen aus dem Bruckerholt zusammen gewesen und die war dann, grad als er fünfzehn wurde umgezogen. Sie hatten noch drei Wochen eine Fernbeziehung, doch dann ging es nicht mehr. Sie lebte inzwischen in Schottland und er immer noch in Deutschland. „Und deswegen will er sich das alles austreiben? Indem er alle rumkriegt? Hält er sich für so toll?" „Nein ich denke eher nicht. Es wird der Schmerz sein." Im Nebenraum spielte grade „You’ ll never walk alone" und Anne summte mit. „Ja, Trauer und Schmerz bringen selbst den tollsten und stärksten Kerl zum Schwanken." Sie schaute vor sich hin und setzte die Bierflasche nochmal an. „Mhm, es ist schon schwer." „Was meinst du?", fragte Timo nach. „Na ja, die Liebe und all so was." Sie bekam volle Zustimmung und erfuhr, dass Timo eine Freundin in Bayern hatte, die er über alles liebte und wo eine Fernbeziehung funktionierte. „Sollen wir mal an die frische Luft gehen? Der Rauch- und Biergestank ist doch sehr arg." Er zog Anne vom Sofa hoch und führte sie nach draußen. Es wehte ein frischer letzter Spätsommerwind und es roch schon fast nach Herbst. Bald würden die Sonnentage vorbei sein und der Regen würde wieder einsetzen. Sie hatten großes Glück, dass der Sommer sich lange hinzog. Man konnte noch die letzten Tage im Freibad oder beim Reiten im Gelände ausnutzen, ohne Angst zu haben, dass im nächsten Moment ein Regenschauer einsetzen würde.

„Und du? Warst du schon mal richtig verliebt?" Timo sah das Mädchen forschend an. „Ja das war ich. Doch als er erfuhr, dass ich weg ziehen würde, hat er die Beziehung beendet." „Was für ein Trottel. Nur wegen der kleinen Entfernung. Okay ohne Auto eine große, aber dennoch. Dann war es aber keine Liebe, oder?" „Inzwischen bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob es DIE Liebe war." Ihr Seufzen zerschnitt kurz die Stille der Nacht. „Und wenn, dann ist es trotzdem vorbei.

„Wieso hab ich das Gefühl, dass ich mich bei dir einfach fallen lassen kann? Die einfach alles anvertrauen kann, egal um was es geht?" Ihre Augen blickten fragend, doch er zuckte nur mit den Schultern.

„Keine Ahnung, tut mir Leid. Vielleicht bin ich einfach ein komischer Kerl." „Weiß eigentlich jemand, dass du eine Freundin hast?" „Nein. Bis auf dein Wissen und das von einem guten Freund auf der Schule." „Ach so." Die Blätter des Busches neben ihnen raschelten im Wind und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr. „Es ist komisch Leute kennen zu lernen, die dann kaum drei Stunden später den ganzen Lebenslauf kennen." Sein Lachen war ungeheuer reizend und vor allem genauso, wie es sich anhören sollte Annes Meinung nach. „Ja da magst du Recht haben Kleines. Aber es ist auch gut." Anne schaute sich um. So eine Gegend hatte sie noch nie gesehen. Wald und eine tolle Häuserreihe nebeneinander und vor dem Wald noch eine große Wiese. „Hier habe ich früher gewohnt." Timo deutete auf Hausnummer 15. Ein hübsches, dezentes Einfamilienhaus mit einem Rosenbeet. „Und danach sind wir umgezogen. War das ein Akt." Das konnte sich Anne lebendig vorstellen. Die Villen waren um einiges größer als dieses Haus und auch so ein Umzug war stressig. Timo legte seinen Arm wieder um ihre Schultern. „Dich friert es etwas, gell?" „Ja."

 

-4-

Es wurde ein längerer Spaziergang durch die Essener Nacht. Hier und da fuhr ein Auto, oder ein Hund bellte, aber ansonsten war es ruhig und Anne lernte so eine neue Seite an Bredeney kennen und so langsam fühlte sie sich wohl.

Als die beiden dann vor der Villa im Bruckerholt standen lächelte Anne. „Man, das ging ja schnell." „Ja."

Anne hatte sich eigentlich nur auf einen Spaziergang eingestellt, aber nicht, dass er sie einfach nach Hause bringen würde. „Äh, danke." Timo lächelte. „Bitte gerne. Bevor du noch deinen Fahrer aus dem Schlaf klingelst oder dich Tim nach Hause bringt." Er beugte sich zu ihr runter und gab einen Kuss auf ihre Wange. „Okay. Dann sehen wir uns Montag vielleicht in der Schule?" „Ich denke schon." Mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, machte sie sich auf den Weg zu der Villa.

„Da bist du ja." Ihre Mutter stand mit ihrem Morgenmantel bekleidet in der Haustür. „Ja." Sie schaute ihre Mutter erstaunt an. Um die Zeit noch wach? Das könnte doch eigentlich nicht sein, sie durfte doch solange weg, wie sie wollte. „Gut, dein Handy scheint ja nicht zu funktionieren." Hektisch durchsuchte Anne ihre Jackentasche. „Doch, aber, mist, es ist aus. Was ist denn los?" „Merkur hatte eine heftige Kolik." Anne schrie auf und rannte zu den Boxen, ihre Mutter etwas langsamer hinterher. „Wo ist er???" Die Box von Merkur war leer, nur die anderen Pferde standen drin und schauten um sich, wer sie denn mitten in der Nacht zum zweiten Mal stören würde. „Er ist in der Pferdeklinik. Der Tierarzt hat ihn mitgenommen. Wir können richtig froh drum sein, dass Otto nochmal hier war um nach den Pferden zu schauen. Eine halbe Stunde später wäre es zu spät geworden" Ihre Tochter sank mit ihrem Kleid auf den staubigen Boden. „Nein, nicht Merkur, wie konnte das passieren?" „Ich habe keine Ahnung. Wenn du willst fahren wir gleich noch in die Klinik." Das inzwischen weinende Mädchen stand auf und nickte. „Ja bitte."

Keine Fünfzehn Minuten später klingelten sie an der Nachtglocke der Pferdeklinik in Essen. Es sah schon komisch aus, zwei Frauen, eine gefasst, aber in Morgenmantel und eine weinende, sehr junge Frau, eigentlich noch ein Kind, in einem staubigen Kleid.

„Guten Tag. Wir sind die Besitzer von Merkur, der vor cirka einer Stunde hier eingeliefert worden sein muss.

Eine Frau in grünem Kittel schaute die Beiden an und wäre die Situation nicht ernst gewesen und unter anderen Umständen hätte sie lachen müssen und so ließ sie sich den Personalausweis von Frau von St. Claire zeigen und führte die beiden zu einer Box.

„Merkur, was machst du denn Süßer?" Der Wallach lag in der Box, sichtlich erschöpft und versucht nicht einmal den Kopf zu heben.

„Wenn er diese Nacht überlebt ist er über den Berg." „Was hat er denn eigentlich?" Die Tierärztin, die sich als Frau. Mergel vorgestellt hatte antwortete: „Strohkolik, aber eine schwere." „Wieso denn Merkur?" „Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Wohl aber, dass wir wirklich alles Mögliche getan haben. Geführt, Spritzen gegeben, und er will jetzt einfach nicht mehr aufstehen."

Der Fuchs schaute einmal hoch, als seine Besitzerin sich neben ihn kniete. Es war ein trauriger Blick, fast so, als wenn er sagen würde. „Lass mich gehen, lass mich endlich." Doch Anne wollte nicht, sie hing an ihrem Pony fast noch mehr als Lord Danger.

Entschlossen stand sie auf. „Tun Sie bitte alles was in ihrer Kraft steht. Mir ist nichts wichtiger, als das Leben dieses Ponies." „Wir tun alles, versprochen." „Danke." Auch ihre Mutter bedankte sich und führte ihre Tochter aus der Klinik heraus.

„Es wird schon alles gut werden! Die Ärzte sind zwar auch bloß Menschen, aber sie tun alles, was in ihrer Macht steht." „Du hast Recht Mom, wir sollten uns zum Schlafen begeben."

Der Mercedes rollte aus der Einfahrt der Klinik und fuhr die Beiden sicher nach Hause.

Am nächsten Morgen hatte Anne einen Brummschädel, doch gleich ihr erster Gedanke galt Merkur und dem Griff zum Telefon.

Irgendwo musste sie doch die Nummer von der Tierklinik haben. Kurze Zeit später hatte sie auch schon die Tierärztin am Apparat, die ihr versicherte, dass es Merkur schon etwas besser ginge. Doch sie machte trotzdem mit der Klinik aus, dass er noch ein wenig in dieser verweilen sollte. Sicher war sicher.

 

 

-5-

Sie besuchte mit Carla den Ponywallach jeden Tag einmal und man sah, dass langsam auch das Leben wieder in die Augen kam. Doch war sich Anne sicher, er würde nicht mehr so sein, wie früher. Irgendwas fehlte Merkur. Und es war nicht etwas körperliches, er strotzte sonst vor Gesundheit. Doch keiner konnte sich erklären, was dem Fuchs fehlte.

Anne grübelte darüber nach, doch sie hatte noch viel zu tun und einen Abend traf sich die Klasse in der Lieblingsszenenkneipe. Anne war erst nicht in Stimmung, hatte dann aber doch nachgegeben. ‚Es wäre doch ganz gut für die Klassengemeinschaft’ war das Argument von Carla gewesen.

Und auch deswegen war Anne mitgekommen. Sie hatte immer noch etwas Respekt vor dem Umgang in der Klasse. Ihr war es einfach noch nicht ganz geheuer, dass die Jungen sich mitten im Unterricht stapelten oder dass sie mitten im Unterricht Brausepulver durch die Nasen zogen.

Tim hatte sich seit der Party immer weiter zurückgezogen. Er machte keinen Blödsinn mehr. Der Unterricht wurde nicht mehr durch ihn, sondern nur durch die anderen gestört. Er hatte seit dem Vorfall mit Timo nicht ein Wort mehr mit Anne oder einem anderen Mädchen gewechselt. Sie hatten es alle registriert und sich trotzdem gewundert. Noch nie hatte es einen Tag in ihrem Leben gegeben, an dem sich Tim wie ein zivilisierter Jugendlicher aufführte. Ohne irgendein fieses Wort, ohne Anmachen, sondern er lebte nur. Auch wenn kein Mensch das wirklich merkte. Irgendwie stand er neben sich.

Auch jetzt, als sie im ‚Extrablatt’ waren, saß Tim stumm neben Anne, die sich gerade lauthals mit Lukas über „Krachi" aufregte.

Sie hatten eine Mathematikarbeit geschrieben über Logarithmen und keiner hatte die Aufgabenstellung verstanden. Der Durchschnitt der Klasse lag bei 4,1. Selbst Klassenbester in Mathe und Liebling von Dr. Krach hatte bloß eine drei. Und Lukas, der sonst immer bei zwei- drei stand hatte sich eine 5- eingehandelt.

Anne war relativ zufrieden mit ihrer 3-. Doch sie konnte alle Klassenkameraden verstehen, die sich ärgerten.

„Wie kann der bitte solche Sätze dahin schreiben?", ereiferte sich Lukas und Anne zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Bei mir war das reine Glückssache, dass ich überhaupt irgendwas habe!" „Na ja, du bist Bayerin. Ich denke bei euch war es auch nicht viel anders." „Nicht viel, aber etwas. Kein Wunder, dass Krachi Deutsch in der Schule nicht mochte." Lukas meinte bloß: „Da hastes’" Und Tim nickte, während er die Tischplatte anschaute. Auch nach langem Anschauen konnte Anne auf dieser nichts ausmachen, was sie Sehenswert gemacht hätte.

Der Kellner kam und stellte vor die Jugendlichen Bier und Cola ab.

„Hey, was ist mit dir los." Tim spürte einen unangenehmen Schienbeintritt von seinem Vordermann. „Nix, lass mich einfach." Er sah Anne von der Seite an. Sie war an diesem Abend ausgezeichnet geschminkt und die rot-rosa karierte Bluse stand ihr wunderbar. Das rot-braune Haar fiel ihr locker über die Schultern und ihre blauen Augen blitzten förmlich in der Kneipe. Er könnte sich selber ohrfeigen, für das Auftreten auf Max Party. Er hatte keine Freundin und er hatte auch nicht vor sich eine zuzulegen. Eigentlich war seine Nase für die nächsten 100Jahre voll mit Frauengeschichten, die er vergeigt hatte. Und die einzige Frau, bzw. das einzige Mädchen, welches er jemals geliebt hatte, dass hatte ihn nach Strich und Faden, nach ihrem Umzug nach Schottland, an der Nase rumgeführt. Seine Hand ruhte neben Annes Hand, sein Arm berührte ihren und da war es, das Gefühl. Leichtes Bauchkribbeln.

‚Idiot’, schalt er sich selber, ‚Du willst doch eh nichts von ihr. Wieso hast du dann Probleme damit neben ihr zu sitzen?’.

Er stand auf und nahm die Schachtel Zigaretten, die Max neben sich gelegt hatte.

„Bin gleich wieder da", hörte man ihn noch murmeln und verschwand.

„Was macht der?" Anne schaute ihm ungläubig hinterher.

„Der geht eine Rauchen. Aber er hat doch noch nie geraucht." Lukas zog die Stirn in Falten.

„Besser, wenn ich ihm hinterher gehe. Sein Alkoholspiegel ist auch nicht grade der Beste." Doch er wurde von Anne zurück gehalten. „Ich geh schon. Lass mal, du hast auch schon was intus. Ich nicht. Bis gleich."

Damit verließ sie das Extrablatt. Doch auf den ersten Blick fand sie Tim nicht. Etwas weiter weg, in einer der Seitengassen stand er, angelehnt an eine Häuserwand. Anne sah das glühende Ende der Zigarette schon von weitem und auch das Husten konnte sie gut hören. Er vertrug es eindeutig nicht so gut.

„Tim?" „Was willst du denn hier?" Der Ton war ruppig, auf Abstand haltend. „Erstens, fahr mich nicht so an! Und zweitens, ich fange an, mir Sorgen um dich zu machen." „Ach, um mich?" Ein Lachen erklang und wurde gleich in einem erneuten Hustenanfall erstickt. Mit drei großen Schritten war Anne bei ihm und riss ihm die Zigarette aus der Hand. „Ja um dich!" Tim sah weg. „Geh." „Was?" „Geh bitte." Anne starrte ihn ungläubig an. „Was soll denn die Tour?" „Du kennst mich erst seit knapp vier Wochen. Du weißt wie ich drauf bin, durch Timo. Lass es bleiben und tu dir selbst den Gefallen. Zieh Leine." Enttäuscht schüttelte Anne den Kopf und drehte sich um. „Ich hätte nie gedacht, dass du wirklich so bist wie alle sagen."

Und damit ließ sie ihn stehen. Wohin sie lief wusste sie selber nicht. Sie kannte sich in Essen noch nicht aus. Die Straßennamen sagten ihr alles nichts. Sie wusste nur wenige Dinge, der Bahnhof lag in die Entgegengesetzte Richtung und auch das Extrablatt hatte sie im Rücken. Plötzlich stand sie mitten in einer Gasse, neben sich Geschäfte, in deren Schaufenstern die merkwürdigsten Dinge stapelten.

Sie bekam Angst. Neben ihr standen Schaufensterfiguren mit aufgerissenen Beinen, abgerissenen Armen und ähnlichem. Ein Totenkopf lag zur Dekoration auf einem Tisch. Es war schon sehr beängstigend und Anne hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sie war.

Hinter ihr erklangen Schritte, sofort schrie sie auf.

„Pscht, ist ja gut." Und Anne fiel sofort dem Sprecher in die Arme. Es war niemand anderes, als Timo.

Er war auch im Extrablatt gewesen und war ihr gefolgt, als sie einfach aufstand und ging. Vorher hatte er aber schnell ihre Zeche bezahlt.

„Was…?" „Ich hab mir Sorgen um dich gemacht." Ihre Hände krallten sich in seine Schultern. „Ich hab Angst", presste Anne nun hervor und drückte sich eng an den Jungen Mann.

Mit Beruhigenden kreisenden Bewegungen streichelte er ihre Schulter. „Sei unbesorgt und vor allem, sei ganz ruhig. Wir sind hier in Essens dunkelstem Viertel. Niemand ist hier gerne. Zumindest nicht bei Nacht." Er nahm vorsichtig ihre zartgliedrige Hand. Die Verwunderung darüber, dass eine Reiterin so zarte Hände hatte, verstieß er aus seinen Gedanken.

Das braunhaarige Mädchen zitterte am ganzen Leib und er führte sie vorsichtig zurück in die Helleren Straßen.

„Soll ich dich nach Hause fahren?" „Ja, bitte." Mehr konnte sie nicht sagen. Sie wollte sich nicht ausmalen, was alles hätte passieren können, wenn sie weitergelaufen wäre, doch irgendwie ließ sie das alles nicht los.

Als beide im Auto saßen, wollte der Motor erst nicht anspringen. Timo fluchte ein wenig und schlug aufs Lenkrad. Nach fünf Minuten sprang er endlich an.

„Ich muss dringend in die Werkstatt mit dem Wagen." „Solltest du heute nicht in Bayern sein?", wechselte Anne schlagartig das Thema, als ihr sowohl Wochentag wie auch Datum auffielen.

„Schon", druckste er etwas herum. „Aber?" „Na ja, wir haben eine Auszeit." Anne stockte kurz der Atem, als sie sah, dass sie in ein Fettnäpfchen getreten war.

„Schuldige." „Nein, macht nichts." Vorsichtig und nicht zu aufdringlich erkundigte sie sich nach den Gründen.

„Sie hat in Bayern einen Studenten kennen gelernt. Und jetzt ist sie sich nicht sicher, was sie will. Beziehungsweise, wen sie will." Er starrte durch die Windschutzscheibe und auch Anne schwieg.

„Das tut mir Leid." „Brauch es dir nicht. Du bist schließlich nicht der Grund dafür." Eine Kleine Pause später: „WIESO WOHNT SIE DA???? WIESO ER… UND NICHT ICH?" Besänftigend bekam er von Anne eine Hand auf den Arm gelegt. „Darauf kann ich dir leider keine Antwort geben."

Sie waren schon in Bredeney angekommen und Timo setzte den Blinker zum Bruckerholt Viertel.

„Lass bitte nicht weiter drüber reden. Es tut zu weh." Sie nickte.

Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Schon lange stand der Wagen vor der Einfahrt des St. Claires’ Grundstück.

„Willst du eben noch mit reinkommen? Ich könnte dir die Pferde zeigen." Timo ließ sich das nicht zweimal sagen und stieg aus.

„Ihr wohnt wirklich schön!" „Danke sehr. Ich bin auch sehr froh, dass ich hier wohnen kann. Na ja, eigentlich würde ich lieber richtig auf dem Land wohnen, aber nun ja, was man nicht hat, hat man nicht." Sie spürte plötzlich seinen Arm auf der Schulter. „Wo du recht hast."

Ohne nachzudenken ließ sie es zu, dass er sie näher an sich ran zog.

„Schau Mal, der Mond!" Er deutete gen Himmel und lächelte. Es war Vollmond und dieser schöne weiße Mond leuchtete kräftig und es sah fast so aus, als wenn er etwas amüsiert wäre. „Der Mond ist wunderschön." „Natürlich ist er das." Leise lachte Timo auf. „Schon allein, weil er so etwas mystisches an sich hat!", führte er seine Gedanken weiter. Sie blieben stehen und Timo nahm Anne in den Arm. „Du bist etwas Besonderes." „Bin ich das?" Zweifelnd schaute sie ihm in die Augen. „Ja. Das Besondere an dir ist, dass du einen glücklich machst, bloß durch Anwesenheit." Mit kreisenden Bewegungen fuhr er ihr über den Rücken. Anne verstand nichts mehr. Er liebte seine Freundin in Bayern, aber er machte ihr solche Komplimente.

Da klingelte ihr Handy. „Ja?...Tim? Wieso rufst du mich an... In zwei Stunden? Ja kannst du machen, ciao… ja bis gleich." Sie legte auf und schaute noch verblüffter als vorher.

„Tim kommt in zwei Stunden mal vorbei." Ihre Uhr zeigte neun Uhr abends. „Willst du einen kleinen Nachtausritt machen? Einmal das Grundstück umreiten? Ich hab Lord Danger bisher heute nur longiert, weil er leicht hustete. Aber so im Schritt…" Timo nickte, ließ aber seinen Blick nicht von Anne und sein Arm ruhte weiterhin auf ihr.
"Gehen wir."

Das Schnauben der Vierbeiner hörte man schon vorm Stall und auch ein leises Gekaue. „Du kannst Rufus nehmen." Der Friese stand fast dösend in seiner Paddockbox und horchte erst auf, als Anne diese betrat.

„Hey Dicker. Das hier ist Timo. Ich will dich ja echt nicht stören, aber so ein kleiner Nachtritt macht Spaß." Damit nahm sie ihn am Halfter und führte ihn raus. „Bitte, den darfst du reiten." Timo übernahm und fing an den edlen Rappen mit dem bereitgestellten Putzzeug zu säubern. Rufus war neu zu den Pferden hinzugekommen. Manni hatte das Barockpferd bei einem Händler laufen gesehen und konnte nicht widerstehen. Doch selbst Annes Mutter konnte es bei diesem Pferd verstehen. Er war Eleganz und Kraft in einem. Und das schönste war für sie auch noch, dass er eingefahren war, denn Annes Mutter hatte selber den Fahrschein für Einspänner gemacht gehabt in Bayern und Rufus hörte dazu noch eins a mit Sternchen.

„Reitest du Lord Danger?" „Ja, wie gesagt." „Sorry, ich vergaß!" Er entschuldigte sich mit einem Kuss auf die Wange. „Schon okay. In deinem Alter ist das mit dem Alzheimer wahrscheinlicher, als dass du etwas behältst."

Das Zaumzeug der Pferde lag bereit. „Lass ohne Sättel reiten. Denn wir haben bloß Jeans an und das mit einem Sattel zu kombinieren ist manchmal nicht so toll!"

Er nickte bloß, zum sprechen war er in diesem Moment nicht fähig, denn er sah, wie Anne und Danger miteinander umgingen. Er hatte keinen Führstrick dran, noch nicht einmal ein Halfter und er blieb stehen. Schaute sich ab und an nach dem Mädchen um, doch er tat nichts. Auf dem Auerhof war dies nicht denkbar gewesen. Der stolze Wallach hatte keinen an sich heran gelassen, noch nicht mal wenn er kurz angebunden war, war er stehen geblieben. Anne musste etwas Beruhigendes an sich haben. Nicht nur auf Lord Danger wirkte sich das aus, sondern auch auf ihn selber.

„Hier." Anne deutete auf eine kleine Treppe. „Von da aus kann man sich gut auf den blanken Pferderücken schwingen." Bevor er antworten konnte, hatte sie Lord Danger aufgezäumt, in Sekundenschnelle und sich auf den Rücken geschwungen. „Wieso ließ er denn bis jetzt keinen an sich ran, aber dich?" „Keine Ahnung. Vielleicht suchte er wen, der er Vertrauen konnte. Ich möchte, dass mir meine Pferde vertrauen." Wieder nickte er. „Ach, sag doch auch mal was." Timo griff in die Mähne von Rufus und schwang sich auch hoch. „Hat der einen bequemen Rücken." „Na also, geht doch."

Sie trieben ihre Pferde an und ritten im gemütlichen Schritt über das Grundstück.

„Du bist ein klasse Mädchen." „Danke!" Etwas schüchtern schaute sie ihn an. „Wirklich! Ich wünsche mir manchmal, dass es mehr Mädchen von deiner Sorte gäbe. Aber das ist dann leider nur Wunschdenken." Bevor Anne antwortete schaute sie in den Mond.

„Du bist auch ein toller Kerl." Kurz überlegte sie. Er hatte eine Freundin, aber eine Auszeit. Er sah gut aus, war älter als sie und war absolut verständnisvoll. Auch diese ganzen Komplimente, die kamen alle von Herzen, doch was sollte sie damit, es waren immer noch Komplimente, auf die sie nicht bauen konnte. Zumindest nicht so bauen konnte, wie sie es sich wünschte.

Sie ließ Lord Danger am langen Zügel laufen und er streckte sich zufrieden aus. „Die Pferde haben ja ein irrsinniges Glück hier zu sein", versuchte Timo ein Gespräch in Gang zu bringen. „Meinst du? Weil sie am Haus stehen?" „Ja auch. Aber auch, weil ihr hier eines der größten Grundstücke, man könnte schon sagen fast Parkanlagen, habt!" „Ach alles Manfreds, also meinem Stiefvater, zu verdanken. Der hat massig Kohle und meine Mutter verdient auch nicht schlecht. Und trotzdem. Ich verlauf mich in unserer Villa. Ich war in München so glücklich. Mit einem kleinen Häuschen und so. Und jetzt?" Anne deutete auf das Wohngebäude. „Es ist gut, dass du hier wohnst." Zärtliche Blicke ruhten von ihm auf ihr. „Sicher?" „Ja." Timo trieb Rufus nah an Lord Danger heran. „Tut mir Leid." Schnell beugte er sich zu ihr rüber, solange die Pferde dicht nebeneinander liefen und küsste sie schnell. „Deswegen das ‚es tut mir Leid’." Total perplex schaute sie ihm in die Augen. „Was… wieso… hab ich was verpasst?" „Schuldige bitte", brachte er nur hervor.

„Was ist denn los?" „Ich weiß nicht. Ich weiß auch grade nicht, wieso ich das getan hab."

Immer noch verwirrt ritten sie weiter. „Da küsst du mich einfach und dann so was." „Was und so was?" „Ach, dann weißt du nicht wieso." „Es tut mir Leid, okay? Einfach Leid!" Er war nicht bereit ihr zu sagen, wieso er sie küsste.

„Okay, wenn du mir das schon nicht sagen willst, dann küss mich bitte nochmal, damit ich sehe, dass es wahr war. Und nicht irgendwie geträumt." Und zum zweiten Mal beugte sich Timo zu der Schülerin rüber und küsste sie. Diesmal mit Zunge und länger, bis Lord Danger zuviel bekam und zur Seite sprang. „War das genug?" „Es passt."

Sie waren schon einmal um das Grundstück herum geritten und Lord Danger hüstelte wieder etwas. „Lass ganz zurück reiten, die Pferde versorgen und dann bekommst du noch einen Tee oder Kaffee."

 

-6-

Timo und Anne saßen nur eine halbe Stunde später auf ihrem Zimmer und kuschelten. Das Mädchen wusste, dass er noch eine Freundin hatte, doch sie tat nichts dagegen. Zu sehr hatte sie sich nach Zärtlichkeit gesehnt.

„Wenn ich nicht ein bisschen Alkohol intus hätte, würde ich aufspringen und mich fragen, was ich hier eigentlich tue." Timo schaute sie an und dabei sehr tief in die Augen. „Ich auch." Und trotzdem küsste er sie wieder.

„Oh, Entschuldigung, störe ich etwa?" In der Tür stand niemand anderes als Tim. Als die beiden Jugendlichen sich zu ihm umdrehten, schrak er auf. „DU? HIER? DU KÜSST…?" Timo sprang auf. „Es ist nicht so wie du denkst!" „Nicht wie ich denke? Sie sitzt nur noch in BH und Hose auf dem Bett und ich soll mir nichts denken?" Anne zog erschrocken ihre Decke hoch. „Bitte Tim, denk dir nichts." „Doch ich denke mir meinen Teil! Timo HAT eine Freundin, er LIEBT seine Freundin. Zumindest gibt er das vor." Und mit einem Seitenblick auf Timo meinte er: „Ich soll ein Macho sein? Du machst mit einer anderen rum? Das hätte ich nie von dir gedacht." „Tim!" Beide, auf dem Bettsitzenden Jugendlichen, riefen ihm hinterher. Doch Tim war schon verschwunden. Gekränkt im Stolz und verletzt. Er wollte Anne immer noch rumkriegen. Immer noch, obwohl er wusste, dass sie von seinem Ruf als Stecher wusste und schon allein deswegen nicht mit ihr redete.

Drinnen zogen sich die ‚Ertappten’ wieder an.

„Tim hat Recht, es war ein Fehler." Anne stand vor Timo und blickte ernsthaft drein. „Es war wirklich ein Fehler. Aber na ja, irgendwo hat es auch was gebracht." „Ja?" „Ja. Es tat gut. Du bedeutest mir irrsinnig viel, aber ich weiß nicht, wir können da nicht weiter machen, oder?"

„Besser ist nicht." Timo nahm ihre Hände in seine. „Ich glaube auch Kleines."

Damit stand er auf, umarmte noch mal ‚die Kleine’ und lächelte. „Wir müssen Tim danken." Anne lächelte zurück. „Du hast Recht. Werden wir auch noch. Wer weiß, was wir sonst noch getan hätten!" Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Schieben wir es dem bösen Alkohol zu." Ihr Blick wanderte auf die geleerte Heidelbeerweinflasche.

„Gut." „Dann bis übermorgen in der Schule."

Seufzend ließ sie sich zurückfallen. Heute war einfach nicht ihr Tag. Stress mit Tim war vorprogrammiert und bei Timo konnte sie nur hoffen, dass es seine Freundin nicht erfahren würde, oder noch besser, dass die beiden wieder zusammen kämen. Doch all das stand in den Sternen.

Doch wieso eigentlich Stress mit Tim. Er war doch einfach reingeplatzt und hatte sich dann ein falsches Bild gemacht. Mit dem letzten Gedanken bei Tim schlief sie fest ein und erwachte erst morgens von einem starken Stechen im Kopf.

„Mist, darf nicht wahr sein."

Ihr Telefon klingelte und als sie sich meldete kam auch schon die Stimme ihrer Mutter.

„Hi Schätzchen!" „Morgen Mama." Ihre Mutter zwitscherte lauter in den Höher, als es eine ganze Vogelschar könnte.

„Manni und ich wollen nachher zu einem kleinen Geschäftsessen nach Düsseldorf. Könntest du die Pferde übernehmen?" Anne seufze und lehnte sich nach hinten in ihr Bett. „Muss das sein?!" „Ja bitte. Tim kommt auch rüber und hilft dir." Tim, ausgerechnet Tim. Der konnte doch gar nicht reiten. „Wie ihr meint. Ich versuch aber noch ein wenig zu schlafen. Mein Kopf dröhnt!" Sie hörte das Lachen ihrer Mutter und Manni, sie mussten Lautsprecher anhaben. „Na ja, die Heidelbeerweinflasche hatte ja auch nicht grad wenig drin. Na ja gut, schlaf noch eine Runde, Aspirin leg ich dir auf den Küchentisch. Bis später!" Und schon tutete es bloß in der Leitung.

Anne spielte mit einer ihrer Haarsträhnen. Tim sollte ihr helfen. Wo sie sich doch so gewünscht hatte, dass er am Montag in der Schule fehlen würde, dass sie ihm nicht über den Weg laufen müsse.

Tim wusste ganz genau von Timos Freundin in Bayern. Er kannte sie auch und er hätte nie gedacht, dass Timo sich von Alkohol zu einem Schritt wie diesem verleiten lassen würde. Anne hatte nicht die geringste Lust aufzustehen. Die Welt drehte sich und sie wusste nicht, ob sie zuerst zur Toilette rennen sollte oder die Tablette schlucken sollte. Sie entschied sich für die Toilette und erbrach sich. Damit hatte sie nicht gerechnet, immer dachte sie, bei Alkoholunverträglichkeit würde man sich sofort übergeben müssen, doch soviel später?! Sie duschte sich um endlich wacher zu werden und zog sich ihre Stallsachen an. Das Aspirin lag neben ihrem Croissant und einem Brief.

„Tut uns Leid, dass wir so schnell wegmussten. Tim war gestern Abend kurz hier und ich hab ihn gefragt, ob er sich ein paar Euros verdienen möchte. Er wollte. Außerdem scheint er sich mit Pferden auszukennen. Viel Spaß euch beiden! Kuss und Gruß Mutti und Manni!"

„Viel Spaß", lachte Anne. „Die hat einen Humor." Schnell schluckte sie das Aspirin, nahm ein Katerfrühstück zu sich und ging in den Stall.

„Morgen ihr Hübschen. Wisst ihr was? Morgen hole ich Merkur zurück. Ich wette er möchte auch zurück zu euch. So allein in der Tierklinik ist es doch nicht so toll."

Mit einem Seufzen öffnete sie die Boxentür von einem schönen Rappen. Der Hannoveraner hieß Favorite Boy und gehörte Manni. Ein Turnierpferd mit tollen Ambitionen, der ich Bereich des Springens einiges abräumte.

„Misten tu ich gleich, wenn Tim da ist, der kann mir gefälligst helfen, wenn er schon dabei Geld verdient.

Sie nahm Favorite Boy am Halfter und führte ihn raus. Seine Boxennachbarin, eine bildhübsche Trakehnerstute scharrte mit ihren Hufen, da ihr persönlicher Freund von ihr weggebracht wurde.

„Mein Gott, Gwendoline! Er kommt doch wieder." Gefüttert waren die Pferde schon und Anne holte sich Boys Putz- und Sattelzeug und fing an den Rappen auf Hochglanz zu bringen. Für das letzte Turnier in der Saison hatte sie sich mit Danger und Boy melden lassen. Mit Lord Danger bloß eine kleine A-Dressur und mit Boy ein L-Springen. Zwar war Boy schon Prüfungen bis Grand Prix gegangen, aber Anne war noch nicht so weit und hatte auch die entsprechenden Abzeichen noch nicht.

„So, wollen wir mal etwas trainieren, bevor der Stunk kommt." Sie nahm die Zügel des Wallachs und führte ihn zu dem Viereck, das kurz hinter den Paddocks lag. Als sie gerade aufsaß, sah sie Otto und einen jungen Mann um die Ecke biegen. Wie es sich heraus stellte, war es niemand anderes als Tim.

„DU hier? Ich dachte, du wärest mit auf dem Geschäftsessen!" „Was soll ich denn da?" Ebenso patzig, wie er sie angefahren hatte, reagierte sie. „Was weiß ich. Also was kann ich tun?"

Anne überlegte. „Weißt du was. Ich will grad ein wenig mit Boy trainieren. Falls Stangen runterfallen, könntest du die aufheben und vielleicht auch ein wenig auf meinen Stil schauen." „Man, ich dachte ich wäre hier zum Misten, Putzen und longieren und nicht als dein Knecht!" Langsam wurde Anne sauer. Was bildete er sich eigentlich ein? Das er sie in der Hand hätte? War das seine Rache für die letzte Nacht? Wofür es eigentlich keine Rache geben sollte.

„Spinnst du? Es geht um fünfzig Euro, oder mehr. Entweder du packst es, oder du kannst die Kohle vergessen!" Ärgerlich drückte sie ihre Waden in den Bauch des Wallachs, der erschrocken von der Reaktion einen großen Satz nach vorne machte und schnaubte.

„Sorry Boy, du bist nicht das Arschloch, sondern er." Flüsternd entschuldigte sie sich bei dem Wallach.

„Okay, okay." Tim zwängte sich durch die Absperrung und setzte sich auf einen der Plastikhalter. „Dann fang an."
Anne sah wie mürrisch er war, ging jedoch nicht darauf ein. Nach ungefähr fünf Minuten Schritt, trabte sie ihn an und ritt Schlangenlinien, Zirkel und ähnliche Bahnfiguren. Boy war sehr ruhig und gelassen. Er tat nichts, was er nicht sollte und Anne, die eine sehr feinfühlige Hand hatte, kam gut mit ihm klar. „Legst du mir bitte ein kleines Kreuz dahin." „Sonst noch irgendwelche Wünsche."

Anne parierte abrupt durch. „Ja, wenn wir schon bei Wünschen sind. Was hattest du letzte Nacht." „Ey, wenn du mir mit dem Thema anfängst, dann geh ich gleich wieder." Er schaute sie sauer an und legte das Kreuz hin. „Bitte sehr Madame." Anne schüttelte den Kopf und trabte wieder an. Nach wenigen Sprüngen im Trab, galoppierte sie an und sprang auch das Kreuz mehrmals in der Gangart.

Sie sah Tim an, der immer noch mürrisch auf diesem Stück Plastik saß, jedoch Pferd und seine Reiterin zu beobachten schien.

Anne trieb nochmals an und ihre Augen hefteten sich auf einen Steilsprung, welcher ungefähr ein Meter zehn hoch war. Mit Leichtigkeit und viel Luft dazwischen sprang er drüber. Anne lächelte und lobte.

Der nächste Sprung war eine kleine Trippelbarre in 1,20m. Für Boy waren das alles keine Sprünge und doch nahm Anne ihn so ran, dass er schwitzte.

Und selbst Anne wuchs über sich hinaus. „Tim, leg bitte die Steilkombination auf ein Meter fünfzig."

Dafür kassierte sie einen sehr verdutzten, doch ebenso respektvollen Blick. „Denkst du, dass du es schaffst." „Ich muss nur in den Bewegungen mitgehen. Dann klappt alles." Sie ritt im Galopp einige Male durch die Bahn, übersprang noch einen Oxer mit Stangenhöhe von 1,20m und ritt dann auf die Kombination zu. Ihr Adrenalinspiegel war im Unendlichen und sie musste aufpassen, dass es sich nicht auf Boy auswirkte. Grade rechtzeitig presste sie die Beine zusammen und Boy sprang ab. Es war wie fliegen. Doch beim zweiten Hindernis passierte es. Boy stolperte und Anne flog, schneller als sie reagieren konnte, durch die Luft. Ein Schrei ließ Tim erst richtig begreifen, was passiert war. Anne war mitten im Sprung gelandet, der über ihr zusammen krachte.

„Scheiße!" Mit drei Schritten war er bei ihr. Er räumte die Stange, die auf ihr lag, sofort herunter. „Fuck, ANNE!" Er nahm sie am Handgelenk und suchte ihren Puls. Ein Glück, er schlug noch. Doch sie hatte ordentlich etwas abbekommen. Auf ihrer Stirn prangte eine Platzwunde und ihr Arm war komisch abgeknickt. Ihre Lippe war aufgeplatzt und sie war ohnmächtig.

Favorite Boy kam angetrabt mit hängenden Zügeln und schnaubte seine Reiterin an. „Geh weg." Tim schubste das weiche Pferdemaul zu Seite und suchte sein Handy. „Nein, grade, wenn man es mal brauch, liegt es zuhause." Er sprang auf.

„Nicht rühren." Schnell packte er Boys Zügel, stellte ihn aufgesattelt in seine Box und rannte zum Haus. Trotz Sturmschellens öffnete keiner.

„Wenn Sie die Hausherren und die ganzen Bediensteten suchen, die sind leider nicht da. Die Hausherren sind bei einem Geschäftsessen und die Anderen haben frei bekommen." Tim starrte den Mann an. Er musste Anfang dreißig sein und wirkte sehr fein. „Ist egal. Ich brauche nur wen mit Handy!" „Wieso, was machst du eigentlich hier?" „Für Fragen haben wir später noch Zeit. Jetzt brauch ich Taten. Anne, Tochter der Hausherrin, ist grade beim Reiten gestürzt. Sie liegt da mit einer Platzwunde und ähnlichem Drum und Dran." Der Blonde Junge konnte nicht so schnell schauen, wie der Mann losgerannt war. Anscheinend kannte er sich auf dem Anwesen aus. „Kümmern dich um das Pferd. Ich mach das hier schon."

Tim warf einen Blick auf Anne, doch der Mann, der plötzlich vom ‚Sie’ zum ‚Du’ gewechselt hatte, hatte schon seine Jacke ausgezogen und drückte die auf die Wunde. Gleichzeitig rief er den Notdienst. Tim hatte hier nichts mehr zu tun, also ging er, etwas widerwillig, zu Boy.

Während er den Rappen absattelte und abwusch, kam der Rettungsdienst.

Er ließ Boy stehen und ging herüber. „In welches Krankenhaus bringen Sie Anne?" Der Arzt musterte ihn. „Ins Elisabethkrankenhaus. Aber jetzt muss ich Sie bitten beide aus dem Weg zu gehen." Er stieg in den Krankenwagen, der mit Blaulicht vom Anwesen fuhr.

Unruhig trat Tim von einem Fuß auf den anderen. „So ein Mist. Hätte sie mal nie versucht so hoch zu springen!" Der junge Mann schaute ihn an.

„Wie hoch?" „Einen Meter Fünfzig." „Schande. Aber dabei kann Boy das doch!" „Das dachte ich auch." „Kennst du denn Boy überhaupt?" Tim nickte. „Ich habe Manfred de St. Claire öfter mal auf Turnieren getroffen." Der Mann nickte und reichte ihm die Hand. „Ich bin Ludger Frankenheim." Aus großen Augen starrte Tim ihn an. Ludger Frankenheim war in ganz NRW bekannt für seine Springpferde und die Siege mit denen. Jeder der sich auch nur annähernd in der Szene auskannte, wusste wer er war. Doch kaum einer hatte das Vergnügen mit ihm ein Wort zu wechseln.

„Schau nicht so. Ich bin kein Geist." Dafür hatte Tim ihn zwar nicht gehalten, doch es kam dem schon sehr nah. „DER Ludger…" „Ja, ja, genau der. Manfred de St. Claire ist mein Onkel und mhm ich habe einen ziemlich guten Draht zu Anne entwickelt. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen."

Als Tim ihn nochmals musterte fiel ihm die Ähnlichkeit mit dem Reiter erst Recht auf. Er war nur zu fein angezogen um gleich zu wissen, wer er sei.

„Herr de St. Claire ist IHR Onkel?" „Ja." Der Mann kramte einen Haustürschlüssel aus der Tasche. „Ich glaube wir sollten mal ihre Mutter und meinen Onkel benachrichtigen."

Beide betraten die Villa, die Tim am vorigen Abend, na ja wohl eher Nacht, voller Wut verlassen hatte und eigentlich nie mehr betreten wollte.

„Machs dir im Wohnzimmer bequem, ich komme sofort." Tim hörte wie Ludger das Telefon nahm und kurz telefonierte. Beruhigende Worte waren dabei, seine Stimme tat gut. Erst jetzt bemerkte der Jugendliche, dass er zitterte. Lag ihm etwa so viel an Anne?

„He Tim." Verwundert schaute Tim auf. „Ich weiß deinen Namen von Manni." Ein kurzes Nicken war die Reaktion. „Soll ich dich kurz zum Krankenhaus fahren?" Wieder nickte Tim bloß.

Er wusste einfach nicht, was er sagen sollte.

Kurze Zeit später und vor allem einige Suchzeit später, saß er vor dem Zimmer, das Anne bekommen sollte. Er las grade ein wenig in der Cosmopolitan, als Ludger mit zwei Bechern Kaffee zurückkam. „Hier verkürzt die Wartezeit."

Unruhig lief der junge Mann den Gang auf und ab. Tim hatte sich verschätzt, denn Ludger war erst fünfundzwanzig, doch durch die Stallarbeit und das Reiten wirkte er älter.

„Wieso waren Sie eigentlich an der Villa?", beendete Tim die nervtötende Stille. „Anne wollte Springunterricht heute haben. Und deswegen bin ich da gewesen, " erklärte Ludger knapp.

Da kam auch schon ein Bett um die Ecke geschoben. Anne lag mit bleichem Gesicht, den Kopf in einem großen Turbanverband und den Arm in Gips. Überall hefteten Pflaster, auf dem sonst so makellosen Körper.

„Anne." Jauchzte Tim kurz auf und betrat mitsamt Ärzten und Bett das Zimmer.

„Sind Sie ein Angehöriger?", fauchte ihn eine Schwester an. „Nein, aber ihr Freund." Und um das zu beweisen ging er zum Bett und hauchte: „Hey meine Kleine, was machst du für Sachen?" Die Schwester nahm’ s ihm zwar ab, wollte ihn aber trotzdem aus dem Zimmer scheuchen. „Die Patientin braucht jetzt viel, viel Ruhe! Verstehen Sie nicht?" „Oh, ich verstehe Sie sehr wohl. Aber die Ruhe hat sie auch, wenn ich neben ihr sitze. Bitte, ich kann sonst heute Nacht nicht schlafen!" Wie ein Dackel schaute er sie aus großen Augen an und durfte sitzen bleiben.

Als der Arzt und die Schwester endlich gegangen waren, zog sich auch Ludger einen Stuhl ans Bett.

„Na Anne." Anne antwortete nicht, sie war noch halb betäubt und konnte noch nicht sprechen. „Ich glaube ich lasse euch zwei Mal ein Paar Minuten allein. Ich muss nachdenken." Tim stand auf und Ludger sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Bevor er den Raum verließ schaute er nochmal auf die Beiden zurück. Der Blick mit dem er sie anschaute war überzärtlich und in Tim regte sich etwas. Eifersucht?

Er lief etwas durch den Krankenhauspark und merkte nicht wie schnell die Zeit verstrich. Anderthalb Stunden später, als er zurück in ihr Zimmer kam, waren dort auch ihre Eltern. „Hey." Manfred de St. Claire reichte Tim die Hand. „Danke, dass du dich so gekümmert hast. Anne muss dir wirklich was bedeuten." Doch der Jugendliche winkte ab. „Wenn Herr Frankenheim…" „Ludger." Der Springreiter bot ihm schnell das ‚Du’ an, denn so eine Situation, auch wenn sie glimpflich ausgegangen war, schweißte zusammen. „Ludger", fuhr Tim fort. „Wenn Ludger nicht gewesen wäre, dann hätte ich da ganz schön alt da gestanden. Ich hätte den Weg zurück rennen müssen und alles. Aber na ja, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit."

Er schaute Anne an. Er wollte sie doch Rumbekommen, wieso machte sie ihm einen Strich durch die Rechnung, wieso hatte er plötzlich ANDERE Gefühle. Wieso SIE? „Wir gehen uns eben etwas aus der Cafeteria holen. Tim, möchtest du auch was?" Sechs Augenpaare schauten ihn an. „Ähm, nein… obwohl doch." Geld hatte er bei. Er drückte Manfred einen Fünfer in die Hand. „Einen Cafe Latte und eine Zeitung bitte." Der Stiefvater von Anne nickte und die drei Erwachsenen verließen den Raum.

„Tim du spinnst." Mit einem Satz fuhr er herum. Sie sprach. „Ich dachte du hättest noch Nachwirkungen von der Narkose?!" „Setz dich mal." Er befolgte, was sie wollte und nahm Platz. „Danke für das, was du heut schon für mich getan hast. Danke, dass du da die Stange runter genommen hast und Rettung geholt hast. Ohne dich, ach ich weiß nicht, vielleicht läge ich immer noch da." Bei den Worten wurde er wieder weich. Sein Machoface, das er aufgesetzt hatte, erlosch und er schaute sie von unten her an. „Na ja, ich glaube, wenn ich schon da bin kann ich dich doch nicht verbluten lassen." „Mhm. Und Tim. Wegen gestern. Timo und ich. Wir hatten nur zuviel getrunken. Ich liebe ihn nicht…" Mitten ihm Satz stockte sie. Was ging ihn das an? Er war Essens berühmtester Stecher. Gerade ihm konnte sie doch nicht vertrauen, oder?

Bevor sie weiter nachdenken konnte spürte sie weiche Lippen. Zuerst wusste sie nicht, wie sie reagieren solle. Doch kurze Zeit später erwiderte sie den Kuss vorsichtig.

„Was sollte das?" Tim saß wieder auf seinem Stuhl, die Hände hinterm Kopf verschränkt.

„Was du kannst, kann ich doch schon lange Kleines", grinste er. Da war es wieder. Dieser Reiz, diese Provokation ihn gehörig mal zu schlagen. Küssen, mit ihr schlafen, war das alles, was er von Mädchen wollte?

Wütend funkelte sie ihn an. „Ich habe dich nie geküsst." „Ach, aber Timo, schon vergessen?" Hätte sie gekonnt und täte ihr Kopf nicht so weh, wäre sie aufgesprungen und wäre ihm an den Hals gesprungen.

Sie war sauer. Der Kuss war angenehm gewesen, er küsste außergewöhnlich gut, besser als Timo allemal, aber er hatte kein Recht sie einfach zu küssen.

„Sag mal, habe ich hier: ‚Freie Bedienung’ auf der Stirn eintätowiert?" „Mhm ich glaube zumindest nicht sichtlich." Ihm machte es scheinbar Spaß sie zu reizen.

„Du bist niedlich, wenn du dich aufregst, weißt du das eigentlich?" „ARGH!"

„Na Ehekrach?" Ludger war ins Krankenzimmer gekommen, mit dem Cafe Latte und dem Focus. „Ach Schmarn, wieso sollten wir?" Anne schaute Ludger herausfordernd an. „Na ja, ihr seid doch ein glückliches Paar!" Fragend schaute Anne von Ludger zu Tim. „TIM… erklärst du mir bitte, wieso Ludger das meint?" „Ach seid ihr das nicht? Na dann muss Tim aber das Zimmer räumen." Frech grinsend lehnte er sich gegen die Wand. „Was läuft hier?" Annes Ton war scharf wie eine neue Rasierklinge.

„Ich möchte jetzt und hier wissen, was hier abläuft." „Nichts. Verdammt nochmal nichts." Ihr Klassenkamerad nahm Ludger seine Sachen und das Restgeld ab, warf ein „Ciao" in den Raum und ging.

„Ludger, worum geht es?" „Ach, er hatte vorhin Angst um dich und wollte bei dir bleiben. Aber die Schwester wollte ihn rausschmeißen. Da hat er angegeben, dass er dein Freund sei und mit seinem besten Machodackelblick die Schwester Rumbekommen." Anne ärgerte sich über Tim. Er war so lästig wie eine Klette. Aber immerhin hatte er ihr geholfen, war das nicht wichtiger? Während sie überlegte beobachtete Ludger sie.

„Kleine…" „Mhm?" „Du hast dich in ihn verliebt!" Immer noch erbost schüttelte sie ihren Kopf. „Spinnst du? Ich doch nicht!" „Oh doch. Das sieht man dir an. Nur was sich neckt, das liebt sich!"

„Ach halt den Mund Spinner!"

Ärgerlich schaute sie aus dem Fenster, was aber auch kein toller Anblick war. „Mensch Kleine, stell dich nicht so an!" „Ludger, besuchst du mich morgen nochmal? Redest du auch mit Mama und Manni, wegen Boy. Er kann nichts dafür, dass ich gefallen bin. Sie MÜSSEN ihn behalten." „Geht klar. Du brauchst Ruhe und ich geh dir auf den Nerv. Kapiert." Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und verließ den Raum.

Plötzlich fühlte sich Anne alleine. Krankenhäuser hatte sie schon als Kind gehasst und Einzelzimmer noch viel mehr, man konnte sich mit keinem unterhalten. Sie zappte sich zwar durch alle Kanäle auf ihrem Krankenhausfernseher, aber sie wusste, dass sie es nicht lange hier aushalten würde. Ihr Schädel drückte und unter ihrem Gips fing es schon an zu jucken, aber was sollte sie tun. Sie war gestürzt und das auch noch, als sie selber nicht festgestellt hatte, dass ihr Helm zu groß war. Er war ihr runter gerutscht und hatte die mega Platzwunde zugelassen.

„So eine Blamage." Sie stoppte auf einem Sender, wo gerade Springen lief. Ja so gut sein wie Christian Ahlmann oder Franke Sloothaak, das wünschte sie sich auch schon immer. Doch es sollte wohl nicht so sein. Den Karrieresprung konnte sie sich eh an den Hut stecken. Ihr Stiefvater hatte überlegt Boy zu verkaufen. Doch das war das letzte was sie wollte. ER hatte nichts dafür gekonnt. Nur sie ALLEIN. Hätte sie sich nicht übernommen und wäre so geritten wie sonst auch, wäre vermutlich nichts passiert.

Sie seufzte abermals und rief nach der Schwester. Ihr Kopf tat so weh, dass sie um ein Medikament bat. Kurze Zeit nach dem Einnehmen schlief sie auch ein. Schlaf sollte schließlich gesund machen.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte wusste sie erstmal nicht wo sie war, doch es dauerte nicht lange, als ihr Gedächtnis auch aufwachte.

Alles war so steril. Und irgendwie viel zu weiß, einfach zu sehr Krankenhaus. Ihr Arm juckte wieder und auch der Kopf schmerzte noch, aber das war ja ihre eigene Schuld gewesen.

Wieder rief sie die Schwester und fragte nach dem Arzt.

„Der wird gleich kommen, dann können Sie ihn alles fragen." Anne wartete ungeduldig. Geduld war noch nie ihre Stärke gewesen.

„Ah hallo Anne. Wie geht es Ihnen?" Sie erzählte ihm von den Schmerzen und auch von ihrem Armjucken. „Also das mit dem Armjucken ist normal und für alle lästig. Zu Ihrem Kopf. Also der schaute auch ganz böse aus. Sie haben eine schwere Gehirnerschütterung, also würde ich an Ihrer Stelle eine Woche hier verbringen und dann in zwei Wochen erst wieder langsam reiten. Sobald Ihnen aber schwindelig wird, alles abrechen und zum Arzt. Verstehen Sie?" Müde gab Anne dem Arzt Recht. Auch wenn sie wusste, dass er sie ihn drei Wochen garantiert noch nicht auf einem Pferd sehen wollte. Doch das Turnier war erst in fünf Wochen und sie hatte ja trotzdem noch Zeit zum trainieren.

Gerade als sie sich am meisten langweilte klopfte es an der Tür.

„Ja?" „Hey meine Süße." Ihre Mutter kam ins Zimmer. „Was machst du nur immer." „Gar nichts Mama." „Wieso bist du denn wie ein Teufel geritten?" „Weiß ich nicht." „Wolltest du Tim beeindrucken?" „Spinnst du? Den als allerletzten. Ich hasse ihn." Sie sah wie ihre Mutter grinste und seufzte: „Man Mama, egal was Ludger zu dir sagte. Ich bin nicht verliebt verdammt." Jetzt seufzte ihre Mutter. „Das glaubst aber du dir doch wohl selber nicht, deine Augen verraten alles, was dein Mund nicht sagen will." Sie schwiegen sich an, bis es abermals klopfte. Diesmal trat der Junge ein, den ihre Mutter schon als Schwiegersohn ansah. „Hallo Tim."

Mit einem Strahlen und einer Umarmung begrüßte Annes Mutter den Nachbarsjungen im Krankenzimmer. Anne schaute in die andere Richtung, zu sehr in Gedanken an den vorigen Tag und vor allem den Kuss.

Seit wann umarmte ihre Mutter einen Jungen, den sie kaum kannte, doch genau das gleiche dachte Tim von Frau de St. Claire, klopfte ihr zweimal auf die Schultern und löste sich dann.

„Ähm Hallo Frau de St. Claire und hallo Anne…", fügte er leiser hinzu.

„Schon Schule aus?", erkundigte sich die Dame und schaute ihn an. „Ja Chemie und Mathe sind ausgefallen. Grade heute, eine Woche vor der Arbeit." Von Anne kam keine Rührung. „Anne? Alles klar?" „Mhm", war die einfältige Antwort. „Na dann Tim, viel Glück mit der Kratzbürste, ich habe einen Kundentermin. Tschüs ihr beiden!" Damit drückte sie ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange, zwinkerte erst ihr versteckt zu und dann ihm, nahm Anne nochmal in den Arm und flüsterte: „Du willst es doch auch!" Und war, bevor einer der beiden Jugendlichen sich rühren konnte schon aus dem Zimmer verschwunden.

„Mein Abgang gestern tut mir Leid", begann Tim mit seiner Vorher gut überlegten Entschuldigungsrede. „Aha." Eintönig ihre sofort kommende Antwort. „Mein Gott. Ich kann nun mal damit nicht umgehen."

Anne setzte sich so hin, dass ihre Beine aus dem Bett baumelten und stand dann auf. „Was denn? Womit denn? Man red Deutsch Junge!"

Sauer schnaubte sie auf und hieb mit einer Hand ihr Glas um, dessen Inhalt sich auf dem Krankenzimmerboden ausbreitete.

Sie warf einen ärgerlichen Blick auf Tim, der sich nicht äußerte.

„Weißt du eigentlich wie das ist, wenn man das Mädchen, mit dem man reden will mit dem früher besten Freund im Bett liegt? Und man die beiden erwischt? Scheinbar nicht!"

Wütend stapfte Anne wie ein kleines Kind auf.

Tim musste lächeln, aber dies verging ihm alsbald, als Anne die Tür des Krankenzimmers aufriss und raus ging. Oder besser gesagt, humpelte.

Erst überlegte der Junge, ob es einen Zweck hätte ihr nachzulaufen, doch dann tat er’s einfach. Wieso denn nicht. Noch mehr verlieren konnte er nicht.

Tim blickte nach rechts und links, doch Anne war schon etwas weiter weg. Zuerst lief er nach rechts, erkannte aber auch auf den Gängen niemanden wie sie und rannte dann nach links, zum Krankenhauspark hin.

Er fragte einige Schwestern und Patienten, ob sie Anne nicht gesehen hätten, doch keiner konnte ihm eine Auskunft geben. Sich selber schalt er einen Narren. Hinter einer Frau Herzurrhennen, das war noch nie sein Stil gewesen. Er hatte es lieber, wenn ihm die Frauen zu Füßen liegen, doch diesmal war es anders.

Als er grade zurücklaufen wollte, um dem Arzt das Fehlen von Anne zu melden, sah er sie unter einem Kastanienbaum, in der Nähe des kleinen Teiches.

„Ach man Anne."

Ihr Herz raste, ob es vom rennen kam, trotz der Gehirnerschütterung oder von Tims Bass konnte sie sich nicht selber erklären.

Sie wollte schon wieder fliehen, als er mit zwei Schritten bei ihr war.

„So jetzt reicht’ s mir aber, dass du immer wegläufst!"

Und schon hatte er sie wieder geküsst. Anne dachte nicht mehr nach. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn zurück.

„Wieso küssen wir uns?" Etwas außer Atem schaute sie ihn fragend an. „Ich habe keine Ahnung", war die einfache Antwort, bevor er ihr wieder den Mund mit seinen Lippen verschloss.

„Wir sind bescheuert." „Die einzige Person, die hier bescheuert ist, bist du!"

Er schaute ihr ernst in die Augen. „Ich trag dich hoch!"

Anne wollte noch protestieren, aber er hatte sie schon hochgehoben und angefangen aufs Krankenhaus zuzugehen.

Als er sie wenig später in ihr Bett legte schaute sie ihn aus großen Augen fragend an. „Tut mir Leid. Ich wollte dich nicht so überrumpeln." „Ist schon okay."

Seine Augen fingen ihren Blick ein und seine Hand streichelte zärtlich die ihre, als plötzlich die Tür mit einem Schwung aufflog.

„Ah Anne, hier sind Sie!" Verwirrt lächelte Anne den Mann an.

„Ich bin Armin Roderich. Trainer des Landeskaders der Dressurreiter. Deine Mutter hat mich hier her geschickt."

Tim starrte von einem zum anderen. Jetzt verstand er gar nichts mehr. Doch auch Anne ging es nicht anders.

„Was kann ich für Sie tun?" „Nun ja, ich bin von dem Trainer des Landeskader Bayern angerufen worden, dass wir dich mal anschauen sollten."

Anne lächelte. Paule, ihr alter Trainer hatte ihr angedroht das Landeskader NRWs anzurufen und sie anzuwerben. Jetzt hatte er es wahr gemacht.

„Ja, aber wie Sie sehen, liege ich momentan leider im Krankenhaus und darf das Training längere Zeit nicht aufnehmen."

„Moment…" Tim unterbrach sie. „Ich bin hier fehl am Platz, ich melde mich wieder bei dir." Ein Kuss auf die Stirn und er verließ das Zimmer.

„So, Herr Roderich." Anne überließ ihm das Reden und nickte bloß an einigen Stellen.

„Na ja, ich finde, dass ihre Argumente schon sehr treffend sind. Und ich muss sagen Paule, pardon, Herr Schulte, ist ein sehr guter Trainer. Und ich war immer sehr zufrieden."

„Gut Anne! Dann würde ich vorschlagen, dass Sie mich kontaktieren, sobald Sie sich wieder auf einen Pferderücken schwingen."

„Oh, das ist kein Problem!"

Armin Roderich gab ihr noch die Hand und Anne war wieder alleine.

 

-7-

 

Allein genug, um nachzudenken.

Was wollte Tim von ihr? War sie gut genug für die Mannschaft? Konnte sie noch reiten? Konnte sie sich einfach wieder in den Sattel schwingen?

Die Antwort gab es keine fünf Wochen später, als der Arzt ihr endlich erlaubte wieder mit dem reiten anzufangen. Es war auch höchste Zeit, das Turnier stand an und es war für sie unumgänglich.

Sie wollte zeigen, dass Danger was drauf hatte.

Also stieg sie wieder in ihre Reitsachen und ging zu den Boxen. Lord Danger hob freudig den Kopf, als Anne in Sichtweite kam.

„Hallo mein Dicker. Wir wollen etwas arbeiten okay?" Sie wusste, dass Manni mit ihm gearbeitet hatte, als sie nicht konnte und dass Carla sich liebevoll um Merkur, der aus der Klinik wieder draußen war, gekümmert hatte und sie war froh darum.

Lord Danger nickte mit seinem edlen Kopf, als ob er zustimmen würde und stupste sie an.

„Ist ja gut mein Dicker."

Während Anne ihren Wallach mit kräftigen Strich striegelte, ärgerte sie sich über Tim. Er hatte sich seit seinem Besuch nicht gemeldet und sie in der Schule gemieden. War es also doch nur ein Spiel?

„Wieso sind Kerle so?" Danger scharrte bloß zweimal mit seinem linken Vorderhuf, natürlich konnte er ihr nicht antworten.

„Der redet jetzt seit fast fünf Wochen schon nicht mit mir."

„Mach dir auch keine Allzu großen Hoffnungen, dass er es noch tut", hörte sie hinter sich plötzlich Carlas Stimme.

„Wieso das denn nicht?" Anne schaute verwundert auf die Freundin.

„Du redest doch von Tim, oder?"

„Ja, wieso?" Etwas mitleidig schaute Carla Anne an.

„Der ist mit Julia Albrecht zusammen."

„WAS?"

„Na ja, das läuft seit genau fünf Wochen. Ich dachte auch nicht, dass seine Beziehungen so lange halten können."

Annes eh schon nicht besonders gute Laune, sackte auf den Nullpunkt.

Wieso küsste er sie dann? Von hinten wurde sie wieder angestupst.

„Gleich Danger."

Eine Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange.

„Tut mir Leid Süße." Carla nahm sie einfach in den Arm.

„Er ist nun mal so. Ein einfacher Macho, der jede haben will, die er kriegen kann und bei Julia hatte er wohl einfaches Spiel!"

Anne schniefte. Sie merkte, dass es in ihr wehtat. Sie hatte sich eingestehen müssen, dass sie sich in diesen Megamacho verliebt hatte. Spätestens nach dem Kuss war ihr das bewusst geworden. Sie war sich unsicher gewesen, was ihn anbelangte, doch jetzt wusste sie, dass es von Timo damals richtig war sie zu warnen. Er war falsch wie eine Schlange.

„Anne, der Tim ist hier ein ziemlich bekannter Stecher. Sei froh, dass du dich nicht in ihn verliebt hast."

Carla stockte, als Anne nach diesem Satz laut aufschluchzte.

„Nein Süße, nein du hast dich… nein das kann nicht sein… Anne!"

Ihre Freundin machte sich von Carla los.

„Doch Carla, genau das hab ich. Ich hab ihn sogar geküsst! Mach dir das mal klar! GEKÜSST!"

Erschrocken vor soviel Elan sprang Danger ein Stück zur Seite und musste von Anne erst beruhigt werden, doch auch Carla starrte entsetzt.

„Du hast was?"

„Im Krankenhaus."

„Du fantasierst! Du musst fantasieren." Doch Anne schüttelte den Kopf und dann war es auch bei Carla angekommen.

„Du hast dich in Tim verliebt."

Weinend ließ sich Anne an der Boxenwand runter gleiten.

„Eigentlich hab ich nicht ihn geküsst!"

„Sondern?" Anne strich sich mit einer Hand über die Augen, was dazu führte, dass ihre Schminke verwischte.

„Er hat mich geküsst, als ich vor ihm geflohen bin." „Na ja, im Rennen kann er dich schlecht geküsst haben."

Die Freundin wartete bis das Mädchen Luft geholt und sich etwas beruhigt hatte. Und dann erzählte Anne jedes Detail, das sie bisher verschwiegen hatte. Sie hatte Carla lediglich erzählt, dass Tim sie besucht hatte, aber nicht den ganzen Vorfall.

Danger stand entspannt, mit hängendem Kopf vor Anne und ließ sich beim erzählen zwischen den gespitzten Ohren kraulen.

„Und du hast dir deswegen Hoffnungen gemacht?"

„Na ja, ich wusste nicht wo ich bei ihm dran war."

„Wahrscheinlich irgendwo zwischen den anderen."

„Das denk ich auch", seufzte Anne und stand auf.

„Ich denke ich sollte dich jetzt nicht weiter stören, sondern reiten lassen. Darf ich Gwen heute mal reiten?"

„Frag meinen Stiefvater!"

„Okay!"

Damit war Carla erstmal Verschwunden und Anne suchte das Sattelzeug zusammen.

Sie ritt Danger schon ab, als Carla mit Gwen am Zügel in das kleine Dressurviereck kam.

„Ich durfte."

„Das seh ich." Verbissen achtete Anne nur auf ihr Pferd, welches sich hart machte.

„Mein Gott Danger! Was ist denn heute mit dir los."

Die Gerte landete auf dem Hinterteil ihres Wallaches. Nicht fest, nur ein Klaps, aber es reicht schon aus, das Danger sich wieder konzentrierte.

„Man merkt, dass Manni dich geritten hat." Ihre Schenkelhilfen waren viel zu schwach, Danger reagierte nicht.

Ärgerlich fing Anne nochmal ganz von vorne an und Carla musste aufpassen, dass sie nicht von einem bockenden Lord Danger umgerannt wurde. Er war nicht mehr der Alte.

„Na Klasse, das Turnier. Ich seh es schon kommen. Wertnote 4,1", grummelte Anne, als sie Danger trocken ritt. In Nässe gaben sich Pferd und Reiter nicht. Beide waren durchgeschwitzt, doch Anne war auch noch sauer. Sauer auf Manni, der ganz anders ritt als sie und auf sich selber, dass sie nicht darauf geachtet hatte ihm das zu sagen.

Aber eigentlich war sie nur sauer auf Tim und ließ ihre schlechte Laune an Leuten und Tieren aus, die es nicht verdienten.

„Anne, wollen wir uns nicht Merkur schnappen und ein bisschen spazieren gehen?"

Anne putzte grade die Trense von Danger, als Carla mit dem Sattel von Gwen ankam.

„Können wir machen. Spazieren gehen tut gut. Aber wir müssen nicht viel reden, oder?"

Carla stimmte zu.

„Wieso auch. Ich möchte genießen."

Sie hatte leichtes Reden, denn sie hatte Simon. Und der bedeutete ihr soviel, dass sie nie im Leben sich so eine Situation erträumt hätte, wie Anne sie grade erleben musste.

Der Fuchs stand mit hängendem Kopf in der Box und hob ihn erst, als die Mädchen rein kamen.

„Moment Carla."

Annes Handy klingelte.

„Ja? - Otto ich kann grade nicht, ja schreib dir die Nummer auf, ich rufe da später zurück."

„Euer ‚Butler’?" Carla grinste. Der im Hause St. Claire beschäftigte Mann ‚Otto’ wurde von ihr nur Butler genannt. Der Frack passte schon dazu.

„Ja unser James." Das erste Mal seit einiger Zeit lächelte Anne wieder.

„Komm lass gehen, Carla!"

Sie hakte den Führstrick ein und ging mit dem Pony vor.

Carla summte eines ihrer Lieblingslieder und kraulte Merkur ab und an am Mähnenkamm.

„Ich find dich echt nett Carla."

„Aber?"

„Nichts aber. Ich habe nur darüber nachgedacht, wie froh ich sein kann hier zu sein."

Sie überquerten die Straße, die zum Wald führte und genossen sofort den Schatten.

Es war schon fast Herbst, aber die Sonne brannte nochmal richtig.

Der Spaziergang hatte Anne gut getan und sie hatte sich beruhigt, doch sie wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte und war froh, dass Tim am nächsten Morgen fehlte. Um Julia Albrecht machte sie einen großen Bogen. Sie verkaufte Konzertkarten im Foyer, aber das wollte sie sich nicht noch antun. Carla und sie standen in der Pause zusammen rum und verzogen sich in eine eigene Ecke des Schulhofes um zu diskutieren.

„Am Sonntag ist das Turnier." „Und denkst du, dass du Lord Danger da reiten kannst?" Sie seufzte, als sie an den gestrigen Tag dachte. „Ich weiß es nicht. Ich habe ja noch einige Tage und ein bisschen Routine wieder aufzubauen."

Und die brauchte Anne jetzt wieder. Sie war solange nicht mehr auf dem Pferd gesessen und als der Arzt ihr endlich bestätigt hatte, dass ihr Bruch gut verheilt war hatte sie sich wieder draufgesetzt.

Zwei Tage vor dem Turnier kam auch Tim wieder in die Schule, aber Anne schaute ihn nicht mal an. Sie bat Lukas nur mit Tim den Platz zu tauschen, was er freudig tat. Er mochte Anne und hatte nichts dagegen neben ihr zu sitzen.

Nachmittags arbeitete Anne immer mit Lord Danger, der langsam wieder ihre Hilfen annahm, auch wenn er sich damit schwer tat.

Halbwegs zufrieden klopfte Anne, am Freitagnachmittag, ihrem Wallach auf den Hals und ging aus den Steigbügeln. Ludger stand neben ihr und nickte anerkennend.

„Ein schönes Tier ist er."

„Wenn er nicht so mies zu reiten wäre."

„Ach, der hat ein paar schlechte Tage. Denk dran, du wiegst nur knapp fünfzig Kilo bei einer Körpergröße von 1,69m, das ist nicht viel. Und na ja, dein Stiefvater ist erstmal noch zwanzig Zentimeter größer und auch schwerer als du. Das ist anders. Das Pferd muss sich erstmal daran gewöhnen."

Anne musste ihm Recht geben.

„Und solang zwischen euch beiden das Vertrauen da ist."

Er lächelte ihr zu und erklärte ihr noch ein Paar Tricks.

Wieder war sie verschwitzt und ihrem Pferd ging es nicht anders. Sie hatte Angst vor dem Turnier, dass er bis dahin nicht ihre Hilfen annahm. Doch sollte sie Recht behalten?

Am folgenden Samstagmorgen wachte sie mit weichen Knien auf. Die Turnierroutine fehlte ihr und sie wusste gar nicht, was sie zuerst machen sollte. Ihre Turniersachen lagen gebügelt auf ihrem Stuhl. Daneben eine alte Jogginghose und ihr Lieblingspullover, der mehr kaputt als heile war.

Draußen wehte ein frischer Herbstwind, endlich und relativ spät in diesem Jahr.

Im Schlafanzug noch tapste Anne nach draußen. Ihre Füße steckten in Clocks und sie hoffte, dass Lord Danger nicht auf die Idee kam auf ihren Fuß zu treten.

„Hey meine Hübschen." Die Pferde blickten auf, als das Mädchen eintrat, senkten aber die Köpfe schnell wieder, als sie bemerkten, dass das Auftauchen Arbeit hieß.

Keine Dreiviertelstunde später hatte Anne die beiden teilnehmenden Pferde verladefertig und musste sich selber bloß noch anziehen.

In der Zeit passte Manni auf die Beiden auf.

Dieser war glücklich, seinen Boy wieder auf einem Turnier zu sehen und er wusste, dass sie mit ihm gute Chancen hatte.

Nur kurze Zeit später wurden auch beide Pferde von ihm verladen und er wartete nur auf Anne.

Diese aber suchte ihre Plastronnadel. Sämtliche Schubladen wurden auf ihrem Fußboden ausgebreitet und in diesem Gewühl fand sie endlich was sie suchte.

Ihre silberne Plastronnadel, welche mit kleinen Strasssteinchen besetzt war. Der Pferdekopf war fein gearbeitet und sie hatte es zur Verabschiedung geschenkt bekommen. Daher bedeutete er ihr auch soviel.

Schnellstens flüchtete sie nach unten, als sie die Schritte ihrer Mutter auf der Treppe hörte.

Grade als Anne aus der Tür trat hörte sie den spitzen Aufschrei und ein: „WAS FÜR EIN MÜLL!"

Doch als ihre Mutter grade runterkam, saß Anne angeschnallt im Range Rover von Ludger und fuhr langsam mit diesem vom Anwesen.

Frau de St. Claire seufzte und winkte ihren Mann heran.

„Wann fahren wir nach, Schatz?" „Wann immer du willst." Sie lächelte.

„Dann jetzt, bevor ich auf die Idee komme Annes Zimmer auszuräumen." Manfred lachte und legte ihr den Arm um die Schultern. „Das kann Anne schön selber machen."

Glücklich einen solchen verständnisvollen Mann für gestresste Mütter zu haben, lehnte sie ihren Kopf auf seine Schulter und schaute dem Auto hinterher, wie es langsam die Auffahrt runter fuhr.

Auf dem Turnierplatz in Byfang tummelten sich Pferd und Reiter unterschiedlichsten Aussehens. Doch als Anne nochmal auf die Liste schaute, wann sie dran war, sah sie, dass sie sich mit Lord Danger beeilen musste.

Schnell zog sie sich um und führte ihn aus dem Transporter.

Ärgerlich schnaubte Boy, als er merkte, dass er ab da vorerst alleine stehen musste. Anne schnallte sich stumpfe Sporen an ihre Stiefel und nahm die Gerte.

„Also, denk dran. Sporen abnehmen, bevor du dran bist. Schön vorwärts reiten und vor allem. Achte darauf, dass er auch auf dem Abreiteplatz nicht die Beine hinterher schleift, sonst tut er es auch in der Prüfung."

Ludger sprach noch ein wenig beruhigend auf Anne ein und hielt dann dagegen, als sie aufstieg.

Annes Herz klopfte zum Zerspringen. Ihr erstes richtiges Turnier in NRW und sie startete immer noch für Bayern. Das brachte ihr allerdings ein Lächeln auf ihr hübsches Gesicht und etwas beruhigter lenkte sie Danger auf den Abreiteplatz.

Für die Prüfung der L-Dressur hatten sich viele Reiter gemeldet und dementsprechend voll war der Platz.

Danger führte sich auf, als hätte er noch nie einen Mensch auf seinem Rücken gehabt, sobald er einen Huf auf den Platz tat.

Er schoss los und schmiss alles hoch, was er besaß. Nachdem er dreimal gestiegen war, dachte Anne schon daran aufzugeben, doch dann wurde eine Reiterin aufgerufen, deren Namen sie nicht hören wollte.

„Nächste Reiterin ist Julia Albrecht auf Sunshine Deluxe!"

Anne gab sofort eine ganze Parade und schaute zum Turnierplatz.

Ein hübscher Fuchs trabte elegant durchs Viereck und ließ so manchen Reiter vor Neid erblassen.

Selbst in Anne regte sich ein bisschen Neid, weil sie Lord Danger gar nicht unter Kontrolle hatte, doch dann tauchte jemand neben ihr auf und sie hörte eine leise Stimme.

„Lass ihm etwas mehr Kopf, dann macht er alles." Sie erschrak, als Tim neben ihr stand und Dangers Hals tätschelte.

„Tim, sieh zu wie du Land gewinnst und deiner Julia zuschaust!" Sie wendete Danger herum und ritt vom Abreiteplatz auf den Acker dahinter.

Vorsichtig tickte sie ihn mit der Gerte an und übte mit ihm ein wenig Trabverstärkung. Jetzt wo nicht so viele Reiter um sie herum waren, ging Danger viel ruhiger und besser. Nach zwei Galopprunden rief der Ansager auch schon die Reiterin vor ihr auf.

Anne spielte Danger etwas runter und machte die Sporen ab.

Ludger war schneller bei ihr, als sie schauen konnte. „Okay Kleine, das ist jetzt wirklich einfach. Du hast doch gesehen, wenn keiner um dich herum ist, dann geht er wieder. Das schaffst du. Du könntest sogar den Fuchs schlagen. Schaff bloß eine 7,8. Dann hast du es!"

Anne schaute etwas zweifelnd, aber sie konnte sich nicht mehr wundern. Viel zu schnell ging die Schranke vor ihr hoch und sie musste in das Dressurviereck.

Sie hielt vor den Richtern und grüßte lächelnd. Zu ihrem Erstaunen hatte sich Danger beruhigt und war schön locker.

Er hörte gut auf ihre Hilfen und ging, trotz der viel zu kurzen Aufwärmphase, sehr rund.

Stolz galoppierte sie durchs Viereck, versammelte ihn wieder in einen schönen gleichmäßigen Trab und parierte vor den Richtern durch.

Sie wusste nicht, dass Tim sich ihren Ritt so intensiv angeschaut hatte, als ob er jede Bewegung des Wallaches und seiner Reiterin abspeichern wollte.

Anne gab ihrem Schönen den langen Zügel und ritt wieder auf den Abreiteplatz.

„Hey, schöner Ritt." Julia Albrecht winkte ihr von dem Fuchs rüber und Anne nickte dankend. „Deiner auch", musste sie zugeben und zufrieden klopfte sie Danger und umarmte ihren Wallach.

„Wow, irrer Ritt." Ludger tauchte am Rand des Vierecks auf und hob beide Daumen.

„Du hast es geschafft." „WAS?" „Na ja, die Richter waren von dir überzeugt. Das hätte ich nach eurem Aufwärmen nicht gedacht."

Das Mädchen strahlte und wollte Danger trocken reiten, doch der meinte wieder seine Tour abzuziehen.

„Anne, geh mit ihm vom Platz runter. Das wird nichts bringen. Der wird nur Mätzchen machen, wenn du bei den Pferden bleibst."

Also ritt Anne wieder auf den Acker und dachte nach. Wieso war Danger auf dem Abreiteplatz nur so ausgewechselt? Er wirkte ja fast bösartig. Doch viel konnte sie nicht nachdenken, denn der Wallach tänzelte hin und her.

„Da hast du aber ein unruhiges Tier." Julia Albrecht hatte ihr Pferd angehalten und schaute zu Anne rüber.

„Na ja, er ist nun mal etwas wilder und nicht so brav wie alle anderen Pferde."

„Ach deswegen auch die rote Schleife im Schweif."

Julia hatte Annes Pferd angeschaut und nickte. „Und wenn schon."

Lord war schon wieder trocken und Anne saß ab.

„Kann ich den einfach in den Hänger stellen?" „Ja klar." Ludger nickte ihr auch nett zu und Anne ging selbstbewusst auf den Hänger zu.

Sie hatte es geschafft. Jetzt war nur noch die Siegerehrung, doch die sollte erst in einer Stunde stattfinden.

Danger schaute Anne an, als ob er kein Wässerchen trüben könnte und musste lachen. Dann schweifte jedoch ihr Blick über den Parkplatz, als sie den Hänger suchte und erschrak sich.

Vor Ludgers Hänger stand kein geringerer Junge als Tim.

Anne ignorierte ihn und nahm den Führstrick und das Halfter, die am Hänger hingen, zog das Halfter über das Zaumzeug und band Danger fest.

Gerade als sie die Sicherheitsstange des Hängers raus nahm, um Lord Danger rein zu führen, packte Tim sie am Arm.

„Können wir reden?"

Ärgerlich entriss sie ihm diesen. Ihr kam es vor wie ein Déj -vu. Fast das gleiche war im Krankenhaus passiert.

„Nein, wieso sollten wir reden?"

„Ich denke zwischen uns gibt es Missverständnisse."

„Das glaube ich nicht. Ist ja wohl zu offensichtlich, dass du mit Julia zusammen bist. Und ich finde es natürlich großartig, dass du mich trotzdem geküsst hast!"

„Hey, das war bevor ich was mit ihr angefangen habe."

„Na und? Ach ja, küsst man so einfach irgendwelche Mädchen? Hast du da Spaß dran?"

„Ich küsse gerne."

„Du bist so ein Vollidiot. Zu schade, dass ich dich kenne und vor allem geküsst habe."

Anne lockerte Dangers Sattelgurt und führte ihn in den Hänger.

Tim tauchte sofort vorne an der kleinen Tür wieder auf.

„So wie du das schilderst hört es sich an, als ob du eifersüchtig wärst?"

„Eifersüchtig? Auf wen? Auf Julia? Spinnst du nun total?" Ein kurzes und ärgerliches Schweigen trat zwischen die beiden, bevor Anne zischte:

„Ach nee, gesponnen hast du ja schon immer."

Jetzt wurde es auch Tim zuviel.

„Sag mal, hast DU sie noch alle? Wieso machst du mir so eine Szene? Wer ist denn die, die sich die ganze Zeit nicht für mich interessiert hat, mich kühl abgewiesen hat? Das bist doch wohl ganz eindeutig DU!"

„Wer hat sich für wen nicht interessiert? Du doch für mich. Werter Herr. Ich glaube Sie haben einen Sprung in der Schüssel."

Die letzten Wörter klangen nahezu zynisch und der Gesichtsausdruck von Anne war wie eingefroren.

„Wenn Blicke töten könnten", murmelte Tim. Doch Anne hatte auch das gehört. „Wenn Blicke töten könnten, dann würde man dich hier in Stücken suchen können."

Hinter ihr scharrten die beiden Pferde nervös mit den Hufen. Die Jugendlichen hatten sich etwas zu laut angeschrieen.

Anne verließ den Anhänger und baute sich vor Tim auf.

„Ich habe keinen Bock von dir verarscht zu werden!" Tim schaute auf Anne herab, während er das sagte.

„Du von mir? Spinn ich jetzt völlig? Oder du? Man. Ich würde dich nie verarschen."

„Ach nein? Und wieso nicht?"

Die Antwort sollte er nicht erhalten, denn Ludger hatte ihren Streit gehört und war sofort zur Hilfe gekommen.

Er nickte in Tims Richtung.

„Ich würde Ihnen raten sich jetzt sofort von Fräulein Hausser zu entfernen, sonst garantiere ich für nichts!"

Tim konnte nicht anders, er wollte auch nicht, dass der Streit von allen verfolgt würde und räumte das Feld.

„War das nicht der Kerl, der auch im Krankenhaus war?"

Anne nickte und fing an zu weinen.

„Und was wollte der jetzt von dir? Friedlich sah das nicht aus."

„War es auch nicht."

Ludger nahm das Mädchen in den Arm und ließ sie weinen. Als sie sich beruhigt hatte, wurde auch schon zur Siegerehrung aufgerufen. Die Zeit verging wie im Flug und Ludger zog wieder den Sattelgurt nach und reichte den Reithelm.

„So meine Hübsche, du musst dir einen wohlverdienten zweiten Platz abholen."

Anne lächelte, der zweite Platz war nicht das was sie sich vorher erträumt hatte. Sie hatte entweder mit keiner Platzierung oder mit einem fünften Platz gerechnet.

„Na endlich. Das Mädchen kann ja noch lächeln."

Er hob Anne auf den Wallach und drückte ihr einen Kuss auf die Hand.

„Mögen die Prinzessin und ihr Ross wohlbehalten auf dem Turnierplatz ankommen."

Ludger grinste schelmisch, als er Annes dankbaren Blick sah. Ja, er musste das Mädchen ablenken, sonst würde sie noch ganz kaputtgehen.

Es ärgerte ihn, dass Tim sie so herunterzog, dabei war er sich sicher, dass Tim selber in Anne verliebt sei. Wieso zog er dann so ein Spiel durch?

Doch viel Zeit hatte er nicht um darüber nach zu denken. Er musste doch sehen, wie Anne glücklich ihren kleinen Pokal überreicht bekam und über beide Ohren strahlte.

Nur ein Paar war noch besser gewesen.

Ein Junge mit seinem Hengst „Ohio", doch Ludger kannte den Jungen und er kannte die Trainingsmethoden, da ging es nur um das Gewinnen und nicht um das Pferd und um Spaß.

Julia hatte den vierten Platz belegt und hielt zufrieden ihre neuen Bandagen in den Händen und die Anstecknadel. Julia schaute Anne an. Sie musste zugeben, dass sie verstand, was Tim an Anna fand. Aber er hatte ihr scheinbar nicht erzählt, dass ihre Beziehung nicht mehr bestand. Sollte sie es etwa selber tun?

Bei der Siegerehrung galoppierte Anne unter Bocksprüngen mit dem Erstplatzierten Kopf an Kopf und schwenket beim Raus reiten ihr neues Stirnband für ihre Trense über ihren Kopf.

Lord Danger schmiss noch zweimal sein Hinterteil hoch und Anne lobte ihn.

Als sie abstieg kamen ihr einige Leute entgegen. Und sie erkannte Timo.

„TIMO!" „Ja hi Kleine."

Glücklich umarmte sie den Freund, der ihr zu dem wohlverdienten zweiten Platz gratulierte.

„Das sah schon Klasse aus."

Auch ihre Mutter und ihr Stiefvater gratulierten ihr.

„Schön geritten."

Diese Stimme hatte sie bisher nicht oft vernommen, denn sie war auf diesen Herren lange nicht mehr getroffen.

„Ja Hallo." Herr Mann stand vor ihr. Der Vorbesitzer von Lord Danger.

-8-

„Hallo Anne. Wie geht es Ihnen?"

„Nach diesem Ritt besser."

Herr Mann hielt Danger ein kleines Leckerchen hin und lächelte Anne zu.

„Ich wusste doch, dass man aus dem ein Reitpferd machen kann."

„Wie meinen Sie?"

„Na ja…" Und Herr Mann fing an zu erzählen:

„Lord Danger war früher unter dem Beritt des Vaters des Jungen, der heute gewonnen hat. Als er zu uns kam ließ er niemanden an sich heran."

Anne schaute von ihrem Pferd zu Herrn Mann.

„Wie kommt es?"

„Anne, stellen Sie sich dreißig junge Hengst eingepfercht auf wenigen Quadratmetern vor. Welche kaum treten können. Und sich noch nicht mal um sich selber drehen können."

Anne erschauderte, doch ließ sie den Reitstallbesitzer reden.

„So und auf so einem Paddock stand unser lieber Danger, bis er kastriert wurde. Na ja und als er dann kastriert wurde, Peng Sattel drauf, Trense mit scharfem Gebiss ins Maul und fertig."

So etwas hatte Anne noch nie gehört, das war doch Tierquälerei.

„Und dann?"

„Und dann haben wir ein Pferd für meine Frau gesucht. Eins das sie ausbilden könnte und womit sie glücklich werden könnte. Wir hatten uns bei dem Stall angemeldet und wollten ihn uns anschauen. Die Anzeige von ihm fanden wir im Pferdemarkt."

Danger schnaubte und stupste Herrn Mann an die Schulter.

„Ist ja gut Alter. Na ja, als wir seine Wunden sahen und seine Augen war uns sofort klar, dass wir ihn nehmen mussten. Wir handelten den Preis jedoch sehr niedrig, trotz bester Abstammung."

„Sie haben das Pferd genommen, trotz der Wunden und so?"

„Ja, aber der Herr hat Wind von unserem Ärger bekommen und als wir dann das Veterinärinstitut angerufen hatten, dass du Tierquälerei stattfinden würde, hat dieses aber nichts bei ihm gefunden."

„Man, wie doof ist das denn bitte?"

„Sehr Anne. Wissen Sie, ich habe mit Danger echt Anstrengungen gehabt und als ich dann mit ihm sicher war, da kamen Sie und ich muss sagen. Sie beeindrucken mich!"

„Danke Herr Mann. Aber wenn sie ihn da nicht weggeholt hätten!"

„Anne, das ist nicht auszudenken."

Er lächelte sie an.

„Sie müssen Wunderhände haben!"

„Oh wissen Sie. Ich bin vor sechs Wochen schwer gestürzt und da hat mein Stiefvater ihn geritten. Ich hatte danach so Probleme mit Danger, dass ich gedacht hatte, es nicht hier auf das Turnier zu schaffen!"

„Das merkt man Ihnen jedoch kaum noch an."

„Danke schön!"

Anne strahlte über ihr ganzes Gesicht und umarmte Danger. Der Rappe schaute sich die Meute an, die schon der M-Dressur sich widmeten.

Dies war ein eher kleines Turnier, jedoch gab es hier auch einige Spitzensportler drunter, welche sich mit ihren Pferden sehr von den übrigen Reitern abhoben. Und Anne wollte unbedingt die Starter sehen, um etwas von ihnen zu lernen.

Das Springen, das sie gemeldet hatte, war erst nach der M-Dressur, also konnte sie getrost Danger in den Hänger stellen, mit etwas Wasser und zu Essen, damit Boy auch etwas Gesellschaft hatte.

Ihr Stiefvater hatte Favorite Boy einmal für eine gute halbe Stunde aus dem Hänger geführt und ein wenig ohne Sattel und Trense, bloß mit Halfter und Strick, im Schritt über die angrenzenden Felder geritten, damit er nicht lange stehen musste.

Zum Glück war der Tag nicht heiß, sondern schön kühl und ein angenehmer Wind wehte.

Anne führte glücklich und zufrieden Danger in den Transporter, nachdem ihre Mutter ihm Sattel und Trense abgenommen hatte.

Danger schnaubte in seine Möhren rein und Anne musste lachen.

Sie hatte noch nie so ein Pferd wie ihn gehabt. Bei ihm wusste man nie woran man war. Ab und an verzweifelte sie regelrecht an seiner Art und dann, ja dann wusste sie, dass sie sich vollkommen auf ihn verlassen konnte.

Als sie raus trat und das zufriedene Malmen von Pferdezähnen im Hintergrund hörte, nahm sie erst die Menschenmenge wahr.

Es standen hunderte Autos auf der Wiese, die für das Turnier als Parkplatz, zu dem üblichen Parkplatz noch hinzu, diente.

Außerdem standen mehrere Dutzend Hänger und auch größere Sportpferdetransporter auf diesem und Anne kriegte eine leichte Gänsehaut.

Es waren so viele Leute. So viele Leute, die ihr auch zugesehen hatten.

Langsam schlenderte sie durch die Autos hindurch zum Turnierplatz.

Ein großer Schimmel galoppierte so eben gelassen und elegant durch die Bahn und es sah fast so aus, als ob er jeden Augenblick ansetzen wolle zum Fliegen.

Über seine Wertnote von 7,6 konnte er nicht klagen, denn er hatte einige Taktfehler in der Piaffe gehabt und trotzdem eine so gute Note.

Das Publikum klatschte und schon erklang der Gong und die Teilnehmerin Nummer 451 wurde aufgerufen.

Ein Raunen ging durch die Reihen, denn ein lackschwarzer Hannoveraner schritt, im wahrsten Sinne des Wortes, herein.

„Grand Classique und seine Reiterin Marie Albrecht. Beide sind bekannt in der Turnierszene und immer wieder schön anzusehen."

Das musste Anne zugeben.

Grand Classique war riesig, muskulös, jedoch wirkte er zierlich und voller Tatendrang.

Sie hatte noch nie ein Pferd gesehen, dass gleichzeitig das Feuer in den Augen hatte und gleichzeitig so gelassen wirkte.

Marie Albrecht grüßte die Richter und trabte an.

Der Hengst schmiss die Beine und Anne fragte sich, wie Marie so bequem aussitzen konnte. Man sah den Schwung und die Losgelassenheit dieses Pferdes und beinahe wurde sie neidisch. Doch sie schalt sich zur Vernunft.

Ihr Danger hatte auch Potenzial, man musste es nur langsam Wachkitzeln und auch Merkur hatte seine guten Seiten. Er würde zwar nie ein Pony werden, welches auf Turniere ging, dafür war er schon zu alt, aber ihm gefiel es auch sich zu präsentieren.

Marie und Grand Classique nahmen grad eine Diagonale mit Galoppwechseln und alles wirkte so harmonisch.

Doch gerade als Anne für sich selber ins Schwärmen kam, trat Julia Albrecht neben sie.

„Na, gefällt sie dir?"

„Passt schon."

Anne versuchte sie auf Pferd und Reiter zu konzentrieren, doch die Anwesenheit derer, die mit Tim eine Beziehung hatte, brachte sie immer wieder raus.

„Sie ist meine ältere Schwester."

„Sie? Aha, schön."

„Hey, wieso so wortkarg?"

Anne fuhr herum.

„Weil ich mir vielleicht hier die M-Dressur ansehen will?"

„Sei nicht so zickig. Ich hab dir nichts getan."

Anne funkelte sie an.

„Nein, DU nicht."

„Aber Tim…"

Julia versuchte das Gespräch darauf zu lenken, jedoch biss sie bei Anne auf Granit.

„Ich will nicht über Tim sprechen, okay?"

„Er hat dir wehgetan…"

„Was geht dich das an?"

Julia ging nicht auf Annes Einwürfe ein.

„Er hat mir alles erzählt!"

„Sollte man seiner Freundin auch, wenn man ehrlich ist."

„Man mit einem oder zwei N?"

Zum ersten Mal in diesem Gespräch schaute Anne Julia in die Augen und lächelte.

„Mit zweien, du hast Recht."

„Also können wir?"

„Nein, ich möchte gern weiter schauen."

„Dann nicht, aber rede mit Tim, ihm geht es wirklich nicht so gut."

„Das hat er sich selber eingebrockt! Ich rede NIE MEHR mit ihm."

Damit wandte sich Anne zum Turniergeschehen ab und ignorierte Julias Versuche nochmal mit ihr zu reden.

Irgendwann gab es Julia auf. Sie hatte auch keinen Nerv mehr für ihren Exfreund Vermittlerin zu spielen.

Er war zu ihr gekommen und hatte ihr selber erzählt, dass er sich in Anne verliebt habe. Das erste Mal in seinem Leben, dass es ihm wehtun würde.

Julia war erstaunt über ihn, denn dafür war er eigentlich nicht bekannt. Er hatte sich noch nie so in ein Mädchen verliebt, dass er dafür einem anderen Mädchen den Laufpass gab. Und Julia war froh über seine Ehrlichkeit. Er hätte sie auch einfach anlügen können oder ähnliches.

Seufzend ging sie zum Abreiteplatz, auf dem sich ihre Schwester über eine verdiente 8,3 freute. Julia beneidete ihre Schwester nicht, denn alle meinten, dass sie und ihr Fuchs eines Tages mindestens so gut seien und selbst Marie gab es zu, dass ihre Schwester noch mehr Talent hatte.

Dennoch, seit diesem Tag, gab es in ihren Kreisen noch eine die mithalten konnte. Und das war niemand geringeres als Anne.

Anne hatte sich inzwischen vom Turnierplatz entfernt und stand nun bei den Waffeln an.

Sie hatte Heißhunger bekommen und zwar nicht auf die Brote, die ihre Mutter ihr mitgebracht hatte.

„Mit oder ohne Puderzucker?", wurde Anne gefragt und somit aus ihren Gedanken, die um Tim kreisten, geholt.

„Mit, bitte."

Die Verkäuferin lächelte ihr zu und gab ihr noch ein: „Viel Glück, wenn Sie nochmal Reiten und ein toller Ritt war das vorhin", mit auf den Weg.

Viertel vor eins. Um halb zwei sollte ihre Prüfung beginnen, also war es an der Zeit Favorite Boy fertig zu machen.

Der Turnierplatz füllte sich immer mehr und der Parkplatz war so zugestellt, dass man sich fragte, wie man dort wieder runter sollte. Andauernd kamen Durchsagen wie: „Das Fahrzeug mit dem Kennzeichen E-XX 1990 soll sich bitte bei der Organisationsleitung melden. Das Fahrzeug E-XX 1990."

Und dann sah man aufgebrachte Fahrzeugeigentümer, die wild gestikulierend zu ihrem Auto gingen um anderen den Weg freizumachen.

Manfred de St. Claire hatte Boy schon zum Abreiteplatz gebracht und sich selber drauf gesetzt.

„Danke Manni."

„Ach Kleine, ich wusste doch, dass du Hunger hast."

Die Siegerehrung der M-Dressur fand soeben statt und Marie Albrecht hatte wohlverdient gewonnen. Der Schimmel war auch platziert, auf dem vierten Platz und der Reiter strahlte.

Doch Anne blieb keine Zeit zum überlegen.

Die Hindernisse wurden angefahren und aufgebaut. In Windeseile stand ein Parcours auf dem Platz und man sah von dem Dressurviereck nichts mehr.

„Na dann lauf mal ab. Ich reit den schon schön ab für dich."

Dankbar gab Anne ihre Kappe ihrem Stiefvater und lief den Parcours ab. Die Hindernisse waren wunderschön und neu. Jedoch hatte man sie wirklich bis zur äußersten Grenze hochgezogen und Anne zog sich der Magen bei einer Trippelbarre zusammen. Sie dachte an ihren Sturz, musste aber diesen Gedanken beiseite schieben. Die Steilsprünge, der Oxer und die zwei Mauern sahen harmlos aus. Auch der Wassergraben, an dessen beiden Seiten zwei große Rosenstöcke standen war harmlos.

Es war wirklich nur die Trippelbarre, die Anne Sorgen machte.

Sie hatte sich den Parcours gut eingeprägt, genauso wie die Angst vor dem Hindernis zu verlieren.

„Steil!", hörte man es über den Abreiteplatz schallen und Boy setzte soeben mit sehr viel Luft dazwischen drüber.

Etwas beruhigter ging Anne auf den schönen Wallach zu und nahm ihn am Zügel.

„Hast du die Trippelbarre gesehen, Manni?"

Ihr Stiefvater stand im Sattel auf und schaute auf den Springplatz.

„Das kleine Ding da? Glaub mir Anne, darüber lacht Boy und du auch, sobald du darüber bist."

„Meinst du?"

„Klar!"

Herr de St. Claire saß ab und übergab Favorite Boy Anne.

„Spring in zwei- dreimal und dann trab ihn noch ein wenig. Du bist sechste Starterin. Glaub mir, das schafft ihr."

Er warf Anne auf sein Pferd und schnallte die Bügel in die Richtige Länge.

„Okay, danke fürs Mutmachen!"

„Na, dafür bin ich doch da."

Das Mädchen schaute sich die anderen Reiter an und trabte an.

Wirkliche Konkurrenz sah sie nur in vier anderen Pferden, die auch großen Platz zwischen Körper und Sprung hatten.

Vorsichtig nahm sie die Zügel auf und gab die Hilfen zu einem sauberen Galopp.

„Steil!"

Der Steilsprung lag vor ihr, noch ein Galoppsprung und dann der Absprung. Perfekt landete sie und lobte Boy.

Nach zweimaliger Wiederholung wurde auch schon die Reiterin vor ihr aufgerufen.

Gerade auf dem Abreiteplatz verging die Zeit wie im Fluge.

Zur Sicherheit schaute Anne nochmal nach, ob sie gut genug nachgegurtet hatte und merkte ihre schweißnassen Hände.

Diese blau-weiße Trippelbarre machte ihr zu schaffen. Seit ihrem Sturz wollte sie so ein mächtiges Hindernis nicht mehr überspringen, doch ihr blieb jetzt nichts anderes übrig.

„Michelle Valentin auf Rodriguez. Acht Fehlerpunkte in einer Zeit von 34 Sek."

Anne wusste, erlaubt waren 35 Sekunden für den gesamten Parcours und sie musste halbwegs fehlerfrei bleiben.

„Anne Hausser auf Favorite Boy. Unbekannt in der hiesigen Turnierszene ist der Wallach keinesfalls..."

Den Rest der Ansage überhörte Anne, denn sie konzentrierte sich nur noch. Boy zuckte manchmal mit den Ohren, doch war er absolut entspannt.

Anne parierte vor dem Richterhäuschen durch, ließ die rechte Hand zum Gruß fallen und schon ertönte die Klingel.

„Jetzt oder nie!" Fast unsichtbar brauchte sie die Hilfen nur geben und Boy galoppierte auf Hindernis Nummer Eins zu. Ein leichter Steilsprung, den er einfach so nahm, als sei es ein Übungskreuz.

Der Wassergraben war das zweite Hindernis. Gefolgt von einer Kombination und dem Oxer.

Anne war ruhiger geworden und viel konzentrierter. Sie hatte ihre Angst vor der Trippelbarre fast vergessen, doch dann tauchte sie vor ihr auf.

Sie war gut in der Zeit und bisher fehlerfrei. Jedoch kamen ihr die Tausendstelsekunden in denen sie auf den Sprung zugaloppierte quälend langsam vor und sie war im Begriff durchzuparieren, doch Boy ließ sie nicht nachdenken. Viel zu früh sprang er ab und Anne spürte ihre Angst in das Hindernis zu fallen. Ängstlich klammerte sie ihre Beine in den Sattel und hielt sich in Boys Mähne fest, der schon durch die Ziellinie galoppierte.

Erst als alles klatschte und sie nochmal gegrüßt hatte, realisierte sie, dass sie Fehlerfrei und in einem irren Tempo durch gekommen war.

Erledigt sprang sie von Boy und drückte Ludger das Springpferd in die Hand.

„Was hast du denn? Das war eine irre Runde!"

„Hast du nicht die Trippelbarre gesehen? Hast du gesehen wie viel er zu früh abgesprungen ist?"

„Ach, das macht der manchmal."

„Ja, aber ich hatte Angst zu stürzen."

„Also jetzt hör mal! Du bist so eine tolle Reiterin, du brauchst nicht, weil du einmal zu übermütig warst glauben, dass du immer stürzt, wenn Sprünge dir mächtig erscheinen!"

Anne nickte, aber gab sie ihm innerlich nicht Recht.

Er hatte es ja nicht erlebt, es war IHRE Angst, nicht die von ihm.

„Aber was wäre wenn?"

„Dann hätten wir einen Krankenwagen und den Tierarzt gerufen. Man Anne, es ist nichts passiert verdammt!"

„Ja."

Ludger stieg auf und lenkte Boy zum Trockenreiten auf einen kleinen Reitweg, der genau um das ganze Turniergeschehen herumführte.

Anne wollte jetzt nicht reiten.

Sie sah sich ihre Zeit an und schluckte. 28Sekunden. Wie hatte sie das geschafft?

Auch andere Reiter waren Fehlerfrei durchgekommen, das würde bedeuten, dass es ein Stechen geben würde und sie nochmal reiten müsste. Und wenn sie nicht aufgeben würde, dann müsste sie wohl oder übel nochmal reiten.

Boy ging in Profimanier unter Ludger über den Reitweg.

Lobend klopfte der junge Mann das Pferd und genoss die sanften Bewegungen. Er verstand die Angst, die sich in Anne hegte, aber er wusste, wenn sie diese nicht heute besiegen würde, dann würde es nie mehr klappen.

Er hatte eine gute Übersicht, was sich auf dem Springplatz abspielte und sah grade einen feurigen Fuchs über den Oxer springen. Vom Verhalten ähnelte dieser stark Danger. Er sah unberechenbar aus und genauso sprang er. Ab und an riss er den Kopf in die Höhe und schmiss sofort sein Hinterteil hoch. Sein Reiter saß jedoch nicht verkrampft auf dem Tier, sondern ließ es einfach. Es schien, als ob er auf dem Fuchs festgeklebt war und lobte sein Pferd beim raus reiten, als ob es etwas Bravouröses geleistet hätte.

Ludger beschloss sich bei der Turnierleitung zu erkundigen, wer der Reiter war, denn beim näheren Hinschauen hatte er starke Ähnlichkeit mit Tim. Annes Tim.

Leider hatte er aber nicht die Ansage hören können, denn ein Krankenwagen fuhr hinter ihm die kleine Nebenstraße entlang und stellte die Sirene an.

Boy machte dieses Geräusch nichts aus, er blieb ganz ruhig und schnaubte nur mal kurz, jedoch sah Ludger einige Pferde auf dem Abreiteplatz, die verängstigt angaloppierten und ein Pferd, den Fuchs von eben, der Senkrecht in der Luft stand.

„Was nimmt der bitte, damit der im Sattel bleibt? Sekundenkleber?"

Ludger trabte den Wallach locker an und ritt zum Abreiteplatz hinüber. Und er musste gar nicht mehr irgendwo nachfragen. Es war nicht Tim, der sich auf dem Pferd hielt, sondern dieser junge Herr sah wie eine Kopie von Tim aus, nur mindestens zwei Jahre älter. Jedoch hatte er die gleichen Gesichtszüge, dementsprechend zog Ludger auch die einzige Schlussfolgerung, die hier möglich war. Brüder.

Langsam bekam die Tim-Kopie seinen Hengst unter Kontrolle und alle auf dem Abreiteplatz konnten wieder beruhigt weiter abreiten.

Doch wo der eine war, konnte der Bruder auch nicht weit sein und Ludger lag mit der Vermutung richtig. Auch Tim saß auf einem Pferd, auf einer Scheckstute, welche absolut brav unter ihm trottete. Genau das Gegenteil von dem Fuchs. Gelassen, völlig cool.

„Tim reitet?"

Anne war neben ihm aufgetaucht und hatte auch Tim bemerkt.

„Ja scheint so."

„Und er startet in der gleichen Klasse wie ich?"

„Auch das scheint mir so!"

„Ich geh das Stechen."

Verbissen schaute sie auf die Sprünge.

„Gut so. Die Kämpferin kenn ich! Anne du bist klasse."

Er saß ab und überließ Anne wieder das Feld.

„Gib ihm noch mehr den Kopf frei. Er wird fliegen, ich verspreche es dir."

Die beiden wechselten noch einen Blick und das Mädchen stieg auf, während Ludger zu Danger ging, um ihn ein wenig rumzuführen und fressen zu lassen.

„Du hier?"

„Was dagegen?"

„Bist du schon gesprungen?"

Anne verdrehte entnervt die Augen und wendete Boy ab.

„Was geht dich das an Tim?"

„Na ja, ich will die Konkurrenz schon kennen."

„Gut, hiermit kennst du sie."

Und damit verschwanden Pferd und Reiter auf einen angrenzenden Reitweg, der durch zwischen einer Baumschule lang lief.

Anne hatte keine Lust ausgerechnet gegen Tim anzutreten, aber sie konnte auch nicht kneifen.

Doch da sie wusste, dass sie in ihn verliebt war, konnte sie jetzt nicht kneifen.

Sie trabte Boy locker an und drehte nach wenigen Minuten wieder rum und kam gerade früh genug an, denn die Hindernisse für das Stechen wurden aufgebaut.

„Ludger?"

Der junge Mann schaute zu ihr rüber und nickte ihr zu. Und jetzt wusste sie es. Die Trippelbarre wurde abgebaut und Tim war im Stechen.

Sie verkürzte ihre Steigbügel wieder und galoppierte an.

„Sprung frei!" Gelassen nahm Boy den Sprung und noch einmal, als hätte er es mit Aufwärmsprüngen der Klasse E zu tun.

Anne lobte den hübschen Wallach und sah sich nach Manfred um.

Sie entdeckte niemand ihrer Leute, jedoch den Trainer des Landeskaders und der sprach soeben mit Tim.

„Ausgerechnet mit Tim Favorite, ausgerechnet mit Tim."

Das Pferd unter ihr schnaubte und scharrte ein wenig mit den Hufen, doch Anne schaute nicht auf ihr Tier, sondern auf den Trainer und Tim.

„Was will der von dem?"

In dem Moment trabte Tims älterer Bruder vorbei, den sie auch schon kennen gelernt hatte und hatte sie bemerkt.

„Hi Anne, du auch…?"

Er folgte ihrem Blick und parierte durch.

„Ach Tim und Armin? Armin ist mein Trainer."

„Armin Roderich ist dein Trainer?"

„Ja und Tim und ich stellen seine Pferde inzwischen vor."

„Bonzen."

Der Gutaussehende junge Mann lächelte sie lieb an.

„Nein. Ich werde von ihm trainiert seit ich acht Jahre alt bin. Und habe mit ihm ein gutes Freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Damals, als er anfing mich zu trainieren war er bloß Reitlehrer. Ist erst später Trainier geworden und da er selber nur noch wenig reitet, hat er mich überredet, dass ich seine Pferde vorstelle. Na ja, dann hat Tim das Reiten wieder entdeckt und hat sich vor einem Monat das erste Mal wieder aufs Pferd gesetzt. Und jetzt reitet er schon mit."

Sie schauten beide zu Tim rüber, der wild gestikulierend auf Roderich einredete.

„Was will der?"

„Ach seine Stute läuft heute so, als hätte sie Schlafmittel bekommen oder Muskelkater und du kennst doch Tim, wenn es ihm nicht so gut geht, dann motzt er schon mal."

Das Mädchen wurde neugierig.

„Nicht so gut geht?"

Thorsten trabte wieder an und lächelte sie an.

„Er kriegt nicht jeden Tag eine Abfuhr."

„Er hat doch eine Freundin."

Nichts ahnend zog Tims Bruder die Schultern hoch und meinte bloß:

„Eine Freundin? Nicht das ich wüsste."

Jetzt war Anne verwirrt.

„Doch er meinte es noch zu mir."

„Ich weiß nichts."

Damit galoppierte er an und rief: „Steil".

Anne konnte nicht weiter fragen, denn die Reiter wurden gebeten den Parcours abzugehen.

Marie- Therese de St. Claire war aufgetaucht und lächelte ihre Tochter zu.

„Ich halte ihn solange."

Anne saß ab und umarmte ihre Mutter.

„Danke Mama."

„Also wenn es für eine Sache keine Danksagung geben muss, dann ist es, dass ich Mannis Pferd festhalte."

Thorsten und Anne trafen sich auf dem Turnierplatz beim Abgehen wieder.

„Wie hat es Tim geschafft innerhalb eines Monats wieder so gut zu werden?"

„Wenn ich das mal wüsste. Na ja hat auch sehr viel mit der Stute zu tun. Armin hat sie ihm gegeben und sie ist eine Alleskönnerin. Er muss nur auf ihr sitzen und ein paar wenige Hilfen geben, aber sonst. Da gehört nichts dazu sie zu reiten."

Sie schritten systematisch ab und gaben sich noch wenige kleine Tipps, wie es am besten sei zu reiten.

Es waren nicht viele Reiter ins Stechen gekommen, aber auch nicht wenige. Von knapp über fünfzig Reitern waren achtzehn ins Stechen gekommen und Anne kribbelte es in der Magengegend. Sie war lange nicht mehr in einem Stechen gesprungen und jetzt gleich auch noch gegen den Jungen, den sie liebte.

Sie war neunte Starterin, ganz in der Mitte und sie konnte noch entspannt die vorigen Reiter beobachten, denn Boy war warm genug. Thorsten ritt rein und grüßte.

Sein Fuchs wirkte jetzt etwas ruhiger und nahm die Sprünge kraftvoll aber völlig Fehlerfrei und die Zeit war auch kaum zu unterbieten.

Sie war direkt nach ihm dran und er nickte ihr Glück wünschend zu, als sie aneinander vorbei ritten.

Die Richter nickten ihr auch aufmunternd zu, als sie grüßte und Anne galoppierte mit einem Lächeln auf den Lippen an.

Die Sprünge waren hoch, aber nicht hoch genug für Boy, der das alles als Spielplatz ansah. Er war wirklich gut und die Zuschauer klatschten begeistert nach jedem Sprung, den das Paar mit Bravour hinter sich ließ.

Auch Annes Mutter schaute stolz auf ihre Tochter und machte eifrig Fotos. Sie wusste, dass die Zeit von Anne nicht für einen Sieg reichen würde, da Thorsten mit Lichtgeschwindigkeit durch den Parcours gejagt war, aber ihre Zeit war trotzdem sehr gut.

Der Hals des Wallaches war schaumbedeckt, er schwitzte, aber er galoppierte fröhlich über den Platz.

Anne klopfte ihn und wartete auf ihre Zeit. Sie war fehlerfrei geblieben und als sie sah, dass sie bloß 0,4 Sekunden über Thorstens Zeit lag hoffte sie, dass nicht zu viele Reiter schnelle und gute Pferde besaßen. Und ihr Wunsch sollte ihr erfüllt werden.

Zwei Reiter stürzten, da die Pferde kein zweites Mal über den Wassergraben gehen wollten und sie sahen aus wie paniert. Der „Graben" bestand aus einer Art Bassin, welches mit Wasser gefüllt war, der Rand dieses Bassin war bloß zehn Zentimeter hoch und die Reiter die dort rein stürzten, rutschten automatisch weiter nach vorne in die Sandbahn rein.

„Panierte Schnitzel gefällig?", lachte neben Anne Timo auf.

Der Freund war immer noch da und grinste sie an, als grade wieder ein Reiter aufgab und sein Pferd vom Platz führte.

„Nee danke, heute nicht", antwortete sie bloß mit einem Blick auf den Reiter, der ihr Leid tat, da sein Pferd doch Talent hatte und er selber so motiviert ausgesehen hatte.

Doch Timo hielt ihr ein richtiges Schnitzel unter die Nase.

„Echt nicht?"

„DOCH!"

Sie schnappte sich das Fleisch und drückte ihre Schenkel zusammen.

„Danke Großer."

„Das war einmal ein Schnitzel."

Manfred kam mit einem Handtuch für Pferd und Reiter an und reichte es erst Anne.

„Danke."

Sie balancierte das Schnitzel, während sie die Bügel wieder länger schnallte mit zwei Fingern und das Handtuch hielt sie im Mund.

„Wie viele sind schneller als ich?"

„Nur Thorsten bisher, zwei Reiter gehen noch."

Anne warf einen Blick zum Turnierplatz. In dem Moment schaute Tim zu ihr rüber, sein Blick wirkte traurig und Anne schaute schnell weg.

„Ach abwarten wie die sind."

„Genau!"

Der Schweiß auf ihrer Stirn fiel ihr erst jetzt auf und sie nahm den Helm ab um sich das Gesicht abzutrocknen.

„Boy ist toll gesprungen. Ich wusste ihr würdest es schaffen."

„Danke Manfred."

Ihr Stiefvater nahm ihr das Handtuch ab.

„Kann ich es jetzt für dein Ross nehmen?"

„Klar."

Manfred trocknete seinem Tier den Hals ab.

„Wird er von selber nicht trocken?"

„Ach klar, wenn du ihn vernünftig trocken reitest eh. Aber ich gehe kein Risiko ein und Favorite mag das eh."

Box schubbelte sich an das Handtuch und Anne sah Tim zu, der eine ruhige und auch Fehlerfreie Runde schaffte. Doch als Anne seine Zeit hörte stemmte sie ihre Faust in die Höhe.

Sie war schneller, sie hatte ihn geschlagen.

„Was freust du dich?"

„Nichts Manfred. Ich freu mich einfach über einen zweiten Platz."

Der war ihr sicher, denn der letzte Reiter auf einer Scheckstute verließ mit 12 Fehlerpunkten das Viereck.

„Ein Satz mit X."

„Kann jedem guten Reiter mal passieren."

„Stimmt."

Sie trieb Boy zu einem ruhigen Schritt an, damit er sich abreagieren konnte.

„Guter Ritt Anne."

Anne schaute zur Seite und sah Tim.

Der blonde Junge lächelte etwas zögerlich zu ihr rüber.

„Gleich zwei zweite Plätze? Ich freu mich für dich!"

Kalt musterte Anne ihn.

„Ach ja?"

„Ja man. ANNE!"

Seine Stimme wurde lauter.

„Man Tim, ich will mit dir nicht reden."

„Wieso denn nicht?"

„War ich für dich auch nur so eine Kussaktion? Eine mehr in deinem Leben?"

„Nein, aber das wirst du nie verstehen."

Und damit ließ Tim sie stehen.

Anne merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und wischte sich über ihre Augen.

„Verdammte Misere. Wieso verlieb ich mich ausgerechnet in so einen?"

Doch so angestrengt sie auch einen Grund suchte, sie fand einfach keinen. Sie dachte an seine schönen Augen, an seine verwuschelten Haare, an seinen kleinen Bartflaum und vor allem daran, wie er sie geküsst hatte. Hatte er sie nur ausgenutzt?

Die Siegerehrung fand statt und Thorsten lächelte ihr über den Platz zu.

„Thorsten Haas auf Mephisto, Anne Hausser auf Favorite Boy, Marie- Bathilde auf Midnight Dream, Tim Haas auf Royal Chocolate, Simone Speer auf Romanyo de la Serva und Amélie Montabaur auf Sidewalk bitte auf den Platz."

Ein Applaus ertönte und die sechs Reiter lenkten ihre Pferde zur Platzierung. Thorsten strahlte wie ein Honigkuchenpferd und das konnte er mit Recht. Er hatte dieses schwierige Pferd zum Sieg gesprungen.

„Gut gemacht junger Mann."

Der Sponsor, Herr Dameling, gab ihm die Hand und seinen Preis. Der kleine goldene Pokal funkelte in der Nachmittagssonne und die goldene Schleife passte gut zu dem Fuchs. Auch der Name „Mephisto" traf es genau. Ein kleiner Teufel, sah aus wie ein Engel, doch in Wirklichkeit war er ein Satansbraten.

Der Co- Sponsor überreichte Thorsten noch einen Scheck über 100€ und neue Bandagen.

Als nächstes gratulierten die Männer Anne zu ihrem Vizeplatz.

„Schöner sauberer Ritt, das macht Freude so etwas zu sehen."

„Danke schön."

Die Worte ließen ein großes Strahlen auf Annes Gesicht erscheinen und sie nahm den kleinen Pokal, den Scheck über 30€ und die schwarzen Bandagen gerne an.

Auch die anderen Reiter wurden geehrt und reichlich prämiert.

Die Ehrenrunde war besser als die von der Dressur, denn die Pferde benahmen sich um Klassen besser und kein Pferd kam auf die Idee zu steigen oder buckeln. Selbst Mephisto nicht.

„Du reitest wirklich gut Thorsten."

„Kann ich nur zurückgeben."

Sie lächelten sich zu und dann wurde Thorsten wieder ernst.

„Ich weiß jetzt, was du vorhin meintest. Als du von Tims Freundin gesprochen hast. Sie ist inzwischen seine Ex. Ich glaube ihr solltet reden."

Anne nickte und lobte Boy.

„Wenn er Zeit hat, dann soll er heute Abend zu mir kommen."

„Soll ich dir was sagen?"

„Was denn?"

„Er wird nichts lieber tun als das."

Damit trennten sich ihre Wege und Anne ließ sich von ihrer Familie umarmen und von Ludger und Timo.

„Schön gemacht und das hätte niemand gedacht, das mit dem zweiten Platz." Ludger strich ihr über die Haare, welche sich langsam einen Weg durch ihr Haarnetz bahnten.

Anne umarmte den schönen Wallach und verstaute ihre Preise auf dem Rücksitz von Ludgers Auto.

„Anne, hier ist ein Mann, der dich sprechen möchte."

Das Mädchen drehte sich um und vor ihr stand Armin Roderich, mit einem Notizblock in der Hand und einem strahlen auf dem Gesicht.

„Also Mädchen, das war schön von dir."

Sie seufzte.

„Aber an deinem Stil könnte man noch etwas ändern. Natürlich nur wenn du willst."

Herr Roderich stand im Gegenlicht, so dass Anne etwas die Augen zukneifen musste, um ihn zu sehen.

„Ich trainiere zweimal die Woche hier in der Gegend, wenn du wen fändest, der deine Pferde dahin bringen würde, dann würd ich dich gern auch trainieren. Ich denke auch, dass der Preis nicht zu hoch sein wird."

Anne nickte freudig und stellte ihrer Mutter und dem Stiefvater Armin Roderich vor, der sofort mit Manni eine ernsthafte Unterhaltung über Anne anfing, die damit endete, dass Anne wirklich bei Armin Roderich reiten sollte.

„Lass fahren Anne. Du bist sicher KO und die beiden hätten noch eine Dusche verdient."

„Ludger, du hast wie so oft Recht."

Anne drehte sich um und verabschiedete sich noch von den Erwachsenen.

Sie hakte sich bei dem Freund unter und lief zum Auto.

„War das ein schöner Tag für dich?"

„Ja und wie! Eigentlich nicht mehr zu toppen", lächelte sie versonnt.

„Eigentlich?"

Sie grinste ihn von der Seite an.

„Ja eigentlich. Mal schaun was der Abend so bringt."

Er lachte hell auf und startete den Motor. Anne schaltete das CD-Radio ein und legte eine der CDs ein, die vor ihr lagen und wenige Sekunden später, als sie auf dem holprigen Feld zur Ausfahrt des Turnierparkplatzes fuhren.

„Zufrieden?"

„Sehr."

Genüsslich kuschelte sie sich in den Sitz des großen Wagens und döste bis vor ihre Haustür.

„Aufwachen Schönheit."

Anne lachte und schlug mit ihren Reithandschuhe in Ludgers Richtung.

„Na komm, lass die Pferde abladen und duschen."

Er öffnete die Hängerklappe und nahm die Sicherheitsstange raus.

„So Danger, dann komm mal mit."

Langsam führte Ludger den Wallach ruhig von der Rampe und drückte seinen Führstrick in die zarten Hände von Anne.

Die Bäume neben dem Stall raschelten leicht im Abendwind und Anne atmete tief durch, als sie mit Lord Danger zu dem kleinen Putzplatz ging, der auch als Abspritzplatz diente.

„So mein Dicker, Dusche gefällig?"

Sie band Danger an und umarmte ihn.

„Danke für den tollen Tag Süßer."

„Ich weiß jetzt nicht wen du meinst, aber na ja…"

Eine Gestalt kam um die Ecke und Anne richtete erschrocken den soeben angemachten Wasserschlauch auf diese.

„Bist du des Wahnsinns?"

„TIM?!"

„Richtig…"

Stumm betrachtete er sie.

Annes Haar war zerzaust, die weiße Hose wies braune Dreckspritzer auf und die Bluse war völlig zerknittert, aber sie sah toll aus.

Ihre Augen blitzten in den letzten Sonnenstrahlen des Tages und auch sie musterte ihn.

Er hatte noch sein Jackett an und seine Turnierhose an. Die schweren Lederstiefel hatte er mit Chucks ausgetauscht und seine Haare waren zerzaust, so dass man aber nicht wusste, ob es ungewollt oder gewollt war.

Rasch ging er zwei Schritte auf sie zu und zog sie an sich.

„Verdammt nochmal, lass mich los."

Sie schlug ihn auf die Wange, doch eigentlich wusste sie, dass sie sich nicht wehren wollte.

„Hey, nicht schlagen."

Er griff nach Annes Hand und streichelte sie zärtlich.

„Ich will mich nicht noch weiter mit dir auseinander setzen."

Und damit küsste Tim Anne auf den Hals.

„Ich hab mich doch in dich verliebt."

Anne versteifte sich in der Umarmung und starrte ihn an.

„Du? In… mich???"

Ungläubig suchte sie seinen Blick.

„Ernsthaft Anne. Ganz ernsthaft!"

Doch Anne kam nicht dazu irgendetwas zu antworten. Aus den Boxen hörte man ein schreckliches Wiehern. Es klang schmerzerfüllt und todesnah. Mit einer Bewegung entriss sie sich Tims Umarmung und schmiss den Wasserschlauch weg.

Und im Stall bot sich ihr ein schreckliches Bild.

Der Ponywallach lag schwitzend in der Ecke seiner Box.

„Ruf den Tierarzt!"

Anne kniete schon neben Merkur nieder und versuchte ihn am Halfter hochzuziehen. Auch nach mehreren Scheuchversuchen machte der Kleine kein Anzeichen aufzustehen.

„Bitte, Merkur, du musst aufstehen."

Doch er schaute sie nur aus müden Augen an.

Ludger und ihre Mutter kamen hinzu, als sie von Tim erfuhren, wie es Merkur ging. Doch auch sie schafften es nicht den kleinen Wallach zum Aufstehen zu Überreden.

„Mama, das sind Todeskrämpfe." Anne musste schlucken, als sie diese Worte über die Lippen gebracht hatte und sie spürte den dicken Kloß in ihrem Hals.

„Woher willst du das denn so genau wissen", flüsterte Tim, der sich hinter sie gekniet hatte und einen Arm beruhigend um die Schultern legte.

„Er atmete unregelmäßig, er krampft, er hat leere Augen." Schluchzend verbarg sie ihr Gesicht an Tims Schulter.

Der Tierarzt, der schnell kam, konnte dies leider nur bestätigen.

„Merkur ist nicht mehr der jüngste Herr, ich denke, dass er durch den Tod seines letzten Besitzers sehr gelitten hat und nur einen Funken neuen Lebensmuts wieder gefunden hatte."

Die Personen, die sich um Merkur versammelt hatten, hatten alle Tränen in den Augen, selbst Tim, von dem eigentlich keiner eine Gefühlsregung erwartet hatte.

„Ich denke, es wäre für Merkur besser, wenn er nicht weiter leidet." Anne schaute versuchsweise fest in die Augen des Tierarztes.

„Sind Sie sich sicher? Diese Entscheidung wäre endgültig!" „Das ist mir bewusst, aber ich will nicht, dass er noch in die Tierklinik kommt. Nein, lieber wenn ich dabei bin!"

Hilfesuchend wandte sich Anne an ihre Mutter.

„Ich denke, dass es besser wäre Herr August! Ich will den Kleinen auch nicht leiden sehen!" „Sie wollen, können oder möchten es nicht. Um Ihren oder des Tieres Willen?" „Um des Tieres Willen! Dieses Pony hat es verdient nicht lange zu leiden."

Der Tierarzt nickte und holte seine Tasche.

Die Sekunden in der er die Spritze aufzog, kamen allen Beteiligten wie eine Ewigkeit vor.

Anne hielt den Kopf ihres Ponies und Tim saß hinter ihr, streichelte ihre Schultern und stand ihr bei.

Der Tierarzt schaute noch einmal von Mutter zu Tochter, setzte dann die Spritze an und wenige Sekunden später, wurden die Augen Merkurs ganz leer, der Kopf wurde schwer, der Atem immer langsamer. Und irgendwann zeigte er keine Rührung mehr.

Er war eingeschlafen. Eingeschlafen in den Armen seiner liebenden Besitzerin, die immer noch über das Maul streichelte, aber auch merkte, dass die Seele des Tieres nicht mehr in dessen Körper war.

Herr August stand auf und packte seine Tasche wieder ein.

„Frau St. De Claire, ich müsste dann einige Sachen wegen der Papiere und des Abtransports und einer eventuellen Obduktion mit Ihnen besprechen, würden Sie vielleicht mitkommen?"

Annes Mutter wischte ihre Tränen weg, nickte und folgte dem Tierarzt.

Anne lag auf dem leblosen Pony und schluchzte, wie sie es noch nie getan hatte. Sie hätte es wohl bei dem Tod ihres Vaters getan, wenn sie ihn gekannt hätte, doch sie war damals zu jung.

Tim saß die ganze Zeit an ihrer Seite und streichelte ihren Rücken, auch ihm liefen Tränen runter, doch es störte ihn nicht. Für ihn war es nur wichtig, wie es Anne ging.

Nach einer kleinen Ewigkeit, zeitlich bemessen zwei Stunden, löste sich Anne von dem inzwischen stark abgekühlten Pferdekörper.

„Tim…" „Ja?" Die beiden flüsterten nur noch. „Ich glaube Merkur war nur da, um mir zu helfen, damit ich nicht so alleine bin. Vielleicht hat er gemerkt, dass er jetzt nicht mehr dafür gebraucht wird." „Das klingt hart, wie genau meinst du…?" „Das heißt, dass ich dich liebe. Und dass ich hoffe, dass es mit uns weiter geht. Und na ja, ich glaube, dass es ein Tier des Schicksals war. Einer der merkte, dass ich alleine war. Und jetzt, hoffe ich, nicht mehr." Tim nahm sie zärtlich in den Arm.

„Ich verstehe dich." „Ja?" „Ja… und ich glaube, dass du heute zwar einen Freund verloren hast aber auch einen gewonnen. Merkur war ein tolles Tier, ein wunderschönes und intelligentes… aber… ich versuche dir über den Tod dieses Pferdes wegzuhelfen. Und ich versuche kein Mistkerl zu sein. Ich werde mich bessern."

„Danke."

Und damit standen sie auf. Noch einmal streichelte Anne über den Körper des Fuchses.

„Danke Merkur, danke dass es dich gegeben hat und du der warst, der du warst!"

Tim hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt und sie um seine Hüfte. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein kurzes Lächeln, das einen Regenbogen, bei all den Tränen auf dem Gesicht hätte zaubern können. Ein Lächeln, das einen Start in ein neues Leben, mit Tim, aber ohne Merkur, mit Zuversicht ankündigte.